22.11.2021

Bürgermeisterwahl Schriesheim: Fadime Tuncer musste sich als Gastarbeiterkind durchbeißen

Die Kandidatin wuchs zunächst in der Türkei auf. Erst in Schriesheim kam sie richtig an.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Manchmal, aber wirklich nur manchmal, muss sich Fadime Tuncer im Bürgermeisterwahlkampf mit ihrer Herkunft auseinandersetzen. Dabei thematisiert sie das selbst nie, höchstens dann, wenn sie darauf angesprochen wird. Und doch: Gelegentlich wird sie am Infostand von besonders identifikationsverliebten Bürgern angegangen, die Probleme damit haben, wenn keine "Bio-Deutsche" für das höchste Amt in ihrer Kommune antritt. Doch Tuncer reagiert gelassen, sucht das Gespräch, das ihr aber dann meistens verweigert wird.

Ja, sie ist Muslima, aber sie ist nicht religiös erzogen worden: "Das war für mich und meine Eltern nie ein großes Thema. Ich habe auf dem katholischen Ursulinen-Gymnasium in Mannheim sechs Tage die Woche das Vaterunser gebetet, und natürlich feiern wir wie alle anderen Weihnachten." Am wichtigsten ist ihr, Werte zu vermitteln – und das hat erst einmal nichts mit der Religionszugehörigkeit zu tun. Und, ja, sie ist in der Türkei geboren, verbrachte die ersten sechs Jahre bei ihrer Oma am Stadtrand von Sivas; es hatte etwas von einem fast ländlichen Idyll, "ein bisschen wie in Bullerbü" nannte sie es mal.

Diese Kommune in Zentralanatolien zählte zum Zeitpunkt ihrer Geburt 1969 noch etwas über 100.000 Einwohner, heute ist sie auf das Dreifache gewachsen, größer als Mannheim. Und die Kurpfalzmetropole sollte dann ihre späte Kindheit und Jugend bestimmen: Ihr Vater war kurz nach ihrer Geburt nach Deutschland gegangen, er arbeitete lange als Schweißer bei Mercedes-Benz. Ihre Mutter folgte bald nach, die kleine Fadime wurde erst mit sechs Jahren zu ihren Eltern in den Jungbusch geholt, inzwischen hatten die noch zwei weitere Kinder bekommen: "Ich kam mir vor wie ein Pflegekind", sagt sie heute. Sie fühlte sich ziemlich allein in einer vollkommen ungewohnten Umgebung – "das waren ganz andere Gerüche, und ich habe noch nie so hohe Altbauten gesehen" –, und dann fremdelte sie auch noch anfangs mit den ihr fast vollkommen unbekannten Eltern, die sie seit deren Auswanderung nicht mehr gesehen hatte, noch nicht einmal im Urlaub.

Auch wenn sie später ein ganz gutes Verhältnis zu ihnen hatte – der Vater starb bereits 2011 –, sagt sie doch: "So eine prägende Zeit wie in der Kindheit kann man dann nicht mehr aufholen." Wenn sie heute an diese Zeit zurückdenkt, fällt ihr der Vergleich mit Heidi ein, die als Wildfang aus den Bergen – auch die gibt es in Sivas – ins kalte Frankfurt verfrachtet wird, um der gelähmten Klara Gesellschaft zu leisten, wie es Johanna Spyri in ihrem Kinderbuchklassiker erzählt hat (den die Kinder der Siebziger aber eher als japanische Zeichentrickserie kennen).

Doch Fadime Tuncer ist zäh: Sie flüchtet sich in ihre eigene Welt. Und das sind vor allem die Bücher, dabei konnte sie bei ihrer Ankunft kein Wort Deutsch. Auch in der Schule gab es für "Gastarbeiterkinder" damals keine Förderung, also biss sie sich durch. Aber es gab auch "Mentoren", wie die Nachbarin in Neckarau, wohin die Familie gezogen war. Die riet dem Mädchen, ganz viel zu lesen, ihre Klassenlehrerin übte mit ihr die Sprache, zeigte ihr die unbekannte Welt der Mannheimer Stadtbücherei – und so schaffte Tuncer in der siebten Klasse den Sprung von der Hauptschule ins Gymnasium.

Ihren Geschwistern, insgesamt drei, gelangen ähnliche Karrieren, zwei wurden Akademiker. Dabei ist Tuncer dieser Bildungsaufstieg eigentlich gar nicht so wichtig, auch bei ihren beiden Kindern: "Man muss sich nicht rechtfertigen, wenn man nicht studiert. Und so lasse ich auch meinen Kindern die Freiheit. Es ist viel wichtiger, dass man einen Beruf hat, der einem Spaß macht." In Mannheim begann sie ihr Jura-Studium, das sie ganz allein mit Nebenjobs finanzierte. Später wechselte sie nach Heidelberg: "Ich wollte mal aus Mannheim raus."

Und dort, in der Triplex-Mensa am Universitätsplatz, traf sie ihren späteren Mann Özdilek. Der stammte auch aus der Türkei, war aber erst mit 17 Jahren als Student nach Deutschland gekommen und studierte in Heidelberg zuerst Geologie und machte sein Diplom in Mineralogie; heute ist er SAP-Berater. 1998 gab Tuncer Jura auf und studierte das, was sie eigentlich interessierte: Politikwissenschaft, Soziologie und Öffentliches Recht. Ihre Masterarbeit über die Asyl- und Flüchtlingspolitik in der EU zeichnete schon 2004 in gewisser Weise auch eines ihrer wichtigsten Anliegen vor: die Integration, gerade von Geflüchteten.

Nach einer kurzen Zeit in Dossenheim zog das Paar schließlich 1994 nach Schriesheim. Geheiratet wurde erst vier Jahre später. Ihr erstes Zuhause war in der Bahnhofstraße, eine gemütliche Maisonette-Wohnung mit Blick auf die Strahlenburg. 17 Jahre sollten sie hier bleiben, bis es zu eng wurde, als die Kinder kamen, 2000 die Tochter und 2006 der Sohn. Die fühlen sich ganz selbstverständlich als Schriesheimer, die Frage nach der Identität stellen sie sich gar nicht erst. Und so spricht der Sohn lieber Spanisch als Türkisch; das sprechen in der Familie eigentlich untereinander nur noch die Eltern. Tuncer kam, wie sie gern sagt, erst in Schriesheim so richtig in Deutschland an.

Später wohnte die junge Familie übergangsweise in die Friedensstraße, suchte aber lange nach einer neuen Bleibe: "Das dauerte sehr lange, insofern verstehe ich jeden, der verzweifelt auf Wohnungssuche ist." Nach sechs Jahren Suche kauften sich die Tuncers schließlich Ende 2016 ein ziemlich heruntergewohntes Sechziger-Jahre-Haus in der Alexander-Mack-Straße, das sie wieder herrichten ließen – "nur mit Handwerkern aus Schriesheim". Und wie es sich für eine Grüne gehört, gibt es auf dem Dach auch Solarthermie. Nur: Nur die Nähe zur Altstadt vermisst sie hier manchmal. Dafür hat sie jetzt einen großen Garten, auf dem man vom gemütlichen Wohnzimmer durch eine Panoramascheibe blickt: "Den liebe ich!" Deswegen ist der auch ihr großes Hobby, wenn sie nicht dem noch größeren frönt: der politischen Arbeit.

Den Weg zu den Grünen fand Tuncer, die aus einem unpolitischen Elternhaus stammt, erst relativ spät – auch wenn sie erstmals durch das Reaktorunglück in Tschernobyl 1986 aufgerüttelt wurde: "Da hat man schon gespürt, welche Auswirkungen auf unser Leben eine Katastrophe hat, die so weit weg schien. Aber wählen durfte sie ja auch nicht, erst ab 2000, als sie und ihr Mann die deutsche Staatsangehörigkeit annahmen: "Das macht schon einen Unterschied, ob man das Wahlrecht hat. Es spornt an, sich verantwortlich zu fühlen." Und eigentlich hatte sie auch nicht vor, in eine Partei einzutreten.

Doch dann gab es 2005 im Politikwissenschaftlichen Seminar in Heidelberg einen Aushang: Da wurde jemand gesucht, der den Wahlkampf des Bürgermeisterkandidaten Hansjörg Höfer mitorganisieren sollte. Zwar hatte sie "mit der Kommunalpolitik bisher nichts zu tun gehabt", aber sie stellte sich doch in Schriesheim vor – und managte fortan Höfers Kampagne. 2009 kandidierte sie erstmals, und auf Anhieb erfolgreich, für den Gemeinde- und Kreisrat. 2014 und 2019 wurde sie wiedergewählt, zuletzt als Stimmkönigin – was vorher eher für alteingesessene Schriesheimer reserviert war.

Seit 2010 leitet sie das Wahlkreisbüro des grünen Landtagsabgeordneten Uli Sckerl; sie kandidierte im Landtagswahlkampf auch als dessen Zweitbewerberin. Wäre nicht die Landespolitik etwas für sie gewesen, sozusagen das "Modell Cuny", indem sie Sckerl beerbt? Sie hätte es sich durchaus vorstellen können, aber dann kam die Bürgermeisterkandidatur in Schriesheim. Wenn sie gewählt wird, bleibt sie hier: "Wenn ich mich für etwas entschieden habe, bleibe ich dabei." Ihre vielen Kontakte ins Land könne sie im Amt dann gut gebrauchen und für Schriesheim einsetzen.

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung