16.08.2021

Der "Neue" führte souverän durch die Benefiz-Weinprobe

Manuel Bretschi hatte die knapp 150 Teilnehmer im Griff. Es gab ein bewegendes Telefonat mit Ahrtal-Winzern.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Das muss man Manuel Bretschi schon lassen: Er ist nicht nur ein versierter Weinkenner, er hat auch Entertainer-Qualitäten. Denn bei der Benefiz-Weinprobe der Winzergenossenschaft (WG) führte er so locker und zugleich informativ durch den Freitagabend vor dem Zehntkeller, dass die Besucher ganz aus dem Häuschen waren: Der neue Geschäftsführer der Winzergenossenschaft hatte die knapp 150 Teilnehmer im Griff – und die wissen seitdem (fast) alles über den Wein im Allgemeinen und den Schriesheimer im Speziellen: zum Beispiel, dass die Reben hier in Porphyr und Granit wurzeln, was wiederum ganz spezielle Weine mit mineralischem Charakter hervorbringt.

Und dass der hier so weitverbreitete Spätburgunder zwar nie so richtig tiefrot wird, aber sich dennoch nicht verstecken muss. So hatte Bretschi, der gerade mal sechs Wochen im Amt ist ("Ich bin der Neue, also wäre das schon mal geklärt") seinen ersten großen Auftritt – auch wenn der Anlass ein trauriger war. Denn die WG hatte die Weinprobe veranstaltet, um den Flutopfern an der Ahr zu helfen: Etwas über 3500 Euro werden demnächst auf das Konto des Landes Rheinland-Pfalz überwiesen.

Besonders beeindruckend war ein Telefongespräch Bretschis mit dem Winzer Lukas Sermann aus Altenahr, das Bretschi kurz vor der Weinprobe geführt hatte und über Lautsprecher zu hören war: Sermann, den Bretschi noch aus der gemeinsamen Zeit auf der Geisenheimer Weinhochschule kennt und der als einer der Aufsteiger im Weißweinsegment gilt, berichtete nicht nur von den schweren Zerstörungen und allein bei ihm von einem Millionenschaden: "Von den 52 Winzern sind 50 betroffen, uns hat es mit am schwersten erwischt."

Sondern auch von den aktuellen Schwierigkeiten, angefangen vom Pilzbefall im Wingert, über die anstehende Lese und die Vermarktung: Die Ahrtal-Winzer verkaufen ihre Weine meistens direkt, ihre Flaschen sind selten in Supermärkten zu finden: "Der Verkauf fällt jetzt flach", sagte Sermann, und auch Bretschi meint: "Die Winzer dort sind doppelt bestraft." Immerhin, so Sermann: "Die Zeit des Schlammschippens ist vorbei. Langsam geht es voran. Die Elektrik in der Kelterhalle läuft wieder, und wir haben fließend Wasser."

Zurück zur Weinprobe, die für viele Schriesheimer mal wieder eine Gelegenheit war, zusammenzukommen – Postkartenblick auf die beleuchtete Strahlenburg inklusive. Bretschi meinte: "Wenn Winzer aus anderen Gegenden hierherkommen, sagen die: Wisst Ihr eigentlich, wie schön es bei Euch ist?" Zumindest wissen die Bergsträßer, wie gut ihr Wein ist, den Anfang der Fünferprobe mit Knabbereien der Bäckereien Höfer und Heiß machte ein Schriesheimer Klassiker, ein Silvaner Kabinett – für Bretschi "ein geiles Zeug", das nach Jahren des flächenmäßigen Niedergangs wieder im Kommen ist, zumal diese Sorte "mit dem Klimawandel besser zurechtkommt als der Riesling".

Den gab es übrigens auch an dem Abend, den noch recht neuen vom Schlossberg, genauso wie einen Pinot Noir Blanc de Noirs (einen weißgekelterten Spätburgunder), einen Chardonnay und zum Abschluss eine im Eichenfass gereifte Spätburgunder Spätlese (die aber doch erstaunlich rot im Glas funkelte).

Auch die beiden Bürgermeisterkandidaten, Fadime Tuncer und Christoph Oeldorf, waren vor dem Zehntkeller – und fanden diese Benefizweinprobe mehr als gelungen, zumal, wie Tuncer sagte, "solch eine Katastrophe uns auch treffen kann". Und es sei beeindruckend, wie hilfsbereit die Schriesheimer sind. Stadtrat Rainer Dellbügge meinte: "Helfen hat mir noch nie so viel Spaß gemacht. Eigentlich muss man so etwas öfters machen."

Das sieht auch Jutta Grimmer aus Schriesheim so: "Endlich mal wieder was anderes! Und der Blick auf die Strahlenburg ist wirklich sensationell!" Stadtrat Frank Spingel wiederum nahm die Weinwertung in Form von Smileys vor. Am meisten Grinsegesichter bekam sein Favorit, der Pinot Noir Blanc de Noirs.

Und auch die drei Weinhoheiten, die beim Ausschank von etlichen Vorgängerinnen unterstützt wurden, hatten endlich wieder einen Auftritt: "Wir sind ein bisschen aus der Übung", gestand Prinzessin Fabienne Röger, und Königin Sofia Hartmann meinte: "Das hat so viel Spaß gemacht, zumal auch mehr Leute als gedacht gekommen sind." Zum Glück ziehen die Termine langsam wieder an, in knapp zwei Wochen wird sie wieder an Ort und Stelle sein, um am Straßenfest-Samstag beim Auftritt der "T-Band" mit auszuschenken.

Vor allem von Bretschi und seinem enzyklopädischen Weinwissen war Sofia "sehr beeindruckt". Und auch ein Weinkenner wie der ehemalige Verkehrsvereinsvorsitzende Karl-Heinz Schulz – sein Favorit ist der Schlossberg-Riesling – hat ein neues Lieblingswort aus dem Munde Bretschis: "tertiäre Aromatik", also Weinaromen, die bei Reifung in Fass und Flasche entstehen. Das fand Schulz so klasse, dass er es sich direkt aufschreiben musste.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung