15.09.2021

Karl A. Lamers mit Klartext zur Causa Afghanistan

Karl A. Lamers mit Klartext zur Causa Afghanistan

Karl A. Lamers sprach zum Versagen des Westens in Afghanistan – eingerahmt von der Schriesheimer CDU-Vorsitzenden Christiane Haase (l.) und seiner neuen Mitarbeiterin Efrat Negusse. Foto: Dorn
War der Einsatz umsonst? Bei einem Vortrag in Schriesheim sparte der scheidende CDU-Abgeordnete nicht mit Kritik.

Schriesheim. (hö) Das ist das Gute, wenn man nichts mehr werden will (oder muss): Man braucht keine übertriebenen Rücksichten nehmen und einfach mal frei heraussagen, was man denkt. Der scheidende CDU-Bundestagsabgeordnete Karl A. Lamers packte am Freitag vor gut 25 Zuhörern im "Hirsch" so richtig aus – und nahm an diesem Abend von der sonst so gern gepflegten Diplomatie eine Auszeit: "Ich bin voll in Fahrt", sagte Lamers gleich mehrfach. Denn es ging um Afghanistan – und das am Vorabend des 20. Jahrestags der Anschläge in New York – einer "Zeitenwende, die Welt war danach eine andere".

Die waren, daran erinnerte Lamers, ja eigentlich der Grund für das Eingreifen des Westens. Das abrupte Ende der westlichen Intervention in dem fernen Land am Hindukusch – in dem angeblich, so sagte es 2002 der damalige Verteidigungsminister Peter Struck, die Sicherheit Deutschlands verteidigt werde – bekam von Lamers ausgesprochen schlechte Noten: "Ich bin tief innerlich betroffen. Das Schlimme ist nicht, dass wir da rausgegangen sind, sondern wie." Denn das Ende kam mit Ansage: Vor gut eineinhalb Jahren unterzeichnete der damalige US-Präsident Donald Trump – von ihm hält Lamers rein gar nichts – ein Abkommen mit den Taliban, ohne die Nato-Verbündeten oder die afghanische Regierung zu konsultieren: Demnach wollten sich die Amerikaner aus dem Land zurückziehen – wenn auch unter Bedingungen (keine Anschläge auf US-Truppen und keine Unterstützung für die Al-Kaida-Terroristen). Trumps Nachfolger Joe Biden – eigentlich laut Lamers "ein toller Typ, der Ahnung hat" – scherte das alles nicht, er wollte einfach nur raus aus Afghanistan, am besten bis zu einem hochsymbolischen Datum wie dem 11. September (Jahrestag der Anschläge in New York) oder dem 4. Juli (Unabhängigkeitstag der USA).

Und so nahm das "Komplettversagen des gesamten Westens" (Lamers) seinen Lauf. Denn wieder einmal entschieden die Amerikaner alles im Alleingang. Lamers schwante, dass die Taliban nach Kabul durchmarschieren würden – und was dann den afghanischen Mitarbeitern der Bundeswehr und Hilfsorganisationen blüht. Und so appellierte er an das Verteidigungsministerium: "Holt die Leute sofort raus, die für uns gearbeitet haben! Wir haben da noch 50.000 drin." Der Westen mag versagt haben, die Bundeswehr aber nicht, ist sich Lamers sicher: Denn die habe getan, was sie tun konnte, indem sie möglichst viele herausholte. Bis eben die US-Soldaten, wieder nach dem einsamen Ratschluss im Weißen Haus, sich vom Kabuler Flughafen zurückgezogen hatten. Die Europäer, die ganze Nato, "konnten den noch nicht mal sichern".

Und was macht "ein überzeugter Transatlantiker und ein Freund Amerikas" in einer solchen Situation? Schimpfen und Grollen. Denn die "Nato hat einen vollen Schlag abbekommen, sie hat ihre Glaubwürdigkeit verloren": indem sie ihre afghanischen Mitarbeiter im Stich ließ und das Feld den Chinesen überließ. In drei Wochen, auf der nächsten Nato-Tagung, wird er das auch so deutlich sagen.

Und was wird aus Afghanistan? Nichts Gutes, ahnt Lamers: Es könnte "eine Art Bürgerkrieg geben", auch unter den verschiedenen Terrorgruppen, oder die Taliban wenden sich gegen das eigene Volk. Waren denn nun die 20 Jahre in diesem Land umsonst? Vielleicht nicht ganz. Denn mittlerweile gibt es dort eine jüngere Generation, die mit den Freiheiten nach dem Sturz der Taliban 2001 aufgewachsen ist und die nicht gern hergibt.

Unter den Zuhörern gab es viel Zustimmung bei Lamers teilweise ungewohnt drastischen Worten. Allerdings blieb die Frage, ob es etwas gebracht hätte, hätte der Westen einen längeren Atem gehabt: Da ist Lamers skeptisch: "Es wäre nicht besser geworden, wenn wir 30 Jahre geblieben wären." Man hätte die Intervention nur "in geordneter Weise zu Ende bringen" sollen.

Auch wenn es nicht zu Lamers weltpolitischem Thema gehörte, sondern nur Schriesheim betrifft. Dem anwesenden Bürgermeisterkandidaten Christoph Oeldorf wünschte er "alles Gute": "Wir brauchen einen guten Bürgermeister!" Ähnliche Ermunterung gab es auch für den ebenfalls anwesenden Bundestagskandidaten Alexander Föhr: "Ich sehe gute Chancen, dass wir den Wahlkreis wieder holen. Alle kämpfen!" War dieser Vortrag nun der Abschied von Lamers aus Schriesheim? Nein, sagt der 70-Jährige vehement: "In Schriesheim zu sein, ist Kür, nicht Pflicht!"

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung