10.10.2021

Hommage an Lynn Schoene

Hommage an Lynn Schoene

Blick in die Ausstellung Hommage an Lynn Schoene mit der Arbeit Echo im Vordergrund. Foto: Behrens
Sehenswerte Ausstellung im Museum Théo Kerg in Schriesheim mit Werken der beliebten Künstlerin und Leiterin des Hauses.

Von Julia Behrens

Schriesheim. Große Uhren mit alten Zifferblättern ticken durch das Erdgeschoss des Théo Kerg Museums, überwuchert von dunklen Farbgespinsten und weißlichen Waben aus Wachs. Es sind die Hauptmotive zweier Gemälde in der Hommage an Lynn Schoene, einer Ausstellung, die an die im Januar 2020 so plötzlich verstorbene Künstlerin und Kuratorin erinnert.

Mit einem starken Bezug zur Vergänglichkeit greifen diese gleich im Erdgeschoss platzierten Bilder den Gedanken des Memento mori, des menschlichen Bewusstseins für die eigene Sterblichkeit auf. Der Künstler Tom Feritsch hat als Schoenes langjähriger Lebensgefährte eine sensible Schau zusammengestellt, die ihre Arbeiten aus den letzten zwei Jahrzehnten zeigen. Nachdem er die gebürtige Engländerin bei der Realisierung zahlreicher Sonderausstellungen im Museum Théo Kerg unterstützt hatte, war es nur logisch, dass er die ehrenamtliche Leitung des Museums im letzten Jahr übernahm. Und in der Hommage auch das kuratorische Wirken seiner Partnerin, die über 20 Jahre lang zum Teil sehr renommierte Kunstschaffende nach Schriesheim holte, in Form einer Zeittafel Revue passieren lässt.

Insgesamt ergaben sich spannende Synergieeffekte aus Schoenes Doppelfunktion. Ihre exzellenten Kontakte belebten das Haus, während sie sich ihrerseits durch die "taktilen" Arbeiten des Luxemburgers Théo Kerg, die bis heute in dem kleinen, nach ihm benannten Museum als Dauerausstellung präsentiert werden, inspirieren ließ. Laut Feritsch äußerte sich dies an einem zunehmenden Interesse für die Haptik von Materialien: deutlich zu sehen an zwei Prägedrucken aus dem Jahr 1999, in denen die Künstlerin selbst geschöpftes Papier einsetzte.

Kurze Zeit später entdeckte Schoene als ganz persönlichen Werkstoff Bienenwachs für sich. Es wurde zum stilbildenden Element und verlieh fast allen Arbeiten mit seinem hellen, milchigen oder leicht honigfarbenen Ton etwas unaussprechlich Harmonisches. Sei es als Überzug großer, selbst bedruckter Buchseiten oder als Haut von langen Büttenbahnen, in denen die Künstlerin mit rostigen Eisenbriketts tiefe Spuren hinterließ. Darüber fand Schoene konsequent zu ihren charakteristischen Wabenstrukturen, mit denen sie in zeitintensiver, ja obsessiver Akribie Gemälde und Objekte versah.

Der aufwendige Herstellungsprozess der Arbeiten lässt sich anhand zahlreicher Wandreliefs oder des wunderschönen, mit Waben ausgekleideten Schalen-Duos Echo (2011) nur erahnen. Immer wieder waren es – neben Vorgefundenem wie Zigarillo-Schachteln oder alte Ledertaschen – die künstlerischen Mittel selbst, die gestalterische Impulse aussandten und sich dann mit Inhalt füllten.

Dabei konnte Lynn Schoene auf sanfte Art durchaus deutlich werden, vor allem mit dem monumentalen Lifeboat, das sie ab 2007 unbemannt und steuerlos in mehreren Ausstellungen stranden ließ – auch in ihrer 2009 gezeigten Einzelschau im Kerg-Museum. Das Schiff ist diesmal nicht zu sehen, dafür aber die beeindruckenden Bilder und Plastiken, die die Künstlerin zu Charles Dickens‘ Figur der Miss Havisham aus dem Roman "Great Expectations" schuf: Großformatige Leinwände aus Asphalt- und Schellack, Waben und weißer Farbe, in denen sich helle Roben oder riesige Kronleuchter abzeichnen – als Tribut an die am Altar verschmähte Braut, die ihr Dasein in einem verfallenen Palast im Hochzeitskleid fristet. In Schriesheim gesellen sich zu einem dieser Bilder drei Chemisettes (2005), anmutige Damenoberteile in viktorianischem Zuschnitt, die an die Jugend der tragischen Gestalt gemahnen.

Melancholie und Vergänglichkeit spielen schließlich auch in Schoenes autobiografischen Werken eine Rolle. Wie in der Fotoreihe "Recollection I-V" (2009), in der eine entzückende, sich wiederholende Aufnahme von der Künstlerin als Kind zunehmend hinter feinen Wabenfäden verschwindet. Oder in der Serie "Identity" (2002), in der ebenfalls eine Fotografie der erwachsenen Schöpferin mit unterschiedlichen Mitteln attackiert und verfremdet wird.

Sinnig und doch bedeutungsoffen hinterlässt uns Lynn Schoene ein Erbe, das seltsam hellsichtig wirkt. Die Begegnung mit ihrer Kunst ist und bleibt etwas Besonderes.

Info: Museum Théo Kerg, Schriesheim, Thalstraße 52, bis 28. November. www.kk-schriesheim.de. Sa/So 14-17 Uhr und nach Vereinbarung. Die Ausstellung soll an Januar im Forum für Kunst Heidelberg zu sehen sein.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

Hofflohmärkte in Schriesheim

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