02.11.2021

Bürgermeisterwahl Schriesheim: Ein Duell in aller Höflichkeit (plus Video)

Beim RNZ-Forum ließen sich die Bürgermeisterkandidaten selten aus der Reserve locken. Tuncer war allerdings etwas leidenschaftlicher als Oeldorf.

Von Max Rieser

Schriesheim. Bei einem Duell ist die erste Frage immer die nach dem Gewinner. Ob es beim Duell der beiden Bürgermeisterkandidaten auf dem RNZ-Forum am Freitagabend aber einen klaren Gewinner gab, ist nicht so leicht zu beantworten. Während Christoph Oeldorf (unterstützt von CDU, Freien Wählern und Teilen der Bürgergemeinschaft) teilweise zu "glatt" antwortete, punktete Fadime Tuncer (Grüne Liste) mit Leidenschaft für einzelne Themen, bei anderen kam sie dafür etwas ins Stolpern.

Die Gesprächsanteile dürften einigermaßen gleich gewesen sein, wobei Tuncer häufiger längere Antworten als Oeldorf gab. Diskussionen zwischen den Kandidaten blieben aus. Moderator und RNZ-Lokalredakteur Micha Hörnle war vor allem daran gelegen, von den Bewerbern Dinge zu erfahren, die sie nicht bei ihren vorherigen Auftritten schon x-mal heruntergebetet hatten, sodass er sie "schon auswendig mitsprechen" könne.

Wer sich vorher über einen etwas "langweiligen" Wahlkampf beschwert hatte, sollte auch an diesem Abend nicht auf seine Kosten kommen. Und doch gab es einige kleinere Scharmützel: So sagte Tuncer, dass sie Oeldorf den Vortritt lasse, "nicht dass ich Ihnen noch die Idee wegnehme". Ansonsten blieb alles höflich und hoch konzentriert, auch wenn es im "Hirsch"-Saal mit 150 Zuhörern manchmal etwas unruhig war. Hier saßen bekannte Gesichter aus der Stadtgesellschaft, allen voran Altbürgermeister und Ehrenbürger Peter Riehl.

> Persönliches: Die erwartbare erste Frage Hörnles an Tuncer und Oeldorf lautet: "Warum gerade Schriesheim?" Für Tuncer war die "Initialzündung", dass sie bei der Kommunalwahl 2019 Stimmkönigin wurde. Sie sei danach häufiger darauf angesprochen worden, ob sie es nicht als Bürgermeisterkandidatin versuchen wolle, da sie schon zweieinhalb Jahre Bürgermeisterstellvertreterin sei. Für Oeldorf sei die Kandidatur durchaus auch emotional, da auch er von den Schriesheimern zur Kandidatur aufgefordert sei, was ihn "sehr geehrt und sehr gerührt" habe. Er ist hier zur Schule gegangen, hier lebten seine Freunde, und er schätze das Gesellige – weshalb auch nur Schriesheim infrage käme. Zu einer kleinen Spitze Tuncers kam es, als Oeldorf auf die Frage nach seiner Qualifikation antwortete: Er habe als Politik- und Verwaltungswissenschaftler die theoretische Ausbildung und bringe mit seiner Erfahrung im Wilhelmsfelder Bürgermeisteramt ein breites Fundament mit, um Schriesheim voranzubringen. Seine Kontrahentin meinte, dass es keine Ausbildung gebe, die einen zum Bürgermeister qualifiziere. Und das war auch ihre Antwort auf Hörnles Frage, was sie entgegnen würde, wenn die Schriesheimer gern einen Verwaltungsfachmann als Bürgermeister hätten. Und was sagt Oeldorf dazu, dass man aus Wilhelmsfeld höre, dass es manchen nicht so unrecht sei, dass er gehen will. Der Kandidat gestand, dass es vereinzelt solche Stimmen gebe, aber doch überwögen diejenigen, die seinen Weggang bedauerten.

> Wahlkampf und Strategie: Bei der Frage, ob der Wahlkampf nicht etwas Pfeffer vertragen könne, waren sich beide einig, dass ihnen ein respektvoller Umgang lieber sei als gegenseitiges Diskreditieren. So könne man sich auch besser den Inhalten widmen. Die politischen Gräben in der Stadt könne man ebenfalls nur gemeinsam schließen, fand Tuncer. Eine Person allein könne das nicht leisten, und sie forderte mehr Sachlichkeit. Oeldorf wurde in diesem Punkt konkreter: Er schlug vor, dass die Fraktionen im Gemeinderat in einer Art Koalitionsvertrag die Punkte benennen könnten, die ihnen am wichtigsten seien, um dann eine gemeinsame Linie zu finden. Hörnle fand, dass er erwartet hätte, dass Tuncer bei den Streitigkeiten im Altenbacher Ortschaftsrat stärker eingegriffen hätte. Das sei für sie keine Option gewesen, da sie nicht Teil des Gremiums sei, sondern nur als Beobachterin bei den Sitzungen dabei wäre.

Es ging aber auch um das "Erbe" von 16 Jahren Hansjörg Höfer: Werde nun Tuncer eine Art "Höfer 2.0"? "Ich bin nicht Höfer, sondern Fadime Tuncer." Sie bringe einen eigenen Stil mit und wolle versuchen, Dinge voranzubringen, die in der Vergangenheit liegen geblieben seien, wie der Abbau des Sanierungsstaus. Oeldorf hatte Schriesheim als eine "angestaubte Perle, die man wieder entstauben muss" bezeichnet. Hörnle wollte von Oeldorf wissen, ob der Staub an Höfer gelegen habe. Der Kandidat wich etwas aus: Das sei nicht an einer Person festzumachen, sondern man müsse die Stadt einfach wieder aufpolieren – sei es am Festplatz (Oeldorf), sei es, dass die "Weinstadt" im Stadtbild auch wieder sichtbarer werden sollte (Tuncer).

> Stadtentwicklung: In Sachen Innenstadtbelebung sind sich die Kandidaten grundsätzlich einig – vor allem beim Verkehr, der reduziert werden soll. So schlug Tuncer autofreie Zeiten mit Ausnahmen für Gewerbetreibende vor. So könnte die Heidelberger Straße mehr zur Flaniermeile werden, denn 80 Prozent der Autos sind Durchgangsverkehr. Laut Oeldorf würde eine zeitweise Verkehrsberuhigung der Aufenthaltsqualität guttun. Das sei kein Argument gegen Autos, die man für Einkäufe bräuchte, sondern für eine attraktive Innenstadt, bei der nach Geschäftsschluss auch die Gastronomie profitieren könnte.

Und wie geht es mit dem Festplatz weiter? Der sei laut Hörnle "mit der hässlichste Platz der Region". Die Kandidaten stimmten zu. Mathaisemarktverträgliche mobile Sportgeräte und Spielmöglichkeiten für Kinder konnte sich Tuncer vorstellen, um den Festplatz zum Ort der Begegnung zu machen. Für Oeldorf stand die Funktionalität des Platzes im Vordergrund, der "50 Wochen im Jahr ein Parkplatz für die gesamte Innenstadt" sei. Eine optische Verschönerung dürfe nicht vor dem Nutzen stehen – wofür er Applaus bekam. Das Rathaus sei sanierungsbedürftig, und auch das Feuerwehrhaus müsse bei einer Neugestaltung berücksichtigt werden. Und die geplanten Laternen? Oeldorf war vorsichtig: Man könne weitere Modelle in Betracht ziehen, nachdem die jetzigen Vorschläge auf wenig Zuspruch gestoßen waren. Tuncer sagte deutlich: "Ich finde die total hässlich", was ihr Beifall einbrachte. Sie versprach, dass sie sich dafür einsetzen werde, dass es eine neue Auswahl gibt.

In Sachen Gärtnergelände warnte Tuncer davor, wie in der Vergangenheit ein "Filetstück" der Stadt an einen Investor zu verkaufen. Ihr wäre ein Neubeginn mit einem Mehrgenerationenhaus lieber, man solle es aber mit den Anwohnern zusammen planen. Eine Absprache mit den Anwohnern sei keine "neue Idee", schoss Oeldorf zurück; der Platz an sich sei aber "sehr interessant", um alte Menschen wieder mehr in die Stadt zu integrieren. Der Parkdruck dürfe nicht zunehmen, fanden Oeldorf und Tuncer gleichermaßen. Der Investor sei bis jetzt noch nicht genug in die Pflicht genommen worden, um die Parksituation zu lösen, meinte Tuncer.

Beim "Neubaugebiet Süd" positionierte sich Tuncer klar dagegen – aus Gründen des Naturschutzes, denn zunächst müsse man die Potenziale in der Stadt heben. Oeldorf sagte, dass es schwierig sei, über die Zukunft des Areals zu diskutieren, wenn noch gar nicht klar sei, ob eine Bebauung überhaupt möglich sei. Generell müsse sich eine Stadt entwickeln, denn sonst bleibe man stehen. Das sei auch für alle schlecht, die in Schriesheim bleiben wollten und nur wegen Wohnraummangels gezwungen seien, die Stadt zu verlassen. Tuncer, die bei dem Thema spürbar in Rage geriet, sagte, dass vor allem mehr bezahlbarer Wohnraum nötig sei. Den bekomme man, indem die Stadt Grundstücke in Erbpacht an Privatleute vergebe und nicht alles profitorientierten Investoren überlasse.

> Verkehr: Einig sind sich beide Kandidaten, wenn es um die Förderung des Radverkehrs geht. Uneinswaren sie sich beim Lärm an der A 5. Für Oeldorf ist eine Lärmschutzwand kurzfristig nicht machbar, höchstens über ein Zuschussprogramm. Tuncer fand, dass man ambitionierter werden müsse, also schnell her mit der Wand.

> Sanierungsstau: Priorität hat für Oeldorf das Feuerwehrhaus, das die Sicherheit der Bürger garantiere; Wunschprojekte müssten dann eben hintangestellt werden. Tuncer will das Problem kreativ lösen. Zuschüsse und Fördergelder müssten angezapft werden. Viele Vorhaben seien keine Luftschlösser oder Wünsche, fand Tuncer. Die Sanierung von Mehrzweckhalle und Rathaus sei beispielsweise nicht verhandelbar. Oeldorf sagte, dass er sich mit der Beantragung der Zuschüsse auskenne, dass man aber realistisch abwägen müsse, welche Projekte realisierbar seien. Mit einem "soliden Finanzplan kann der Sanierungsstau abgebaut werden".

> Vereine: Hier dominierte die Diskussion um die neuen Richtlinien des Mitteilungsblattes. Hörnle wollte von den Kandidaten wissen: "Können Sie den Vereinen versprechen, dass sie wieder wie gewohnt publizieren können?" Oeldorf sagte sofort ja. Es brauche zwar eine Regelung, die es der Verwaltung ermöglicht, extreme Artikel zurückzuweisen: "Mit ein bisschen Neustrukturierung zum Wohle aller können wir da weitermachen, wo wir aufgehört haben." Tuncer fand, dass es schon vor der Debatte ums "Blättchen" die Möglichkeit gegeben habe, bestimmte Inhalte abzulehnen: "Damit sind wir bisher gut klargekommen, und das werden wir auch weiterhin."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung