13.08.2021

Das Sommerinterview mit Bürgermeister Höfer

Hochwasserschutz: Alle Hoffnungen ruhen auf dem neuen Rückhaltebecken, dessen Bau sich aber verzögert.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Hansjörg Höfer, der am 21. Mai 65 Jahre alt wurde, geht in die letzten Monate seiner 16-jährigen Amtszeit, die am 31. Januar endet. Die RNZ traf den Bürgermeister zum Sommerinterview, kurz bevor er in den Urlaub ging. Die Themen des Gesprächs liegen auf der Hand: Hochwasserschutz, A 5-Lärm, der Straßenfest-Ersatz ohne Beteiligung der Vereine und die Luftreiniger in den Schulen.

Herr Höfer, seit einem Monat dominierten Meldungen aus den Hochwassergebieten. Beunruhigt es Sie, dass die Sanierung des alten und der Neubau des neuen Regenrückhaltebeckens ein Jahr hinter dem Zeitplan liegen?
Ich habe in den letzten 15 Jahren schon so viel erlebt – vom Hangrutsch über Hochwasser –, und ich meine, wir sind bei diesem Thema jetzt schon gut aufgestellt, um solche Lagen in den Griff zu bekommen. Denn in diesen Jahren haben sich die Starkregenereignisse gehäuft. Und gleichzeitig hat das Land die Initiative ergriffen, um die Kommunen in ihren Anstrengungen zu unterstützen. Nun haben wir die Planung für ein neues Hochwasserrückhaltebecken in Auftrag gegeben. Mit dem jetzigen Standort oberhalb vom Mühlenhof haben wir einen optimalen Platz gefunden, denn nicht der Kanzelbach ist das Problem, sondern seine Zuflüsse von den Hängen. Man muss sich aber auch klar machen, dass ein solches Bauwerk eine grundlegende Veränderung der Landschaft mit sich bringt, allein schon durch die baulichen Ausprägungen. Das ist mit Kosten rein für den Bau von mindestens 4,5 Millionen Euro schon eine große und sehr komplexe Baustelle. Auch die naturschutzrechtliche Genehmigung ist nicht ganz einfach, denn hier gibt es ein Biotop.

Aber dennoch liegen die Planungen für das neue Becken hinter dem Zeitplan …
Das ist auch Corona geschuldet. Wir planen für das Spätjahr eine öffentliche Veranstaltung – wie genau die aussehen wird, hängt von den dann geltenden Bestimmungen ab. Ja, wir sind nach dem ursprünglichen Zeitplan ein Jahr hinten dran, aber auf einem guten Weg. Bis Ende 2024 soll das neue Rückhaltebecken fertig sein.

Aber beunruhigt Sie das nicht, dass es noch mindestens drei Jahre hin sind?
Es bestätigt meinen Weg. Oft wurde gesagt, dass ein zusätzliches Hochwasserrückhaltebecken nicht notwendig sei. Aber spätestens angesichts der Bilder aus den Katastrophengebieten hat sich das wohl nun geändert. Wir warten ja nicht nur auf ein neues Becken, wir wollen auch mit zusätzlichen Maßnahmen unsere Schwachstellen für ein Hochwasser rüsten.

Und diese Schwachstelle wäre?
Die Gaulsbrücke, für die wir einen mobilen Hochwasserschutz, also Schläuche, die mit Wasser oder Luft gefüllt werden. Bisher hatten wir hier nur Sandsäcke, nun stehen uns auch andere Optionen zur Verfügung.

Wird diese Schwachstelle bei der anstehenden Talstraßensanierung beseitigt?
An den baulichen Gegebenheiten der Gaulsbrücke kann man nicht viel verändern. Im Grunde hilft nur das neue Hochwasserrückhaltebecken – auch wenn die Kanalisation in der Talstraße größer sein wird als heute. Aber wenn bei uns so etwas wie im Ahrtal passieren würde, hilft das auch nicht viel.

Aber Rathaus und Feuerwehrhaus bleiben im Überschwemmungsfall doch weiter hoch gefährdet?
Ja, auch wenn wir alles versuchen, diese beiden Gebäude abzuschotten, denn schließlich müssen die als sensible Infrastruktur besonders gut geschützt sein.

Feuerwehrkommandant Oliver Scherer hat im RNZ-Interview gesagt, dass das Feuerwehrhaus an einen anderen Ort kommen sollte. Ist es nicht mehr zu halten?
Ich stimme Oliver Scherer zu. Allerdings wird das jetzige Gebäude auch nach einem Umzug in der ein oder anderen Form, die der Allgemeinheit dient, erhalten bleiben – allein schon wegen der Nähe zum Festplatz. Wir brauchen es für den Mathaisemarkt oder das Straßenfest. Wir werden das Areal also nicht verkaufen, um einen Neubau zu finanzieren.

Sie haben die Nebenbäche erwähnt, die mehr Probleme machen als der Kanzelbach. Bei der Überflutung im letzten Jahr war es vor allem der Pappelbach. Aber der mündet ja unterhalb des geplanten Hochwasserrückhaltebeckens in den Kanzelbach …
Beim Pappelbach war vor allem das Problem, dass das Rohr unter der Straße so schnell verstopft war. Aus diesen Erfahrungen heraus haben wir den Einlauf verändert, der Äste und Geröll zurückhalten soll. Aber wir lassen zusätzlich noch einmal von Experten überprüfen, ob weitere Maßnahmen notwendig sind. Wir haben also schon jetzt eine Menge gemacht. Mir macht der Bach am Stammberg fast mehr Sorgen. Dass der mal das gesamte Areal überschwemmen könnte, hätte ich nie gedacht. Aber wir haben aus den letzten Ereignissen dazugelernt.

Anderes Thema, der A5-Lärm und die Präsentation der Messergebnisse. Haben Sie die Ergebnisse überzeugt?
Vorgehen und die Transparenz der Autobahngesellschaft waren hervorragend – und dass man mit den Ergebnissen so offen umgegangen ist und mit den Bürgern diskutiert hat. Da wurde nichts verheimlicht. Trotzdem bleibt das Empfinden der Anwohner, dass der Lärm unangenehmer geworden ist, weil sich der Ton der Rollgeräusche verändert hat. Und es steht eine Antwort aus, was die Wirkung der Betongleitwände angeht. Ich denke, dass die auch eine Rolle spielen, weil sie den Schall reflektieren. Eventuell sollte man über schallschluckende Maßnahmen an diesen Betongleitwänden nachdenken. Dazu sollte die Autobahngesellschaft nach der Sommerpause eine Stellungnahme abgeben.

Bleiben Sie bei Ihrer Forderung nach einem Tempolimit?
Ja, als Sofortmaßnahme zur Verbesserung der Lärmsituation.

Aber ein Tempolimit bezeichnete die Autobahngesellschaft als unrealistisch, zumal die vielen Lastwagen davon gar nicht betroffen wären.
Aber man sieht zugleich auch, dass nach dem Tempo 100 kurz vor Dossenheim dann Richtung Schriesheim Gas gegeben wird. Wäre die Geschwindigkeit gleichmäßiger, wäre es auch leiser. Irgendwann wird auch die Standspur befahrbar sein, dann gibt es wieder mehr Verkehr und neue Diskussionen. Und bis dahin will ich mich nicht vertrösten lassen. Im ganzen Land gibt es so viele Abschnitte mit Geschwindigkeitsbegrenzungen, wieso nicht auch hier?

Wissen Sie, wann die Standspur befahren werden soll?
Bis Schriesheim ist noch nichts projektiert.

Kommen wir zum Straßenfest: Verstehen Sie die Kritik der Vereine, dass diese bei der Ersatzveranstaltung außen vor gelassen werden?
Ja, ich verstehe den Wunsch nach Beteiligung an einem solch großen Ereignis wie dem Straßenfest und nach einer Aufbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation. Das letzte Jahr war in dieser Hinsicht sicher nicht einfach. Aber ein Straßenfest, wie wir es kennen, wird es nicht geben. Es sind ja auch bei der Ersatzveranstaltung nicht alle Winzer vertreten. Der Grund ist vor allem, dass Aufwand und Risiko zu groß wären. Die Vereine hätten ein Hygienekonzept ausarbeiten und den Einlass kontrollieren müssen. Und dann besteht auch noch die Möglichkeit, dass alles angesichts einer vierten Coronawelle ganz abgesagt werden muss. Alles in allem sind das so viele und so große Hürden, dass man niemandem einen Gefallen getan hätte, sich daran zu beteiligen. Und doch wollen wir uns bemühen, den Bürgern Anfang September etwas anzubieten, sozusagen eine kleine Normalität. Wir als Stadt tragen die Kosten. Ich finde, dass das mittlerweile auch von den Vereinen so gesehen wird – zumindest was ich an Rückmeldungen erhalte, bestätigt dies.

Haben Sie nach fast eineinhalb Jahren Pandemie Sorgen um die Vereine?
Die Pandemie ist der größte Einschnitt ins gesellschaftliche Leben unserer Stadt seit dem Zweiten Weltkrieg. Allerdings beschleunigt sie Entwicklungen, die es bereits vorher gab. Ich mache mir vor allem Gedanken um die Organisation der Vereine: Es wird immer schwieriger, eine Vorstandschaft zu finden; das lebenslange Bekenntnis zu einem Verein wird immer seltener, denn die Vereine werden immer mehr als Dienstleister gesehen. Deswegen müssen wir alles tun, um diesen Tendenzen entgegenzutreten. Wir als Stadt unterstützen die Vereine, wo es geht.

Was kann denn eine Stadt tun?
Erst einmal müssen Vereine mit der Zeit gehen. Wir stehen bereit mit Hilfe, um die Weiterentwicklung der Vereine zu fördern.

Im Moment wird viel über die Luftreiniger in Schulen diskutiert. Wie ist der Stand der Dinge in Schriesheim?
Ich halte nach wie vor das Lüften für das A und O. Deswegen haben wir alle Klassenräume kontrolliert – mit dem Ergebnis, dass alle Fenster geöffnet werden können. Ich bin sehr skeptisch bei den Luftfiltern, denn niemand hat Erfahrung mit ihnen. Und sie machen Lärm – einmal abgesehen davon, dass sie auch unterhalten werden müssen. Ich sträube mich nicht gegen ihren Einsatz, aber Bund und Land müssen eine klare Empfehlung aussprechen. Wir können ja nichts einbauen, was am Ende nicht funktioniert. Vielleicht sind sie eine technische Lösung, die eine gewisse Sicherheit vorgaukelt. Denn am Ende sind das Impfen und das Einhalten der Vorsichtsmaßnahmen das Entscheidende. Das gilt auch für die Kinder und Jugendlichen.

Bemerken Sie neuerdings eine gewisse Impfmüdigkeit?
Jeder, der will, hatte die Möglichkeit für einen Impftermin. Jetzt müssen wir an die gehen, die im Moment noch zu bequem sind. Ich selbst habe viele Menschen angesprochen und ihnen angeboten, einen Termin zu besorgen. Da sind mir schon einige Impfgegner begegnet – sei es aus generellen Vorbehalten, sei es, weil manche fürchten, das alles sei noch zu wenig erforscht. Aber ein Gespräch hilft immer. Wenn nicht die gesamte Bevölkerung durchgeimpft ist, befürchte ich eine neue Welle und wieder einen Lockdown. Hätte es nicht schnell die Impfstoffe gegeben, wäre unsere Gesellschaft eine andere, die Todeszahlen wären exorbitant gestiegen, und spätestens dann wäre die Wirtschaft deutlich stärker in Mitleidenschaft gezogen worden.

Der Bürgermeisterwahlkampf hat langsam begonnen. Wie schauen Sie auf ihn?
"Wahlkampf" wäre momentan zu viel gesagt. Ich bin sehr zufrieden, dass sich bislang zwei Kandidaten gemeldet haben. Die Bürger haben eine sehr gute Wahl.

Rechnen Sie mit weiteren Kandidaten?
Ich würde mich wundern, wenn keiner mehr dazu käme.

Nun gehen Sie ja in den Urlaub. Wo fahren Sie hin?
Ich radele mit meiner Frau an Flüssen entlang – an der Saar, der Mosel und der Weser.

Wollten Sie nicht noch einmal vor dem Ende Ihrer Amtszeit nach Uzès?
In diesem Sommer noch nicht, auch wenn ich nach Möglichkeit noch in meiner Amtszeit dorthin reisen möchte. Aber das ist schwer zu planen – zumal uns ja gerade die Probleme mit den Reiserückkehrern ins Haus stehen.

Apropos Ferien: Wäre es nicht eine nette Geste an die "coronageschädigten" Kinder und Jugendlichen, wenn die freien Eintritt ins Waldschwimmbad bekämen, wie es in anderen Kommunen Usus ist?
Es ist ja nicht die Stadt, die das Schwimmbad betreibt, sondern der Förderverein. Mit dem Eintritt unterstützt man das Bad. Die Mehrheit der Schriesheimer ist ja sowieso schon Mitglied. Und wer bedürftig sein sollte, dem ersetzt jetzt schon die Stadt den Eintritt.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung