06.10.2021

Schriesheimer "Krebsfühlerin": Blinde Frau ertastet selbst kleinste Tumore

Isabell Pfeufer arbeitet als Medizinisch-Taktile Untersucherin auch in einer Schriesheimer Arztpraxis. Sie kann Brustkrebs früh erspüren.

Schriesheim. (anba) Sanft, ohne Geräte, von Frau zu Frau: Isabell Pfeufer hat eine ganz besondere Gabe. Die Tastspezialistin erspürt unter ärztlicher Verantwortung selbst kleinste Tumore mit ihren Fingerspitzen – und kann damit sogar Leben retten. Pfeufer ist von Geburt an blind und übt einen einzigartigen Beruf aus: Die ausgebildete Medizinisch-Taktile Untersucherin (MTU) arbeitet in der Brustkrebsfrüherkennung.

"Meine lang trainierte Tastfähigkeit kann ich hier sinnvoll einsetzen und anderen Frauen Sicherheit geben. Manchmal kann ich sogar ihr Leben retten, wenn ich einen Tumor in einem sehr frühen Stadium erspüre", erklärt Pfeufer. MTU können etwa 30 Prozent mehr und bis zu 50 Prozent kleinere Gewebeveränderungen (sechs bis acht Millimeter, wie eine kleine Erbse) finden als Ärzte (ein bis zwei Zentimeter).

Pfeufer untersucht in Frauenarztpraxen in Schriesheim und Mannheim-Seckenheim Patientinnen jeden Alters. Das Teamwork von Ärztin und MTU bietet den Frauen mehr Sicherheit: Pfeufer ist die Tastspezialistin, die unter strenger ärztlicher Verantwortung arbeitet.

Die Praxen kooperieren mit der Firma Discovering hands, bei der in Deutschland knapp 60 MTU unbefristet angestellt sind. Jede Frau kann sich von einer MTU untersuchen lassen. In der Praxis Patientin zu sein, ist keine Voraussetzung. Bereits 29 gesetzliche und alle privaten Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Taktilographie. Anderweitig versicherte Frauen können die Untersuchung als Igel-Leistung in Anspruch nehmen, müssen also grundsätzlich selbst dafür aufkommen. Den Tumor entdecken, bevor er gestreut hat: Ausgebildete Medizinisch-Taktile Untersucherinnen können viel dazu beitragen, dass Brustkrebs diagnostiziert wird, solange sich ein Tumor noch nicht auf andere Organe übertragen hat. Denn erst dann wird die Krankheit lebensbedrohlich. Das Mülheimer Sozial- und Inklusionsunternehmen Discovering hands hat das Tätigkeitsfeld der MTU entwickelt und durch wissenschaftliche Studien die Wirksamkeit der Taktilographie bestätigen lassen.

Ihren ausgeprägten Tastsinn nutzt die MTU, um in 30 bis 60 Minuten (je nach Brustgröße) Brustgewebe sowie Lymphbahnen und -knoten an Hals, Brustbein und Achseln ihrer Patientin millimetergenau und schmerzfrei zu untersuchen. Selbstklebende haptische Orientierungsstreifen auf der Brust dienen ihr als Koordinatensystem. Die ehemalige Sonderschulpädagogin und Onlineredakteurin Pfeufer sagt, sie haben schon immer mit Menschen arbeiten wollen und interessiere sich sehr für Gynäkologie. Obwohl sie gar nichts sieht, auch kein Dunkel, kann sich die MTU mit ihren anderen ausgeprägten Sinnen und dem Blindenstock gut orientieren.

Für Frauenärzte sind die Fachkräfte eine große Bereicherung für ihre Praxis: Sie bieten ein sehr wirkungsvolles und sanftes zusätzliches Diagnoseverfahren an – ohne Geräte, die manche Patientinnen scheuen. MTU und Patientin tragen während der Untersuchung Masken, die medizinische Angestellte desinfiziert ihre Hände, die Untersuchungsliege und die Umgebung vor jeder neuen Behandlung. Sie rät Frauen nachdrücklich dazu, die Vorsorge während der Corona-Pandemie nicht zu vernachlässigen. Denn je eher ein Tumor entdeckt wird, desto besser sind die Heilungschancen. Das ist auch die Botschaft im Brustkrebsmonat Oktober.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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