04.11.2021

Eine Magerwiese am Branichhang?

So stellen sich Stadt und Untere Naturschutzbehörde die Neugestaltung des im Frühjahr gerodeten Areals vor.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Es war ein Aufreger des Frühjahrs: Am Branichhang wurden Anfang März am Bergwerk auf einer Länge von 350 Metern Totholz und Bäume gerodet. Das wiederum führte zu Protesten einiger Schriesheimer, die einen Kahlschlag befürchteten. Die Stadtverwaltung hatte die Arbeiten in Auftrag gegeben, um die Anwohner und ihre Grundstücke zu schützen. Denn in den letzten Jahren stürzten immer wieder Bäume oder loses Geröll in Richtung Talstraße.

Allerdings soll der Hang jetzt wieder halbwegs ordentlich aussehen. Schon damals hatte die Stadtverwaltung angekündigt, für die Fläche mit der Unteren Naturschutzbehörde ein neues Konzept auszuarbeiten. Denn auch wenn das Gelände vorher wie ein Wald aussah, es war gar keiner: Rein rechtlich steht dieses Gebiet unter Naturschutz, es handelt sich um ein Trockenholzbiotop. Doch dem haben die drei Dürresommer 2017 bis 2020 schwer zugesetzt: Immer mehr Bäume und Büsche starben auf dem sowieso schon trockenen Boden ab. Und diese werden immer mehr zu einer Gefahr für die Anwohner, weil Äste abfallen oder sich gar ganze Bäume aus dem Boden lösen und ins Tal stürzen – und zwar mit steigender Tendenz.

Nun war also die große Frage: Was soll aus dem Areal werden, das einerseits ökologisch hochwertiger ist als die bisherigen Büsche und Bäume, andererseits auch für die Anwohner weniger Gefahren birgt. Das Heidelberger Planungsbüro Plessing entwickelte ein Konzept, wonach es am Hang zwar vereinzelt weiterhin Bäume geben soll, aber die meisten Flächen werden offengehalten: Man sieht also vor allem eine Magerwiese und Fels – ein recht ungewöhnlicher Anblick. Aber so wollte es einstimmig der Gemeinderat, als er auf seiner letzten Sitzung knapp 140.000 Euro für die restlichen Arbeiten am Branichhang beschloss. Denn nach den umfangreichen Rodungen vom Frühjahr müssen noch weitere 32 Bäume – alle stark geschädigt – gefällt werden, so Bauamtsleiter Markus Dorn.

Das wird nicht so einfach, denn die müssen mit einem Hubschrauber abtransportiert werden. Doch es gab nicht allzu viele Firmen, die das leisten können, denn die Zeit drängt: Die Untere Naturschutzbehörde will, dass die Fläche bis zum nächsten Frühjahr freigeräumt ist, um die Einzelheiten des neuen Biotops festlegen zu können. Nur ein Unternehmen, Forstbau Ziegler aus Mühlhausen, war dazu bereit. Der größte Teil der an sich happigen 140.000 Euro fällt für den Helikoptereinsatz an. Und dafür braucht es zudem eine Genehmigung: "Sonst müssen wir die Arbeiten um ein Jahr verschieben, und das wäre nicht ratsam", so Dorn.

Gerlinde Edelmann (Grüne Liste) griff die Kritik an den Rodungen vor acht Monaten auf und bat die Nachbarn um Verständnis für dieses Vorgehen, das sie für "richtig und notwendig" hält: "Wir haben seit 1995 an dieser Stelle ein Offenland-Biotop. Und das ist auch wegen des trockenen Standorts sinnvoll." An diesem Standort geht es auch um Schadensvorbeugung, es dürfen also nicht noch mehr Bäume umstürzen und dann die Häuser an der Talstraße gefährden. Das war und ist auch für Bürgermeister Hansjörg Höfer die oberste Priorität: "Es geht vor allem um mehr Schutz für die Häuser darunter."

Und das Landschaftsbild? Das wird sich im Vergleich zum Zustand vor den Rodungsarbeiten ändern: Der Hang wird fast baumfrei mit recht viel Gras – so, wie man es von der Schwäbischen Alb kennt. Auch Edelmann ahnt: "Das sieht vielleicht im ersten Moment nicht so gut aus." Aber immerhin: Den aus Gründen der Verkehrssicherheit gesperrten Karl-Rothenbusch-Weg könnte man dann wieder freigeben.

Mit den Hangrodungen ist Schriesheim nicht allein: In Heidelberg wurde 2009 am sogenannten Russenstein direkt am Neckar ein größeres Stück Wald abgeholzt – aus Gründen der Verkehrssicherheit, aber auch um der vom Wald verdrängten Ursprungsflora wieder eine Chance zugeben.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung