15.11.2021

Bürgermeisterwahl Schriesheim: Die Stadt seiner Jugend lässt Christoph Oeldorf nicht los

Oeldorf ist seit viereinhalb Jahren Bürgermeister in Wilhelmsfeld. Zu Schriesheim hat er seit seiner Schulzeit eine besondere Beziehung.

Von Micha Hörnle

Schriesheim/Wilhelmsfeld. Wie oft muss Christoph Oeldorf in den letzten Monaten gehört haben, er sei der "junge Oeldorf": "Das hat Vor- und Nachteile: Man muss sich nicht mehr vorstellen, wird aber auch mehr angesprochen", sagt er lakonisch. Aber er trägt es mit Fassung, denn, ja, er ist der Sohn des langjährigen (und seit der Gemeindefusion 1975 ersten) Hirschberger Bürgermeisters Werner Oeldorf, aber er ist vor allem er selbst, der seinen Weg, nicht ohne Brüche und Neuanfänge, geht. Und doch gibt der 43-Jährige zu: "Es war nicht immer einfach, Sohn eines Bürgermeisters zu sein."

Ein bisschen war er schon damals in Leutershausen auf dem Präsentierteller, aber: Privilegien oder spätere Protektion im Berufsleben habe es nicht gegeben. Und auch keine großen Nachteile, er wurde nie für die Entscheidungen seines Vaters zur Rechenschaft gezogen. Kommunalpolitik war nie das beherrschende Thema in seinem Elternhaus, noch nicht mal mit seinem Vater, der sich schon früh von Christoph Oeldorfs Mutter getrennt hatte und bei der die beiden Kinder – er hat noch einen jüngeren Bruder – aufwuchsen. Diese Trennung habe ihn "nicht massiv beschädigt".

Aber wie ist denn nun sein Verhältnis zu seinem Vater, gerade mit dessen reichem beruflichem Hintergrund? "Es wäre blöd, ihn nicht ab und an um Rat zu fragen", sagt Christoph Oeldorf, er ist auch keine "graue Eminenz", der im Hintergrund die Fäden ziehe. Überhaupt habe Werner Oeldorf beim Wunsch seines Sohnes, Bürgermeister in Wilhelmsfeld zu werden, zurückhaltend reagiert: "Überlege Dir das genau!" Und schon gar keine gute Idee wäre es gewesen, den Vater nach dem Ende seiner vierten Amtszeit 2007 im Hirschberger Amt beerben zu wollen. Aber das stand damals auch nicht zur Debatte.

Dabei ist Christoph Oeldorf ein richtiger Heisemer: Abgesehen von einer kurzen Zeit in einer Heidelberger WG während seines Studiums, hat er nirgendwo anders gewohnt, bis er Ende 2018 zu seiner heutigen Frau Laura nach Wilhelmsfeld zog. Hier wohnt er im Haus seiner Schwiegereltern, das gerade eine große Baustelle ist ("Es fing mit einem nassen Fleck an"), dabei erwartet das Paar im Dezember sein erstes Kind – ein Junge. Der rechnerische Geburtstermin ist der 25. Dezember, also kurz nach einem etwaigen zweiten Wahlgang. Und so ist für Oeldorf und seine Frau im Moment "eine aufregende, spannende Zeit, es kommt halt alles zusammen", Arbeiten am Haus inklusive. Sogar das spätere Kinderzimmer ist noch im Rohbau. Eigentlich wäre jetzt die Gelegenheit, vollends nach viereinhalb Jahren als Bürgermeister in Wilhelmsfeld anzukommen, zumal er den Ort mag, auf dessen Mitteldorf er vom Wohnzimmerfenster aus blickt: "Das ist schön, hier mitten in der Natur. In einem Dorf ist man schnell Teil der Gemeinschaft – und ist nicht im Elfenbeinturm."

Und doch hat Oeldorf immer noch eine enge Verbindung zu Schriesheim, nicht nur wegen eines alten Freundeskreises aus Gymnasiumszeiten, der sich damals im ehemaligen Café "Neutral" in den Fensenbäumen ("unser zweites Wohnzimmer") traf. Auf dem Mathaisemarkt 2018 lernte er seine heutige Frau näher kennen, "im Zehntkeller hat es gefunkt". Denn die Physiotherapeutin Laura Egert kannte Oeldorf als Bürgermeister dienstlich, sie war Gemeinderätin der Grünen Liste Wilhelmsfeld. Ein halbes Jahr nach dem Treffen im Zehntkeller zog er bei ihr in Wilhelmsfeld ein. An diese Zeit erinnert in der Küche des Paares ein Lebkuchenherz und eine Schiefertafel mit der nicht ganz korrekten Aufschrift: "Noch einen Tag bis zum Mathaisemarkt". Und auch wenn gerade das Haus umgebaut wird, konnte sich das Paar schon immer vorstellen, in Schriesheim zu wohnen, allein wegen der Freunde und der kurzen Wege an der Bergstraße – zumal nicht wenige Wilhelmsfelder, allein wegen der weiterführenden Schulen, generell in Richtung Bergstraße tendieren. Doch damit beschäftigt sich der Kandidat erst einmal nicht, der Wahlkampf ist wichtiger.

In Schriesheim ging er bis zur zehnten Klasse ins Gymnasium, dann wechselte er nach Weinheim aufs Wirtschaftsgymnasium: "Wirtschaft, aber auch Gemeinschaftskunde und Geschichte, haben mich interessiert, ich war nie der Sprachbegabteste." Nach dem Abitur wurde er erst einmal Zivi bei der Interessengemeinschaft zur Beratung und Hilfe Körperbehinderter (IKB), einem mobilen Sozialdienst in Weinheim, der 400 Leute betreute: "Eine ganz prägende Zeit", wie Oeldorf heute sagt: "Man lernt viel über sich, wie abhängig von anderen Menschen man sein kann – und wie schnell das gehen kann." Danach machte er erst einmal bei der IKB weiter, nach einer Vereinskrise übernahm er ein Vorstandsamt, später fusionierte die IKB mit der Lebenshilfe – vor allem, um die Fahrzeuge beider Organisationen besser auszulasten. Heute hat sich die Weinheimer Lebenshilfe "super entwickelt", so Oeldorf.

Schließlich studierte er Jura in Mannheim und ließ es wieder sein, "wie so viele vor dem Ersten Staatsexamen". Immerhin blieb ihm aus dieser Zeit ein "juristisches Grundverständnis". Er wurde dann Werkstudent bei der SAP ("Es hat mir nicht geschadet, die Arbeitswelt kennenzulernen"), und aus den Kontakten dort mit Indien entschloss er sich, in Heidelberg Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Südasien zu studieren. Nach dem Magister-Abschluss 2012 wurde er zunächst Praktikant im Entwicklungshilfeministerium, bereitete eine Ministerreise nach Nepal, Bangladesch und Pakistan vor, war einige Zeit im Südostasienreferat in Eschborn, schließlich kam er ans Arbeitsministerium, wo ihm ein Projekt in Vietnam anvertraut wurde: Da auch dort die Großfamilien auseinanderfallen, sollten auf Dorfebene Ansätze eines Sozialstaates entwickelt werden; noch heute läuft das Projekt weiter. Schließlich bewarb er sich bei der Arbeitsagentur in Heidelberg für einen Modellversuch, bei dem besonders schwer zu vermittelnde Langzeitarbeitslose gezielt beraten werden sollten. Mit Erfolg, und so wurde er 2016 stellvertretender Dienststellenleiter der Arbeitsagentur in Weinheim.

Zu dieser Zeit, seit 2014, war er für die Freien Wähler Gemeinderat in Hirschberg, fast zeitgleich trat er in die CDU ein – wegen der Vernetzung auf Landes- und Bundesebene. Eine konkrete Auswirkung hatte das aber nicht: "Ich fühle mich in der Kommunalpolitik parteipolitisch nicht gebunden. Ich halte das auch für richtig so. Die emotionalste Diskussion in meiner Zeit als Gemeinderat war, welche Farbe eine Tür in der Schule haben sollte." 2015 begann er ein Studium an der Verwaltungshochschule in Kehl, "das war reines Interesse als Gemeinderat, einem stellvertretenden Agenturleiter bringt das nichts". Aber ist das nicht eine Kaderschmiede für Bürgermeister, schließlich waren auch sein Vater und Alt-Bürgermeister Peter Riehl dort? "Nein, ich hatte nicht vor, Bürgermeister zu werden."

Und doch: Er sollte es bald werden. In Wilhelmsfeld – hier ging Hans Zellner (Freie Wähler) nach 32 Jahren in den Ruhestand – lief das dann so ab wie vier Jahre später in Schriesheim: "Ich wurde gefragt, und dann macht man sich Gedanken. Die Aufgabe an sich hat mich gereizt." Im ersten Wahlgang lag Oeldorf, unterstützt von den Freien Wählern, mit 41 Prozent vorn, der zweitplatzierte Reiner Schorr, der von der CDU auf den Schild gehoben wurde, kam auf 25 Prozent. Drei Wochen später war der damals 38-Jährige mit 56 Prozent gewählt, Schorr war auf 43 Prozent gekommen. Damals stand seine heutige Frau als Grüne nicht im Wahlkampf hinter ihm – der Kandidat ihrer Partei, Thomas Grüninger, war im ersten Wahlgang nur auf knapp 13 Prozent gekommen. Heute steht Laura Oeldorf dagegen im Schriesheimer Wahlkampf fest an seiner Seite. In Wilhelmsfeld beendete Oeldorf seine Masterarbeit für die Verwaltungshochschule – und konnte dabei erste Erfahrungen im Amt einfließen lassen. Ihr Thema – und das ist auch für Schriesheim nicht uninteressant: "Die Digitalisierung der Verwaltung". Kein Wunder, dass Oeldorf in Wilhelmsfeld den Ausbau des schnellen Internets vorantrieb.

Auf die Frage nach Hobbys sagt er als erstes: "Wahlkampf!" Zu mehr bleibt ihm ja kaum Zeit. Er hat lange bei der SGL Handball gespielt, zumindest hat er sich seither eine Grundrobustheit und Gelassenheit bewahrt. Wenn es Zeit und Corona zuließen, reist er gern. Und "ein bissel Handwerken" auch, aber im Moment müssen im Haus erst mal die Handwerker ran – wegen des Rohbaus im Erdgeschoss, aber vor allem wegen der heißen Wahlkampfphase. Darunter soll Wilhelmsfeld nicht allzu sehr leiden: Er nimmt sich für die Schriesheimer Termine zwei Tage in der Woche frei, die Wochenenden gehen sowieso ganz dafür drauf. Denn die Stadt seiner Jugend soll seine letzte Station als Bürgermeister sein. So hat er es den Schriesheimern mehrfach versprochen.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung