20.08.2021

Bundestags-Wahlkreis Heidelberg: Diese Kandidaten haben keine Chance - und wollen sie nutzen

Neben den großen treten in Heidelberg mehrere kleine Parteien zur Bundestagswahl an. Die RNZ stellt vier Kandidatinnen und Kandidaten vor.

Von Julia Schulte

Heidelberg. 13 Parteien treten im Wahlkreis 274 bei der Bundestagswahl an. 13 Kandidatinnen und Kandidaten wollen Heidelberg und die Bergstraße in den nächsten vier Jahren in Berlin vertreten. Eine realistische Chance darauf haben jedoch nur wenige davon. Die RNZ hat sich vor der Wahl mit vier Bewerbern unterhalten, die es vermutlich nicht ins Parlament schaffen – und gefragt, warum sie trotzdem in den Wahlkampf ziehen und wofür sie kämpfen wollen.

Die Pro-Europäerin

Verena Willaredt ist Kandidatin für die paneuropäische Partei "Volt". Die 22-Jährige steht kurz vor dem Abschluss ihres dualen Studiums bei einem Medizintechnikhersteller und lebt in Heddesheim. Genaue Pläne für die Zeit nach dem Studium habe sie noch nicht, jedoch schließe sie nicht aus, hauptberuflich in die Politik zu gehen. Seit ihrer Schulzeit interessiert sich Willaredt für Politik und nach einem Auslandsaufenthalt in Spanien begann sie Anfang 2020, im Heidelberger Team von Volt mitzuwirken. "Ich schwimme eigentlich sehr gerne. Im Lockdown hatte ich auf einmal viel Zeit, mich mit Politik zu beschäftigen", erzählt die gebürtige Hockenheimerin.

Willaredt hat sich für Volt entschieden, weil sie überzeugt ist, dass ein junger und proeuropäischer Wind in der Politik nötig ist. "Deutschland braucht Europa und umgekehrt, und nationale Parteien stoßen zunehmend an ihre Grenzen", sagt sie. Als Kandidatin für die Bundestagswahl fühle sie sich "super wohl", auch wenn für sie als Kandidatin einer kleinen Partei die Chancen eher gering sind, tatsächlich in den Bundestag einzuziehen. Sie kandidiere trotzdem, weil das Thema Europa von immenser Bedeutung sei und es sich dafür lohne, in den Wahlkampf zu ziehen.

An Volt gefällt Willaredt besonders, dass die Partei soziale, ökologische und liberale Aspekte vereine. Von der Umsetzung der Ideen würden auch die Heidelberger profitieren: So soll der Klimaschutz durch mehr Grünflächen in Städten vorangetrieben und die Mobilität in Ballungsgebieten verbessert werden. Konkret stellt sich Willaredt "Corporate-Coworking-Plattformen" außerhalb der Städte vor, sodass Menschen arbeiten können, wo sie leben. So könnten der Pendlerverkehr reduziert und bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden.

Die Klimaschützerin

Für die "Klimaliste" kandiert die Heidelbergerin Friederike Benjes. Schon früh habe sie sich für Ökologie interessiert, erzählt die 54-Jährige, die als Softwareentwicklerin arbeitet und in ihrer Freizeit wandert und Rad fährt: "Ohne die Klimakrise wäre ich nicht in die Politik gegangen." Als sie 2019 Berichte darüber gesehen habe, dass die Permafrostböden immer schneller tauen, habe sie beschlossen, sich zu engagieren. Zeitgleich wurde die Klimaliste gegründet, für die sie in diesem Jahr bereits für die Landtagswahl kandidiert hat. In ihrer Kandidatur sehe sie den besten Weg, einen Beitrag zu leisten, damit Deutschland das Pariser Klimaabkommen einhält.

Benjes kandidiere trotz geringer Chancen auf einen Einzug in den Bundestag, um das Klimathema im Wahlkampf weiter in den Fokus zu rücken. Sie glaubt, dass viele Politikerinnen und Politiker das Ausmaß der Klimakatastrophe noch nicht verstanden haben. Mit ihrer Kandidatur wolle sie außerdem den progressiven Parteien den Rücken stärken und ein Gegengewicht zu rechten Parteien bilden, sagt sie.

Benjes und ihre Partei verfolgen eine ökologische Agenda: Bis 2025 soll es 100 Prozent erneuerbare Energien geben und es soll ein Klimageld eingeführt werden, mit dem hohe CO2-Preise sozial ausgeglichen werden. "Denn der Klimaschutz soll nicht zu Lasten der Ärmeren gehen", sagt sie. Ihre Ideen zur Mobilität hätten direkte Auswirkungen auf Heidelberg, denn Benjes möchte Städte, die für Menschen und nicht für Autos gemacht sind. Dazu sollen das Parken teurer und der Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel vorangetrieben werden. "Menschen, die an Straßen wohnen, sollen weniger Lärm ausgesetzt sein und Kinder sollen überall die Möglichkeit haben, draußen zu spielen", so Benjes.

Der Pragmatiker

Heidelbergs Direktkandidat für die "Freien Wähler" ist Daniel Brenzel. Gebürtig kommt er aus Lüdenscheid, studiert hat er in Köln und Heidelberg. Heute lebt er in Edingen-Neckarhausen und unterrichtet Sport und Englisch an einer Gesamtschule in Ludwigshafen. Der 42-Jährige verbringt seine Freizeit vor allem mit seiner Frau und dem siebenjährigen Sohn oder beim Schwimmen und Tennisspielen. "Warum ich bei den Freien Wählern bin, steckt eigentlich schon im Namen der Partei", so Brenzel: Ihm gefalle die Tatsache, dass es sich um eine pragmatische Partei handele.

"Mein politischer Ansatz ist: Wie ist der Stand momentan? Welchen Lösungsansatz kann man verfolgen?", sagt der Kandidat. "Wir sind eben frei und damit im Parteienspektrum etwas Besonderes". Für die Kandidatur entschied sich Brenzel, da er denkt, dass es nichts bringt, sich nur über Missstände zu beschweren – "Machen statt Reden", sagt er. Ihm sei bewusst, dass seine Chancen, in den Bundestag einzuziehen, gering seien, jedoch hoffe er auf viele Zweitstimmen, damit seine Partei es über die Fünf-Prozent-Hürde schafft.

Brenzels Motto lautet: "Die Bürger müssen die größtmögliche Eigenverantwortung bekommen und man muss ihnen zutrauen, die richtigen Entscheidungen für die Gesellschaft zu treffen." Es dürfe nicht von oben verordnet werden, was gut für die Bürger sei. Daher sei er zum Beispiel gegen eine Impfpflicht, da es sich um eine persönliche Entscheidung handele. Besonders am Herzen liegt ihm als Lehrer außerdem die Bildungspolitik. Diese müsse anders aufgezogen werden und man müsse zurück zum dreigliedrigen Schulsystem kommen. "Das System war gut und wurde abgeschafft", so Brenzel.

Der Satiriker

Franziskus Schmitz ist Kandidat für die Satire-Partei "Die Partei". Der 24-Jährige stammt aus der Nordeifel und hat sein Studium in Essen "erfolgreich nicht abgeschlossen". Aktuell absolviert er an der Uni Heidelberg eine Ausbildung zum Biolaboranten, in seiner Freizeit spielt er American Football. Schmitz erachtet "Die Partei" als einzige sinnvolle Partei: "Ich hatte schon immer einen Hang zu Satire und fühle mich damit sehr wohl." Nachdem er 2019 am Kommunalwahlkampf mitgewirkt habe, sei er in die Partei eingetreten, und er habe große Lust auf den Wahlkampf als Direktkandidat. Ursprünglich wollte er nur zweiter Kreisvorsitzender werden, aber er habe schließlich nachgegeben. "Mein Abitur habe ich in Aachen in einem eher schwierigen Stadtteil gemacht, aktuell wohne ich auf dem Emmertsgrund. Dann ist es doch naheliegend, jetzt in den kriminellsten Stadtteil Deutschlands, nämlich das Berliner Regierungsviertel, zu ziehen", sagt der Kandidat.

Seine Partei sei streng genommen keine so kleine Partei, da sie mehr Mitglieder als die AfD habe und bald auch die Linken und "die Spaßpartei FDP" einholen könnte. "Unser Auftrag ist es auch gar nicht, gewählt zu werden", so Schmitz. Mandate würden bei ihnen als Betriebsunfälle betrachtet, vielmehr gehe es darum, den Finger in die Wunde der anderen Parteien zu legen. Und das ginge eben besser mit einem Kandidaten vor Ort. Seine Chancen, gewählt zu werden, seien zwar gering, aber durchaus vorhanden, ist er überzeugt.

Das Leuchtturm-Thema seiner Partei in Heidelberg sei das Einführen eines Zeppelin-Linienverkehrs, erklärt Schmitz. Heidelberg solle Knotenpunkt für den Zeppelin-Verkehr werden, er stelle sich Verbindungen in alle Richtungen Deutschlands vor. Der "Bahnhof" solle auf dem Airfield-Gelände im Pfaffengrund errichtet werden, so Schmitz. Außerdem liegt dem Kandidaten ein Mindestqualitätsstandard für Döner am Herzen, da die meisten Döner in Heidelberg "sehr enttäuschend" seien.

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung