22.08.2021

Kindergarten-Mutter erhebt schwere Vorwürfe

Verkürzte Betreuungszeiten, Baumängel und Misshandlungsanschuldigung im städtischen Kindergarten "Kunterbunt".

Von Annette Steininger

Schriesheim. "Die Situation in Schriesheimer Kindergärten ist wirklich alarmierend, und die Stadt interessiert dies überhaupt nicht", schreibt eine wütende Kindergartenmutter der RNZ. Ihr Name ist der RNZ bekannt. Sie will ihn zum Schutz der Kinder aber nicht öffentlich nennen. Sie erhebt schwere Vorwürfe gegenüber der Verwaltung, insbesondere was den städtischen Kindergarten "Kunterbunt" betrifft. Diese reichen von verkürzten Betreuungszeiten, über Baumängel bis zur ihrer Meinung nach fehlenden Aufklärung bei einem Misshandlungsvorwurf.

Ihren Unmut äußert sie nicht nur gegenüber der Zeitung, sondern hat auch direkt an Bürgermeister Hansjörg Höfer, seine Stellvertreterin Fadime Tuncer und Hauptamtsmitarbeiter Robert Eszterle geschrieben. Tuncer, die derzeit Höfer vertritt, suchte schnell das Gespräch mit der Kindergartenmutter, das am Freitag stattfand. Die RNZ hat ihre Vorhaltungen im Einzelnen dokumentiert und bei der Stadt nachgehakt.

> Verkürzte Betreuungszeiten: Bereits am 2. Juni hätte die Verwaltung durch die Kindergartenleitung mitteilen lassen, dass die Betreuungszeiten der Einrichtung "Kunterbunt" langfristig auf 16 Uhr gekürzt werden. "Dies zu organisieren, war nicht nur für unsere Familie eine Herausforderung, bei eigentlich zugesicherten Betreuungszeiten bis 17.30 Uhr", berichtet die Mutter. Kaum sei Ruhe eingekehrt gewesen, erreichte die Eltern am 9. August die Nachricht der Stadt, dass die Kinder noch am gleichen Tag um 14 Uhr abzuholen sind. "Diese kurzfristige Organisation konnte nur aufgrund meines sehr kulanten Chefs während meiner Arbeitszeit gemanagt werden", erzählt die Kindergartenmutter. Alleinerziehende oder Schichtarbeiter hätten vor großen Problemen gestanden, zumal es diese auf 14 Uhr verkürzten Betreuungszeiten dann noch einmal am Donnerstag und Freitag, dem letzten Kindergartentag vor der Sommerpause, gab.

Die nächste Hiobsbotschaft erreichte die Eltern: Es wird keinerlei Besserung in Aussicht gestellt. "Wie geht es nach den Ferien, die am 12. September enden, weiter?", fragt sich die Kindergartenmutter besorgt. Dazu gebe es bisher keinerlei Informationen. "Es ist wirklich ein unhaltbarer Zustand", findet sie. Die Kindergartenzeiten einfach zu kürzen und auf das Verständnis der Eltern zu setzen, möge eine gewisse Zeit zu überbrücken sein. "Allerdings lässt es unsere berufliche und finanzielle Situation nicht länger zu, ’mal eben’ die Kinder zu so frühen Zeiten abzuholen", macht sie deutlich. Nicht ohne Grund habe sie ja die Betreuungszeiten so gewählt. Und diese seien auch so von der Stadt zugesichert worden. "Anscheinend denkt niemand an uns berufstätige Eltern, die nun auch mit gehaltlichen Einbußen rechnen müssen", ärgert sich die Mutter.

Die Urlaubs- und Krankheitstage seien aufgebraucht und zu 80 Prozent dazu genutzt worden, um die Kinder zu betreuen, "weil es die Stadt seit langer Zeit – und dieses Problem existiert nicht erst durch Corona – nicht zustande bringt, ein Konzept zu entwickeln, um das Arbeiten für Fachpersonal in Schriesheimer Kindergärten attraktiv zu gestalten, sei es kollegial oder finanziell". Dramatisch sei diese Situation auch im Sinne des Kindeswohls. Außerdem schade sie dem Ruf des familiären Schriesheims, "der Stadt, in der ich aufgewachsen bin und der ich mich sehr verbunden fühle".

Für die Verwaltung bestätigt Torsten Filsinger auf RNZ-Anfrage den Erhalt des Schreibens: "Wir nehmen den Inhalt sehr ernst und haben noch am selben Tag telefonisch Kontakt zu der Mutter aufgenommen, um mit ihr den Inhalt ihrer Nachricht zu besprechen." Tatsächlich wurde ihr gleich ein Telefontermin mit Fadime Tuncer angeboten. Die Kindergartenmutter bezeichnet das Gespräch auf Anfrage als "konstruktiv". Nur: Eine Verbesserung der Situation habe ihr Tuncer auch nicht wirklich zusichern können. Die Mutter gab ihr wiederum mit auf den Weg, mehr Anreize für das Personal zu schaffen, nicht nur finanzieller Natur.

Die Stadt bestätigt gegenüber der RNZ die verkürzten Betreuungszeiten. Im Rahmen der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Maßgaben des Landes sei es in allen städtischen Kindertageseinrichtungen zu einem eingeschränkten Betreuungsangebot gekommen. "Insbesondere durch die Vorgabe, eine Zusammenlegung der Gruppen in Randzeiten zu vermeiden, resultiert ein deutlich erhöhter Personalbedarf", erläutert die Verwaltung. In den meisten städtischen Kitas könne inzwischen – was die Öffnungszeiten betrifft – ein regulärer Betrieb stattfinden. "In einzelnen Einrichtungen, unter anderem im Kindergarten ’Kunterbunt’, ist dies aufgrund der sehr angespannten Personalsituation leider nicht der Fall", heißt es aus dem Rathaus. Die aktuelle Situation sei darauf zurückzuführen, dass mehrere Fachkräfte erkrankt sind. Aber: "Grundsätzlich ist die Personalsituation aufgrund des Fachkräftemangels angespannt."

Die Verwaltung habe zahlreiche Stellenausschreibungsverfahren durchgeführt, um Personal zu gewinnen. Aktuell finde noch eines statt. Die Bewerbungsfrist endet am Sonntag. Das bisherige Resultat klingt allerdings ernüchternd: "Trotz erheblicher Bemühungen, Fachkräfte zu gewinnen, muss aktuell festgestellt werden, dass der erforderliche Bedarf noch nicht gänzlich gedeckt werden kann." Dass im Kinderbetreuungsbereich ein Fachkräftemangel bestehe, bekomme man derzeit leider erheblich zu spüren. Dies sei ein überregionales Phänomen, das nicht nur Schriesheim betrifft. Die Mutter ist aber überzeugt davon, dass es auch an der Situation in den Kindergärten der Weinstadt liegt.

"Sobald das aktuelle Stellenbesetzungsverfahren weiter vorangeschritten ist, und es abzusehen ist, wie sich die Personalsituation im Kindergarten ’Kunterbunt’ entwickeln wird, werden wir die Eltern schnellstmöglich informieren, wie sich die Öffnungszeiten im neuen Kindergartenjahr gestalten werden", versichert die Verwaltung. Eine Information könne jedoch erst dann erfolgen, wenn die Stadt Gewissheit darüber hat, über welchen Personalstand sie verfügt. Nur so hätten auch die Eltern die bestmögliche Planungssicherheit.

"Wir sind uns der Situation, in welcher sich gerade die berufstätigen Eltern befinden, sehr bewusst und haben Verständnis für ihre Unzufriedenheit", versichert die Verwaltung. Sie sei "sehr daran interessiert", so schnell wie möglich wieder ein bedarfsgerechtes Betreuungsangebot zur Verfügung zu stellen, so wie das die Schriesheimer Familien auch aus der Vergangenheit kennen und gewohnt sind. Der Vorwurf, die Verwaltung hätte die Eltern nicht im Blick, könne diese von ihrer Seite nicht bestätigen und verweist auf die "großen Anstrengungen", die sie zur Stellenbesetzung unternommen habe. Erst kürzlich habe die Verwaltung die Elternvertreter alle Kindergärten zu einem Gespräch ins Rathaus eingeladen. Dabei sei die aktuelle Situation erörtert und darauf hingewiesen worden, dass sich gegebenenfalls auch mittelfristig die Lage nicht entspannen wird.

> Bauliche Mängel: Die Kindergartenmutter beklagt aber nicht nur die Verkürzungen der Betreuungszeiten, sondern auch den Zustand des Kindergartens "Kunterbunt". "Feueralarme, Heizungen und Toilettenspülungen, die nicht funktionieren, sind nur ein paar Beispiele", zählt sie auf. Ihr Mann, der selbst vor über 30 Jahren diesen Kindergarten besucht hatte, musste feststellen, dass es hier keinerlei Veränderungen gegeben habe. "Die sanitären Anlagen gleichen einem Standard, der einem Industrieland nicht gerecht wird", findet die Mutter.

"Aktuell wird mit Hochdruck der Neubau des Kindergartens geplant", sagt dazu die Verwaltung. So hat der Gemeinderat bereits hierfür den Grundsatzbeschluss (am 24. Februar) gefasst. Die Verwaltung rechnet innerhalb der nächsten zwei Jahre mit der Fertigstellung. "Der Neubau erfolgt nicht grundlos, sondern basiert auf baulich-technischen Defiziten des Bestandsgebäudes", räumt die Verwaltung ein. Von "katastrophalen Zuständen" könne jedoch nicht die Rede sein. "Der Kindergartenbetrieb und das Wohl der Kinder sind in keiner Weise gefährdet", betont die Verwaltung.

> Vorwurf der Misshandlung: Die Mutter geht in ihrem Schreiben auch auf einen Vorwurf von körperlichen Misshandlungen ein, die im Kindergarten Kunterbunt stattgefunden haben sollen. Ein "kleiner Elternabend", der dazu einberufen wurde, "hat nicht wirklich dazu beigetragen, uns Eltern zu beruhigen", sagt die Schriesheimerin. Hierzu sei von der Stadt ein weiterer Elternabend versprochen worden, um die Situation aufzuklären. "Dieser hat niemals stattgefunden", ärgert sich die Mutter. Das Thema sei einfach weiterhin verschwiegen worden.

Die Stadtverwaltung bestätigt gegenüber der RNZ, dass die Vorwürfe im Raum stehen. Sie sei gemeinsam mit den zuständigen Behörden, der Einrichtung und den Eltern in der Klärung der Vorwürfe. Die Information der Eltern sei der Stadt "sehr wichtig" und haben im Rahmen besagten Elternabends stattgefunden. Nachdem der Klärungsprozess fortgeschritten ist, will die Verwaltung die Eltern weitergehend informieren. Sie bittet aber um Verständnis, dass sie während des laufenden Klärungsprozesses keine näheren Angaben zu der Angelegenheit machen könne.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung