19.10.2021

Bürgermeisterwahl Schriesheim: Wie organisiert man einen Wahlkampf?

Bürgermeisterwahl Schriesheim: Wie organisiert man einen Wahlkampf?

Christoph Oeldorf. Foto: Dorn
Fadime Tuncer und Christoph Oeldorf müssen ohne die finanzielle Hilfe von Bundesparteien auskommen.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Noch warten die Bürger darauf, dass der Wahlkampf an Fahrt aufnimmt. Bisher legten die beiden Kandidaten Fadime Tuncer (Grüne Liste) und Christoph Oeldorf (unterstützt von CDU und Freien Wählern) ihre Schwerpunkte auf Infostände, Hausbesuche und den Besuch von Veranstaltungen.

Beide sind in Kampagnen erfahren: Tuncer begann ihre kommunalpolitische Karriere mit dem Bürgermeisterwahlkampf Hansjörg Höfers vor 15 Jahren, seit 2010 organisiert sie für den grünen Landtagsabgeordneten Uli Sckerl die Kampagnen.

Auch Oeldorf ist nicht unbeleckt: Er organisierte vor fünf Jahren seinen Bürgermeisterwahlkampf in Wilhelmsfeld. Die RNZ fragte bei beiden Kandidaten nach, wie sie ihre Kampagne in Schriesheim organisieren und finanzieren.

> Die Art des Wahlkampfs: Im Moment geht es bei beiden Kandidaten noch ganz klassisch zu: Hausbesuche und Infostände. Bemerkenswert ist, dass Tuncer auf die klassischen "Give-Aways", also kleine Geschenke, verzichtet. Sie setzt stattdessen auf regionale Produkte wie beispielsweise Äpfel oder Laugenkonfekt, zumal "ich mir die Förderung der Wirtschaft und des Einzelhandels auf die Fahnen geschrieben habe". Oeldorf hat ein Windrädchen ("das ist erstaunlich beliebt") im Angebot, aber auch einen Bleistift – und natürlich auch Blumen, "die kommen aus Schriesheim".

> Die Rolle von "Profis": In anderen Kommunen haben Kandidaten die Hilfe von Profis wie Klaus Abberger in Anspruch genommen. Abberger wurde durch die ZDF-Reportage "Die Bürgermeistermacher" bekannt und coacht die Bewerber bei ihren Wahlkämpfen. Weder Oeldorf noch Tuncer bemühten Abberger, was nicht heißt, dass sie auf die Hilfe von "Profis" verzichten. Tuncer bezahlt professionelle Fotografen oder eine Grafikerin, vor allem für die Plakate und ihre Homepage. Bei Oeldorf ist es nicht anders, auch er bedient sich einer Weinheimer Agentur für Mediengestaltung, gerade bei seinen Internetauftritten. Einen Einfluss auf die Inhalte hat dieser "Profi" aber nicht.

> Das Wahlkampfteam: Die beiden Kandidaten bauen vor allem auf Ehrenamtliche, die einen Teil des Haustürwahlkampfs machen oder an den Infoständen stehen. Im Falle Tuncers sind das in erster Linie große Teile der Ratsfraktion der Grünen Liste (GL). Aber gab es da nicht auch Vorbehalte, was ihre Kandidatur angeht? Sie räumt ein, dass Teile der Fraktion ungern ihre Stimmkönigin verlieren wollten. Aber da die Anregung zur Kandidatur aus der Bürgerschaft kam, "blieb ich bei dem Thema eisern – und wenn ich heute zurückblicke, lag ich damit richtig". Auch GL-Mitglieder, allen voran ihre Wahlkampfmanagerinnen Margrit Liedloff und Dagmar Wenger, stehen ihr bei. Einmal in der Woche bespreche man sich und plane weitere Aktionen, so Tuncer. Bei Oeldorf ist das nicht viel anders, hier kommt die meiste Unterstützung von den Gruppierungen, die hinter ihm stehen, also CDU, Freie Wähler und Teile der Bürgergemeinschaft. Ansonsten bleibe viel an ihm selbst hängen ("ich habe zwei Telefone"). Und wie steht es mit der Hilfe seines Vaters, des Hirschberger Alt-Bürgermeisters Werner Oeldorf? "Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass ich von seiner Erfahrung nicht profitieren würde." Er frage seinen Vater auch ab und an mal um Rat, und der war auch schon zwei Mal an seinem Infostand auf dem Wochenmarkt. "Aber mein Vater fängt jetzt nicht an, Prospekte auszutragen."

> Die Rolle der digitalen Medien: "Digitale Auftritte sind wichtig, um Präsenz zu zeigen", sagt Tuncer. Aber sie hält Facebook & Co. nicht für wahlentscheidend. Denn in Schriesheim wollten viele Wähler die Kandidaten persönlich erleben. Als Politikwissenschaftlerin weiß sie, dass der klassische Haustür-Wahlkampf doch erfolgreicher sei als ein rein virtueller. Das sieht auch Oeldorf ähnlich. Für ihn lassen sich heute analoge und digitale Kampagnen nicht mehr trennen, manche Zielgruppen wie die Jugendlichen hingegen lassen sich eher übers Internet erreichen. Aber auch er sagt: "Schriesheim lebt vom sozialen Kontakt – und ich möchte es auch nicht anders."

> Die Finanzierung: Wahlkämpfe kosten viel Geld, als Faustregel gilt: mindestens einen Euro pro Einwohner, also im Falle Schriesheims von 15.000 Euro an aufwärts. Doch damit kommt keiner der Kandidaten hin, beide rechnen mit deutlich mehr. Sie bestreiten die Ausgaben fast komplett mit eigenen Mitteln, denn Geld von Bundes- oder Landesparteien bekommt keiner der Kandidaten. Deswegen bittet Tuncer auch auf ihrer Homepage um Spenden, ein entsprechender Brief an potenzielle Unterstützer ist gerade in Arbeit. Allerdings gehen die Spenden an den Kreisverband der Grünen, damit nicht eventuelle Abhängigkeiten bestehen. Das ist auch die Befürchtung Oeldorfs, der sich noch keine großen Gedanken um Spenden gemacht hat.

> Kommende Höhepunkte: Oeldorf hält sich noch bedeckt, was Veranstaltungen angeht. Aber nicht nur aus Geheimniskrämerei, denn bis vor ein paar Wochen war noch gar nicht absehbar, welche Formate in welchen Räumen mit wie viel Besuchern überhaupt möglich sind. Dieses Problem hat auch Tuncer, allerdings plant sie in der nächsten Zeit ein "Zukunftsforum", auf dem es um die Großthemen Verkehr und Klimaschutz gehen wird. Im Moment sucht sie noch Referenten – und einen Raum.

Hintergrund: Schriesheim. (hö) Nur am heutigen Dienstag, 19. Oktober, kann man sich für das RNZ-Forum mit den Bürgermeisterkandidaten Fadime Tuncer und Christoph Oeldorf anmelden: telefonisch unter 06221/ 5195708 zwischen 14 und 19 Uhr (bitte um Geduld, wenn die Leitung belegt sein sollte, und bitte nicht vorher anrufen). Wegen der maximal 120 Plätze im "Hirsch"-Saal können pro Anmeldung maximal zwei Reservierungen berücksichtigt werden. Für den Besuch ist ein 3G-Nachweis verpflichtend.

Das RNZ-Forum am Freitag, 29. Oktober, um 19 Uhr im Gasthaus "Zum goldenen Hirsch" wird von RNZ-Lokalredakteur Micha Hörnle moderiert. Nach einer Diskussion auf dem Podium haben die Gäste die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Wer im "Hirsch" etwas essen möchte, wird gebeten, bereits um 17.30 Uhr da zu sein.

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Fadime Tuncer. Foto: Dorn

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung