30.08.2021

Luftschlösser oder doch der große Wurf?

Die Bürgergemeinschaft hat einen 27-minütigen Film produziert, der es in sich hat. Die Ideen könnten das Gesicht der ganzen Innenstadt verändern.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Es gibt nicht so viele Filme über Schriesheim, schon gar keinen kommunalpolitischen. Die Bürgergemeinschaft (BgS) hat sich die Mühe gemacht, das zu ändern. Doch dieses Video, das in Kürze auch der Öffentlichkeit vorgestellt werden soll, ist – je nach Sichtweise – ein Riesen-Luftschloss oder hat das Zeug zum großen Wurf: der Ausbau des Römerstraßen-Kindergartens, die Verlegung der Kriegsopfergedenkstätte an den Rathausvorplatz und dessen Umwidmung zu einem "Bürgerpark", der Neubau des Feuerwehrhauses am nördlichen Ortseingang (eventuell mit der Rettungswache) sowie die Umnutzung des alten Gerätehauses als weiteren Innenstadt-Kindergarten. Die BgS will damit noch keine fertigen Projekte präsentieren, sondern eher zur Diskussion anregen.

> Der Ausgangspunkt: Hauptthema des Films ist die Kinderbetreuung in Schriesheim, vor allem der große Sanierungsstau in den Kindergärten – und besonders der Wunsch, dass es östlich der B3 einen neuen Kindergarten geben soll, schließlich wohnen dort 60 Prozent der Kinder (allerdings stehen hier nur drei der sieben städtischen Kindergärten). Und so kam erstmals der Gedanke auf, den nur eingeschossigen Anbau des Römerstraßen-Kindergartens aufzustocken. Aber wenn dann mehr Kinder dort untergebracht sind, muss es auch mehr Freifläche draußen geben. Doch dort steht die Kriegsopfergedenkstätte, die in den letzten Monaten wegen der Alkoholikerszene einen etwas problematischen Ruf bekommen hat. Wieso zieht die nicht ans Rathaus um, wo die BgS schon seit ihrer Gründung vor gut drei Jahren einen Bürgerpark installieren wollte? Dann kamen die Dinge noch weiter ins Rollen.

> Neuer Kindergarten in der Innenstadt und die Zukunft des Feuerwehrhauses: Die Grüne Liste liebäugelt schon länger mit einem Kindergarten auf dem Festplatz. Nun präsentiert die Bürgergemeinschaft einen anderen Vorschlag – und der hat mit dem maroden und räumlich beengten Feuerwehrhaus zu tun. Das ist, wie erst unlängst Feuerwehrkommandant Oliver Scherer im RNZ-Interview bekannte, extrem hochwassergefährdet und im Prinzip am falschen Ort. Bürgermeister Hansjörg Höfer kann sich ein Gerätehaus im Neubaugebiet-Süd am Schlittweg vorstellen, doch bis das – wenn überhaupt – kommt, dauert es noch Jahre. Zeitgleich sagte vor einigen Monaten Höfer im Gemeinderat, dass es erste Gespräche mit dem Arbeitersamariterbund gibt: Der kann sich vorstellen, am nördlichen Ortsausgang eine neue Rettungswache zu bauen.

Ein Provisorium gab es ein gutes Jahr lang im ehemaligen Autohaus Gärtner an der B3, doch dann zogen die beiden Rettungs- und der Notarztwagen in den Gewerbepark Hirschberg um. In den letzten Wochen kam in das Areal am Säulenweg sowieso Bewegung, weil sich "Edeka" erweitern und sich "Netto" auf dem Gelände des Autohauses Dörr ansiedeln will. Wäre das nicht ein geeigneter Ort für ein Feuerwehrhaus samt Rettungswache, also eine Art Hilfeleistungszentrum, wie man es von Hirschberg kennt? Und wenn die Feuerwehr an die Tunnel-Zufahrt zieht – womit sie schneller in Altenbach wäre –, dann könnte ihr altes Haus am Festplatz zu einem Kindergarten werden.

> Das Ziel des Films: Hätte "Regisseur" Hilmar Frey von Anfang an gewusst, auf was er sich seit März eingelassen hat, hätte er es vielleicht gelassen. Viele Stunden drehte und schnitt er das Material, dabei wollte er doch nur "informieren, wie die Lage in Schriesheim ist" – und das mit möglichst wenig Fachsimpeleien, sondern für alle verständlich. Im Laufe der Produktion kamen ständig neue Ideen, aus denen dann der "große Wurf" zur Stadtentwicklung wurde. In Stein gemeißelt ist der nicht: "Es ist eine Idee, kein konkreter Entwurf", sagt Frey. Und auch er weiß, dass eines der größten Probleme an dem ganzen Unterfangen ist, wie man das alles finanzieren soll.

Denn weder der Neubau des Feuerwehrhauses noch ein Kindergarten in der Innenstadt (und schon gar nicht die Neuanlage eines Bürgerparks) stehen in der mittelfristigen Finanzplanung von Kämmerer Volker Arras, die mit dem Abarbeiten des dringendsten Sanierungsstaus, vor allem bei den Kindergärten, sowieso schon auf Kante genäht ist. Frey und Liselore Breitenreicher sagen aber auch: "Zumindest bei der Erweiterung des Römerstraßen-Kindergartens müssen wir kein Grundstück kaufen." Beide sind nun auf die Reaktionen der Bürger gespannt – und dabei ist alles drin: von entschiedener Ablehnung bis zu euphorischer Zustimmung.

> Der Film an sich: Das 27-minütige Video ist "bei einem Null-Euro-Budget" (Frey) durchaus anspruchsvoll gemacht – Drohnenflüge inklusive. Shelan Khoja, die sich lange schon bei der BgS engagiert, seit vier Jahren in Schriesheim wohnt und in Heidelberg auf Lehramt studiert, führt durch den Film als eine Art Moderatorin, die aber auch viele Fragen stellt, die "T-Band"-Sänger Klaus Schenk als Sprecher aus dem Off beantwortet. Frey attestiert Khoja eine große Bildschirmpräsenz. Noch ist der Film nicht öffentlich zu sehen, es gab am Mittwochabend eine BgS-interne Premiere in Klaus Schenks Tonstudio. Die Handvoll Zuschauer waren mit dem Ergebnis zufrieden: "Wir sind mit dem Video einen neuen, zeitgemäßen Weg gegangen", meinte Conny Bernauer. Auch Horst Lange fand das "unter dem Strich eine tolle Sache", auch wenn er harsche Kritik voraussieht. Und wann wird das Video öffentlich gemacht? Erst will Frey noch einige Bild- und Urheberrechte klären, dann soll es eine Präsentation geben, vielleicht Mitte Oktober im Hofcafé Hannes. Später soll es ins Internet, auf "Youtube" eingestellt werden. Mal sehen, wie groß dort die Resonanz ist: "Wenn wir 1000 Leute erreichen, wäre ich froh", meint Schenk. Das am meisten angeklickte Schriesheim-Video auf "Youtube" ist eine 2018 aufgenommene Ampelstörung am Bahnübergang in der Edelsteinstraße – mit mehr als 88.000 Aufrufen.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung