14.12.2021

Schriesheim/Heppenheim: Was die beiden Genossenschaften unterscheidet und eint

Schriesheim/Heppenheim: Was die beiden Genossenschaften unterscheidet und eint

Die historischen Wurzeln und ehemaligen Keltern der beiden Genossenschaften: der Kurmainzer Amtshof in Heppenheim. Foto: Dorn
Die Heppenheimer saugten alle anderen auf, die Schriesheimer waren sich eher selbst genug. Beide fahren seit den 1990er Jahren eine Qualitätsoffensive.

Schriesheim/Heppenheim. (hö) Eigentlich hatten die beiden Winzergenossenschaften (WG) an der Bergstraße bisher wenig miteinander zu tun – außer dass sich ihre beiden Abliefergebiete in Lützelsachsen berühren. Dabei blicken beide auf eine lange Tradition zurück: Die Schriesheimer WG wurde im letzten Jahr 90 Jahre alt, die Heppenheimer ist 26 Jahre älter. Beide entstanden aus einer wirtschaftlichen Notsituation der Winzer heraus: Durch einen Zusammenschluss als Genossenschaft sollten Anbau (insbesondere die Schädlingsbekämpfung), Keltern, Ausbau und Abfüllen der Weine effektiver gemacht und den Winzern eine sicherere Existenz ermöglicht werden – zumal "Preisdumping" nicht mehr möglich war.

Eine Kuriosität gibt es in Schriesheim mit zwei Genossenschaften: einmal die klassische WG und dann die Vertriebsgenossenschaft. Der Grund: 1969 kaufte die WG das Gasthaus "Zum Goldenen Hirsch", hier sollte der Vertrieb (und zunächst auch das Keltern) angesiedelt sein. Doch der Kauf hätte für die WG enorme steuerliche Nachteile mit sich gebracht, und der Betrieb einer Gaststätte war mit ihren Statuten nicht vereinbar. Deswegen wurde eine eigene Vertriebsgenossenschaft gegründet, die aber personell mit der WG identisch ist.

Die wichtigsten Orte beider Genossenschaften lagen in den jeweiligen Altstädten: In Schriesheim war es der Zehntkeller, in dem sogar bis 1970 noch der Wein abgefüllt wurde, in Heppenheim spielte der Kurmainzer Amtshof mit seiner Kelterhalle die zentrale Rolle; hier gab es bereits 1932 einen ersten Ausschank. Doch die Südhessen expandierten schneller und entschlossener an die damalige Peripherie der Stadt: 1959 wurde ein neues Kellereigebäude an der B 3 gebaut, nachdem die Heppenheimer und Auerbacher Winzer zur Gebietsgenossenschaft Bergstraße fusioniert hatten; seit dem Umbau 2014 gibt es hier eine schicke Weinerlebniswelt "Viniversum". Nach und nach "saugten" die Heppenheimer die kleineren Genossenschaften an der hessischen Bergstraße auf – zuletzt 1970 Bensheim –, während die Schriesheimer eher auf sich bedacht waren und bisher keine verkehrsmäßig günstig und vor allem sichtbare Verkaufsstelle zu Wege brachten.

Und schlimmer noch: Seit 1971 wurde durch ein neues Weinrecht die Bergstraße als gemeinsames Anbaugebiet Geschichte: Die Heppenheimer WG dominierte die "Hessische Bergstraße" – das kleinste Anbaugebiet Deutschlands –, während die Schriesheimer zu Baden kamen. Deswegen steht auch auf den in Heppenheim ausgebauten Weinen, deren Trauben Laudenbacher und Hemsbacher Winzer liefern "Baden" und nicht "Hessische Bergstraße".

In den neunziger Jahren setzte in beiden Genossenschaften eine Qualitätsoffensive ein, man setzte nicht mehr auf Masse. Und doch macht die Bergsträßer Topografie mit ihren vielen Steillagen Probleme. Eine Rebflurbereinigung – also eine Zusammenlegung von Flächen und die Neuanlage von Wegen – wird es auf dennoch Zeit nicht geben, dagegen sind die Widerstände zu groß.

In beiden Genossenschaften gab es unlängst erst einen Generationenwechsel: Anfang 2019 übernahm der damals 34-jährige gebürtige Pfälzer Patrick Staub das Ruder in Heppenheim, zum 1. Juli der 39-jährige Manuel Bretschi das in Schriesheim. Und doch versichert der Aufsichtsratsvorsitzende der Schriesheimer WG, Winfried Krämer, dass die ersten Gespräche in Richtung Kooperation schon vor 15 Jahren begonnen haben. Und auch Bretschi sagt über seine Rolle: "Das wäre mit jemandem anderen genauso gekommen."

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Der Zehntkeller in Schriesheim vor seinem Umbau. (Foto von 2015). Foto: Dorn

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung