15.11.2021

Bürgermeisterwahl Schriesheim: Branich-IG fühlte Tuncer und Oeldorf auf den Zahn

Bürgermeisterwahl Schriesheim: Branich-IG fühlte Tuncer und Oeldorf auf den Zahn

Die Branich-IG-Vorsitzende Monika Klar (stehend) begrüßte die Bürgermeisterkandidaten Fadime Tuncer und Christoph Oeldorf (Bildmitte) bei der Podiumsdiskussion ihres „Stadtteils“. Foto: Dorn
Richtig emotional wurde es bei der Frage nach den Windrädern. Auch schlechte Straßen wurden bemängelt.

Schriesheim. (hö) Das Verhältnis der Branich-Bewohner zum Rathaus ist nicht immer ungetrübt. "Der Branich war immer das Stiefkind Schriesheims", sagte Günter Lang in Richtung der beiden Bürgermeisterkandidaten Fadime Tuncer und Christoph Oeldorf. Die waren auf Einladung der Branich-Interessengemeinschaft (IG) am Freitagabend ins "Neue Ludwigstal" gekommen, um sich den Fragen "vom Berg" zu stellen, die "in den Wahlkampf bisher nicht so Eingang gefunden haben", wie die Branich-IG-Vorsitzende Monika Klahr sagte. Der 125 Mitglieder starke Verein versteht sich als Sprachrohr des "Stadtteils" mit seinem "munteren und auch streitbaren Völkchen" (Klahr).

Richtig emotional wurde es aber erst gegen Ende der knapp zweieinhalbstündigen Podiumsdiskussion, als das Reizthema "Windräder" angesprochen wurde. Da hatte die Kandidatin Tuncer als Grüne (und damit vermeintlich als "geborene" Windenergie-Freundin) einen schweren Stand, denn den Branich eint – zumindest wenn es nach dem Beifall geht – die Ablehnung gegen solche Anlagen auf der Hohen Waid.

Ihr Konkurrent Oeldorf befürchtete sogar – fälschlicherweise – direkt neben die Strahlenburg solche Rotoren ("Heidelberg würde nie ein Windrad neben das Schloss bauen"). Dabei kann sich auch Tuncer "keinen Windpark auf dem Branich oder neben der Strahlenburg vorstellen", allerdings ging Oeldorfs Haltung noch weiter: "Der Odenwaldkamm ist für Windräder nicht prädestiniert. Mit mir wird es in Schriesheim keine Windparks geben." Dafür sieht auch Tuncer, an sich keine Gegnerin der Windkraft, keinen Bedarf. Sie betonte: "Ich setze mehr auf Fotovoltaik." Das war Lisa Bognar von der Branich-IG nicht genug: "Das Rathaus sollte sich nicht wegducken, auch wenn die Hohe Waid auf Hirschberger Gemarkung liegt."

Ein anderes Reizthema auf dem Branich, die zweite Zufahrt über den "Laubelt", wurde überraschenderweise nur kurz angerissen – auch wenn einer ihrer vehementesten Befürworter, Hans-Jörg Goerlach, im Publikum saß. Kaum überraschend erteilten sowohl Tuncer als auch Oeldorf der Freigabe des seit 2016 gesperrten "Laubelt" eine Absage, zumal es ja einen gültigen Gemeinderatsbeschluss gebe. Allerdings kann es sich zumindest Oeldorf vorstellen, "diese Diskussion wieder führen zu müssen", allerdings sei das mit den Behörden abzuklären.

Fast wichtiger war den Branich-Bewohnern der allgemein schlechte Zustand der Wege, inklusive des zugewachsenen "Laubelt" (der ja als Rettungsweg dient), die zu selten gesäubert oder freigeschnitten würden. Hier gelobten beide Kandidaten Besserung, es solle häufiger gekehrt werden – auch wenn die Branich-IG ja selbst schon mit ihrer Putzaktion aktiv ist. Aber vielleicht könnte man eine "Kehrwoche" nach dem Vorbild Ladenburgs einführen, schlug Oeldorf vor. Und Klahr kann sich vorstellen, dass es wieder regelmäßiger Begutachtungsfahrten mit dem Ordnungsamt gibt. Für Tuncer eine gute Idee. Doch als Andreas Knapp vorschlug, das Ordnungsamt solle auch abends und am Wochenende vorbeischauen, um nach dem Rechten zu sehen ("die soziale Kontrolle wird schwächer"), schlug sie eine Bresche für die Rathausmitarbeiter: "Das Ordnungsamt ist bis zum Anschlag ausgelastet. Ich finde gegenseitige Rücksichtnahme besser. Wenn jeder seine eigene Parksituation prüft, dann wären wir schon ein Stück weiter."

Ein anderes Thema – wie auch in der Kernstadt – ist die Parksituation und damit die enge Zufahrt zum Wohngebiet. Das rührte gleich an die ganz große Frage: Dürfen auf dem Branich noch mehr Häuser gebaut werden? Zwar gibt es kaum mehr freie Grundstücke, dafür werden auf die bereits bebauten größere Häuser gestellt. Ist überhaupt dafür die Infrastruktur, von den Straßen bis hin zur Entwässerung, ausgelegt? Zumindest Lisa Bognar bezweifelt das. Denn es werde immer mehr Boden versiegelt, das Wasser "schießt den Hang herunter, und das Schriesheimer Tal säuft ab". Zumindest das sollte, geht es nach Oeldorf, nicht sein. So sollte der Entwässerungsplan alle 25 Jahre überarbeitet werden: "Darauf lege ich viel Wert", sagte er – wohl mit Blick auf eigene Erfahrungen in Wilhelmsfeld.

Auch Tuncer erkannte die "Schattenseiten des Branich-Wachstums". Und Oeldorf verwies darauf, dass auch bei Nachverdichtungen die Erschließung gesichert sein muss. Karl Balmert, auch ein Branich-Urgestein, fand schlicht: "Man sollte den Branich so lassen, wie er ist."An sich seien die Straßen ja breit genug, die Bewohner müssten nur mal ihre Garagen ausmisten, dann könnten sie auch ihre Autos reinstellen. Manches an den neuen Häusern und ihren neuen Grünpflanzen schmeckte ihm überhaupt nicht: "Da wurden Eichen umgehauen und Palmen gesetzt. Aber Eichhörnchen fressen keine Bananen!"

Sabrina Heberle hat ein ganz anderes Anliegen: Sie hätte gern im Blütenweg, unweit des "Laubelt" auf städtischem Grund einen Spielplatz "wie in Altenbach". Dafür zeigten sich beide Kandidaten offen, wollen das aber erst mit den Anliegern, den Eltern und dem Gemeinderat besprechen. Isolde Nelles, die altgediente "Stimme des Branich", erinnerte an Uralt-Diskussionen während der Ära Riehl. Damals scheiterte der Spielplatz an 20.000 D-Mark – so viel hätte die Planierung des Geländes gekostet. Daran soll es heute nicht mehr scheitern – eher vielleicht daran, dass da kein Kind vom oberen Branich hinkomme, weil der Weg zu weit ist, wie Günter Lang einwandte.

Ungewöhnlich ausgiebig wurde über Kernstadtfragen wie den Festplatz zum Parken oder eine Fußgängerzone in der Heidelberger Straße diskutiert – wohl, weil man auf dem Branich auf ein Auto angewiesen ist. Der Tenor: Der Festplatz sollte weiterhin zum Großteil fürs Parken da sein. Das bestritt auch Tuncer gar nicht, und doch erntete sie Widerspruch für ihren Vorschlag, hier eine Art neue Bewirtschaftung einzuführen. Und auch eine autofreie Heidelberger Straße sieht der Branich kritisch, wobei beide Kandidaten die auch nur nach Geschäftsschluss einrichten wollen.

Bürgermeisterwahl 2021 - die Fakten
> Amtsinhaber Hansjörg Höfer (65, Grüne Liste) kandidiert nach zwei Amtszeiten nicht mehr.
> Die Wahl am 28. November: Es gibt etwa 12.000 Wahlberechtigte (zum Vergleich Bundestagswahl vom 26. September: 11.292), darunter etwa 280 Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren sowie etwa 600 EU-Bürger.
> Die Stärke der politischen Gruppierungen: Grüne Liste: 32,53 % CDU: 20,67 % Freie Wähler: 18,80 % SPD: 15,27 % FDP: 6,06 % AfD: 3,41 % Bürgergemeinschaft Schriesheim: 3,26 % (Ergebnisse der Kommunalwahl 2019).



Die Kandidierenden:
> Fadime Tuncer (52, Grüne Liste), seit 2009 Stadträtin und seit 2019 Bürgermeisterstellvertreterin; sie arbeitet als als Wahlkreisreferentin des grünen Landtagsabgeordneten Uli Sckerl. Fadime Tuncer wurde 1969 in der zentralanatolischen Stadt Sivas geboren, 1975 übersiedelte die Familie nach Mannheim, wo Tuncer am Ursulinen-Gymnasium ihr Abitur machte.
Ab 1991 studierte sie zunächst Jura in Mannheim und in Heidelberg, schließlich ab 1999 Politikwissenschaft, Soziologie und Öffentliches Recht in Heidelberg; hier machte sie 2005 ihren Magister. Schon zu Studienzeiten zog sie 1996 nach Schriesheim, hier heiratete sie, und hier werden auch ihre beiden Kinder, eine Tochter und ein Sohn, groß. Vor 20 Jahren wurden das Ehepaar eingebürgert – und seitdem können beide endlich wählen. 2005 organisierte sie den ersten Bürgermeisterwahlkampf Hansjörg Höfers

> Christoph Oeldorf (43), wird unterstützt von CDU, Freien Wählern und Teilen der Bürgergemeinschaft. Er selbst ist Mitglied der Freien Wähler Hirschberg und der Landes-CDU, seit 2017 Bürgermeister in Wilhelmsfeld. In Leutershausen wuchs Christoph Oeldorf auf und engagierte sich erst im Sport – als Handballer bei der SGL –, von 2014 bis 2017 auch politisch, als Gemeinderat der Freien Wähler Hirschberg. Oeldorf ging von der fünften bis zur zehnten Klasse auf das Kurpfalz-Gymnasium, seinen Abschluss machte er auf dem Weinheimer Wirtschaftsgymnasium.
Nach dem Zivildienst in Weinheim studierte er zunächst Jura in Mannheim, arbeite als Werkstudent bei der SAP und studierte in Heidelberg ab 2011 Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Südasien. Nach Stationen im Entwicklungsministerium und in der Entwicklungshilfe kam Oeldorf zur Arbeitsagentur. Dort war er bis zum Bürgermeisteramt in Wilhelmsfeld stellvertretender Dienststellenleiter in Weinheim. Zeitgleich absolvierte er an der Hochschule Kehl einen Masterstudiengang für Führungskräfte in der Verwaltung, den er 2019 abschloss.
Oeldorf ist verheiratet, mit seiner Frau erwartet er das erste Kind, das im Dezember auf die Welt kommen soll. Das Paar wohnt in Wilhelmsfeld.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung