23.09.2021

Winzer hoffen auf Reifeschub

In der Region hat die Weinlese begonnen. Beständiges Wetter ist dabei jetzt besonders wichtig.

Von Carsten Blaue

Heidelberg. Georg Bielig freut sich: "Mal wieder kalte Finger beim Herbsten." Nach der "Sommerernte" im vergangenen Jahr, begann die Lese des Weinjahrgangs 2021 zu einer "relativ normalen Zeit", sagt der Schriesheimer Winzer. Vergangene Woche ging es los. Mit den ersten Leseergebnissen sind Bielig und seine Kollegen aus der Region durchaus zufrieden. Aufgrund der Säure und nicht zu hoher Öchslegrade rechnen sie mit spritzigen Weinen. Also mit einem "trinkfreudigen Jahrgang", wie Bielig sagt.

Der neue Geschäftsführer der Schriesheimer Winzergenossenschaft (WG), Manuel Bretschi, erwartet ebenso Frucht und Frische in den Bergsträßer Weinen. Die Schriesheimer Genossenschaftswinzer haben schon den meisten Müller-Thurgau geerntet. Dessen Reste sowie Sauvignon Blanc und der rote Cabernet Mitos sind gerade an der Reihe. Und Spätburgunder. Aber nur für Rosé. Für die Rotweine warten die Winzer noch, um das vorhergesagte Wetter für weitere Reife zu nutzen: stabil, sonnig und trocken bei nicht zu warmen Temperaturen bis 20 Grad Celsius.

Recht ideal also. "Auch Riesling, Silvaner und Weißburgunder machen gerade Spaß. Die bekommen noch mal richtig Aroma", sagt Bielig. Bei der WG wollen die Genossenschaftler trotzdem schon zum Wochenende Silvaner lesen. Kommende Woche werden sie in die Ernte von Riesling und Weißburgunder einsteigen.

Denn beim Zocken um die Öchslegrade vergessen weder die WG-Winzer noch Bielig die Traubengesundheit. Fäulnis sowie Peronospora, also Falscher Mehltau, machen ihnen ja schon seit den heftigen Regenfällen im Juli das Leben schwer. "Da war jetzt die Sorge schon groß", sagt Bielig. In zwei, drei Anlagen sei eine gute Vorlese nötig gewesen. Neben überschwemmten Weinbergen waren ausgespülte Rebstöcke in jungen Anlagen oder auch schwere Erosionsschäden in Hanglagen die Folgen gewesen. Die Bewirtschaftung war auf den aufgeweichten Böden kaum noch möglich. Auch in der Region waren viele Betriebe betroffen. In Südbaden kamen dieses Jahr noch Hagel und Frost hinzu. Daher werde es auch ein "neidischer Herbst", sagt Bielig. Die einen werden genug zum Ernten haben, die anderen nicht. Bielig hat keinen Grund zur Klage: "Wir haben keinen Überertrag, aber eine gute Menge."

"Und wir haben vielleicht etwas weniger. Aber wenn wir das alles trocken reinbekommen, bin ich sehr zufrieden", sagt Werner Bauer. Der Winzer vom Heidelberger Dachsbuckel und Vorsitzende der Winzer von Baden eG in Wiesloch nennt die gleichen Herausforderungen wie Bielig. Aber: "Wir wollen nicht alle Öchslegrade ausreizen. Zumal die Extrakte im Most so hoch sind wie noch nie", freut sich Bauer. Außerdem gehe es beim Mostgewicht schon in den Kabinett-Bereich, "und wir haben bei 90 Grad gedeckelt." Das Jahr sei anstrengend genug gewesen. Wenn das Wetter halte, was es verspricht, und alles gesund im Keller lande, "dann schnauf’ ich drei Mal durch", sagt Bauer.

Mit einem im mehrjährigen Vergleich leicht unterdurchschnittlichen Ertrag rechnet Patrick Staub, der Geschäftsführende Vorstand der Bergsträßer Winzer eG in Heppenheim. Pilzbefall als Folge der Unwetter sei für seine Genossenschaft kein Thema. Es ist eher der Fäulnisdruck, der die Heppenheimer zum Lesestart zwang. Und hier und da ist die Kirschessigfliege aufgetaucht – bei Bielig in den Anlagen der frühen Roten, bei den Heppenheimern in bestimmten Lagen.

So sei man trotz des feuchten Frühjahrs und des späten Austriebs mit der Ernte jetzt doch nur etwa zwei Wochen später dran als vergangenes Jahr, sagt Staub. Müller-Thurgau, Grauburgunder sowie St. Laurent und Frühburgunder für Rosé hat die Bergsträßer Winzer eG bereits gelesen, zudem Chardonnay für Sektgrundwein. Über dessen Qualität freut sich Staub besonders. Das angesagte Wetter hält er dagegen eher für dringend nötig, wenn er auf andere Sorten blickt. "Denn die physiologische Reife ist noch nicht optimal."

Etwa beim Riesling. "Der hat noch viel Säure." Aber die spätere Entwicklung sei ja nicht ungewöhnlich. Staub hofft jedenfalls auf den Reifeschub durch Sonnenstunden und eine Verlangsamung der Fäulnis durch die vergleichsweise kühlen Temperaturen. Er glaubt, 2021 werde kein großer Rotweinjahrgang, "sondern eher ein typisch deutscher Weißweinjahrgang". Aber Prognosen seien ja immer schwierig. "Warten wir es erst mal ab."

Hintergrund: Etwas weniger Wein in Rheinhessen, etwas mehr in der Pfalz: Nach einer Prognose des Statistischen Bundesamts wird die Erntemenge in den beiden größten deutschen Weinanbaugebieten "in etwa auf Vorjahresniveau" liegen. Für ganz Deutschland ist demnach eine Ernte von 8,76 Millionen Hektolitern Weinmost zu erwarten – drei Prozent mehr als 2020, aber leicht unter dem Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2020 mit 8,78 Millionen Hektoliter. Das Deutsche Weininstitut hat erklärt, dass es je nach Pilzbefall aufgrund der örtlichen Extremwetterereignisse große regionale Mengenunterschiede gebe. Mit deutlichen Steigerungen rechnet das Statistische Bundesamt in den Anbaugebieten Franken (plus 63,9 Prozent), Mittelrhein (40,3 Prozent) und Württemberg (35,1 Prozent). Dies liegt daran, dass dort die Erntemenge 2020 aufgrund von Trockenheit und Spätfrösten besonders niedrig ausgefallen war.

Für die Pfalz wird ein leichtes Plus von 2,8 Prozent erwartet, auch noch für die Hessische Bergstraße mit einem Zuwachs um ein Prozent. Geringere Ernten werden für Rheinhessen (minus 1,4 Prozent), Nahe (6,1 Prozent), Baden (9,8 Prozent) und Mosel (14,8 Prozent) erwartet. Für das von der Flutkatastrophe betroffene Weinanbaugebiet Ahr gebe es noch nicht genügend Daten, erklärte das Statistische Bundesamt. Dort wurden etwa zehn Prozent der Anbauflächen zerstört. (dpa)

Hintergrund: Preisspirale nach unten befürchtet

Bei der im neuen Weinrecht vorgesehenen Festlegung von regionalen Profilen treten die Pfälzer Winzergenossenschaften für eine breite Rebsortenvielfalt ein. "Der Erfolg und die Beliebtheit Pfälzer Weine beruht auf der Vielfalt, nicht auf der Fokussierung auf einige wenige Rebsorten", sagte Frank Jentzer, Geschäftsführer der größten Pfälzer Winzergenossenschaft "Deutsches Weintor".

Die Genossenschaften vertreten damit eine andere Haltung als der Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP), der sich dafür ausgesprochen hat, die Einführung der Herkunftspyramide mit Gutsweinen, Ortsweinen und Lagenweinen nun auch mit klaren Vorgaben zu Rebsorten und Höchsterträgen je Hektar zu verbinden.

"Als zweitgrößtes Anbaugebiet würden wir uns dann in eine Nische bewegen, die dem Großteil der Winzerschaft existenziell weh tun würde", sagte Albert Kallfelz, Vorstand der Vereinigung Pfälzer Winzergenossenschaften (VPW), die zehn Genossenschaften mit mehr als 350 Haupterwerbs- und 550 Nebenerwerbswinzern vertritt. "Wir sollten uns nicht zu enge Fesseln anlegen", sagte Kallfelz. "Angesichts der Klimaveränderung können wir nicht wissen, welche Rebsorten in zehn Jahren sinnvoll sein werden." Es sei deswegen auch nötig, sich für neue Züchtungen von pilzwiderstandsfähigen Rebsorten, kurz Piwi genannt, offenzuhalten.

Wenn für Qualitätsweine mit geschützter Ursprungsbezeichnung nur noch wenige Rebsorten zugelassen würden, "würde dies eine Preisspirale nach unten in Gang setzen, die niemand will", sagt Jentzer. Es sei nachgewiesen, dass etwa aus der Rebsorte Dornfelder "hervorragende, gehaltvolle Rotweine" hergestellt werden könnten. Wenn diese nicht mehr zum Kanon der Rebsorten gehören solle, die unter der Herkunftsbezeichnung Pfalz vermarktet werden dürfe, würde dies "die hervorragende Arbeit der Winzer in der Region im Weinberg und im Keller herabwürdigen".

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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