27.09.2021

Ein Platz für lebendige Erinnerung

Dauerausstellung im Rathaus zum jüdischen Leben in Schriesheim eröffne

Von Max Rieser

Schriesheim. Pünktlich zum jüdischen Erntedankfest, dem "Sukkot" oder Laubhüttenfest, wurden zwei Vitrinen im Rathaus vorgestellt, die in Zukunft an das jüdische Leben in Schriesheim erinnern. "Was alle angeht, das sollen auch alle sehen und hören können", schloss Professor Joachim Maier seine Ansprache an die 14 Gäste der Eröffnungsfeier. Was alle angeht, das ist das Gedenken an die Menschen jüdischer Herkunft, die auf unterschiedliche Weise durch den nationalsozialistischen Einfluss aus Schriesheim vertrieben oder deportiert worden waren. Heute gibt es keine jüdischen Familien mehr in der Stadt, was das Erinnern noch wichtiger mache.

Die beiden Vitrinen zeigen Gegenstände aus dem Besitz jüdischer Familien der Stadt, wie ein Kochbuch mit den koscheren Speiseregeln oder "Tefillin", die Gebetsriemen und Kapseln, die der in die USA exilierte Schriesheimer Herbert Marx (1919-2016) noch bis 2005 nutzte. Die teilweise nur durch Zufälle entdeckten Objekte wurden von privaten Besitzern und dem Stadtarchiv zur Verfügung gestellt. Stadtarchivar Dirk Hecht, der ebenfalls an der Eröffnung teilnahm, hatte die Bestückung der Vitrinen vorgenommen und die genutzten Objekte zusammengetragen.

Doch wofür das alles? Die Vitrinen reihen sich ein in das kollektive Gedächtnis der Stadt an ihre ehemaligen Mitbürger, das neben den ausgestellten Objekten noch durch den jüdischen Friedhof oder die Stolpersteine vor den einstigen Wohnhäusern der Schriesheimer Juden wach gehalten wird. Außerdem sind sie ein Beitrag zum Festjahr "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland", da im Jahr 321 das erste Mal die jüdische Gemeinde in Köln in einem Edikt von Kaiser Konstantin erwähnt wurde. Dieses Jubiläum sei etwas Bejahendes, da es durch die Formulierung "Jüdisches Leben" ein Fortbestehen des Judentums in Deutschland voraussetze.

Maier betonte, dass die Geschichte dabei nicht als vergangen wahrgenommen werden sollte, sondern als eine Botschaft. Freiheit sei ein kostbares Gut, kein "unzerbrechlicher Besitz"; und wem "Freiheit geschenkt" worden sei, der könne, dürfe und werde niemand anderen in Unterdrückung und Unfreiheit versetzen. Er erläuterte auch, dass die Gegenstände jetzt zwar alt seien, diejenigen, denen sie gehörten, aber bei ihrer Vertreibung teilweise noch sehr jung waren. So auch Lore Sussmann, der ein eigenes Banner gewidmet wurde, auf dem sie mit ungefähr acht Jahren vor der früheren Synagoge in der Talstraße zu sehen ist. Oder die Geschichte Heinz Klausmanns, der als knapp 20-Jähriger nach Frankreich floh und sich der Résistance anschloss. Durch neue Erkenntnisse fiel Klausmann am 14. April 1945 – und nicht wie bisher angenommen am 7. Mai 1945. Das Andenken dieser Personen verhindere, dass das Erinnern als "vergangen, erloschen oder verloren" zu einer leeren Hülse verkommt, sagte Maier. Neben den Vitrinen mit den persönlichen Gegenständen der jüdischen Bürger und dem Banner mit Lore Sussmann gibt es außerdem fünf Informationstafeln.

Bürgermeister Hansjörg Höfer sagte, dass es ihm ein persönliches Anliegen sei, die "jüdischen Spuren in Schriesheim" zu zeigen. Es sei wichtig, die Erinnerung an die nächsten Generationen weiterzugeben. Und er freute sich, dass die "erste öffentliche Veranstaltung im Rathaus seit dem Beginn der Pandemie" für ein "so wichtiges Ereignis" genutzt würde. Er dankte vor allem Maier, ohne dessen unermüdliche Arbeit die meisten Erinnerungen nie zutagegetreten wären. Dessen fast 800 Seiten starkes Buch "Die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung und ,Euthanasie’ aus Schriesheim" gebe einen detaillierten Einblick in die einzelnen Schicksale. Das Buch könne zum "Nachschlagewerk für kommende Generationen werden", so Höfer. Der Ort der Vitrinen sei gut gewählt, da jeder, der in die Sitzungssäle des Rathauses gehen wolle, nun daran vorbeikommt. Für die Zukunft könne er sich die Exponate auch als Ziel für die Erinnerungsarbeit in Schulen vorstellen.

Maier dankte Höfer für den neuen prominenten Vitrinenplatz im Rathaus (und den Rathausmitarbeiterinnen Margit Höhr und Karina Mayer für ihre Mithilfe). Diese Entscheidung stehe in der Tradition von Höfers Engagement für die jüdische Geschichte in Schriesheim.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

Hofflohmärkte in Schriesheim

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