29.12.2021

Wie die Stadt wirtschaftlich aufgestellt ist

Der jetzt scheidende Wirtschaftsförderer Torsten Filsinger im Interview. "Der klassische Einzelhandel hat trotz des Internets weiterhin eine Chance".

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Über zwölf Jahre lang war Torsten Filsinger der Ansprechpartner für die Wirtschaft. Zum Jahresende wechselt er in seine Geburtsstadt Mannheim, wo er auch lebt; ihm folgt die 26-jährige Michaela Gärtner nach. Für den damals 28-jährigen Filsinger war im Juli 2009 der Posten des Wirtschaftsförderers der erste Job nach seinem Politikwissenschaft- und Geografie-Studium in Heidelberg. Seit seinem Amtsantritt ist er der Erste im Rathaus mit einer Vollzeitstelle für diesen Aufgabenbereich. Sein Vorgänger Hans Jörg Schmidt war zuerst ab Anfang 2007 Stadtarchivar, bevor er im März 2008 zusätzlich eine halbe Stelle für Stadtmarketing und Tourismus erhielt. Filsinger hingegen bekam noch den Öffentlichen Nahverkehr zu seinem Aufgabenbereich dazu. Die RNZ wollte von Filsinger wissen, wie sich die Wirtschaft in den letzten zwölf Jahren entwickelt hat.

Sie waren zwölf Jahre bei der Stadt. Was hat Sie am meisten gefreut – oder was war Ihr größter Erfolg?

Ich finde es schwierig, eine solche Frage selbst zu beantworten. Aber ich denke, es war wichtig, durch die tägliche Arbeit und durch viele Projekte zu zeigen, dass eine Kommune in unserer Größenordnung einen eigenen Ansprechpartner – jetzt eine Ansprechpartnerin – für die Betriebe hat. Natürlich wären meine Arbeit und viele Projekte ohne die Zusammenarbeit mit vielen anderen Menschen gar nicht möglich gewesen. Daher möchte ich jetzt auch kein einzelnes Projekt nennen, weil das den anderen und denen, die an diesen mitgearbeitet haben, nicht gerecht würde.

Da liegt die Frage nahe: Über was sind Sie nicht so glücklich?

Wenn es Projekte gibt, die gut gelaufen sind, dann gibt es natürlich immer auch Projekte, die vielleicht nicht die Resonanz erfahren haben, die man sich gewünscht hat. Ein Einzelnes hier herausdeuten möchte ich aber genauso wenig.

Gastronomie und Einzelhandel in Schriesheim haben sich ja erstaunlich robust während der Pandemie erwiesen. Wie erklären Sie sich das?

Ich denke, dafür gibt es verschiedene Gründe. Wir haben in Schriesheim, aber auch andernorts, gesehen, dass gerade die kleineren, inhabergeführten Betriebe vergleichsweise gut durch die Krise gekommen sind. Die Menschen hatten hier zum einen ein besseres Sicherheitsgefühl. Sie haben tendenziell die größeren Zentren gemieden und sind auf kleinere Betriebe für ihren Einkauf ausgewichen. Zum anderen haben die Schriesheimer "ihren" Betrieben die Treue gehalten. Daran sieht man, wie wertvoll die Themen Kundenbindung und persönliche Beratung sind. Zudem haben viele Schriesheimer Betriebe schnell und flexibel reagiert und beispielsweise Abhol- und Lieferdienste angeboten. Wir haben sie dabei unterstützt und die Bürger unkompliziert darüber informiert. Das hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass die Kunden "ihren" Geschäften treu geblieben sind.

Und doch: Es gibt, wenn man mal die letzten zehn Jahre ansieht, doch Verluste. Ist das der allgemeine Wandel des Einkaufs- und Ausgehverhaltens – und was kann da eine Stadt wie Schriesheim tun?

Unser Einkaufsverhalten hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Die Coronakrise hat hier wie ein Beschleuniger gewirkt. Kommunen können diesen Trend sicherlich nicht aufhalten. Sie können aber durchaus Rahmenbedingungen gestalten, die den Handel aber auch die Gastronomie in ihrer täglichen Arbeit unterstützen.

Immer mehr Kunden bestellen im Internet. Hat da der klassische Einzelhandel in einer Kleinstadt noch eine Chance? In Studien heißt es ja, dass gerade die Kleinstädte unter dem Ausbluten des Einzelhandels leiden würden…

Der klassische stationäre Einzelhandel hat in jedem Fall weiterhin eine Chance. Trotz boomenden Online-Handels gibt es viele Menschen, die den persönlichen Kontakt suchen, eine persönliche Beratung wollen oder die Ware gerne in einem Geschäft sehen, bevor sie sie kaufen. Gerade beim persönlichen Kontakt und der Beratung hat der Einzelhandel in Kleinstädten einen großen Vorteil, auch gegenüber den Filialisten in den großen Zentren. Klar ist aber auch, dass der Einzelhandel sich ein Stück weit anpassen muss. Es geht meiner Meinung nach heute um mehr als um den reinen Einkauf von Produkten. Es geht stärker um ein Einkaufserlebnis, das die Menschen suchen und das man nicht online bekommen kann.

Gibt es eigentlich einen Erfahrungsaustausch unter den Wirtschaftsförderern von Kleinstädten, welche Konzepte gegen ein solches Ausbluten helfen?

Es gibt verschiedene Netzwerke von Wirtschaftsförderern, die immens wichtig für die Arbeit sind. Allen voran ist hier der Arbeitskreis der Wirtschaftsförderer des Rhein-Neckar-Kreises zu nennen. Der Erfahrungsaustausch hier ist sehr wertvoll.

Die Zukunft der Heidelberger Straße war eines der Themen im Bürgermeisterwahlkampf. Wie lautet Ihre Bestandsanalyse: Was läuft gut – und was nicht?

Wir haben hier einen wirklich guten und vielfältigen Mix aus Einzelhandel und Gastronomie, worum uns sicher manch andere Kommunen unserer Größenordnung beneiden. Natürlich gab es auch hier in den letzten Jahren Veränderungen, was allerdings völlig normal und nicht besorgniserregend ist. Ich kann jedoch das Argument nachvollziehen, dass man hier die Aufenthaltsqualität noch verbessern könnte.

Teilen Sie meine Analyse: Permanenten Leerstand gibt es selten, aber Läden mit Publikumsverkehr werden weniger?

Es ist richtig, dass es nur wenige Leerstände in Schriesheim gibt. Das ist zunächst einmal sehr positiv. Es ist auch richtig, dass es immer eine gewisse Fluktuation an Betrieben gibt, und natürlich ist es schade, wenn Geschäfte aufgeben, die viele Menschen in die Altstadt gezogen haben. Dennoch haben wir noch einige solcher Betriebe, die genau diese Aufgabe erfüllen. Zudem haben wir schon vor einigen Jahren mit der Verlegung des Wochenmarktes in die Kirchstraße an Samstagen einen solchen Frequenzbringer geschaffen.

Zwei Fragen spielten im Bürgermeisterwahlkampf eine Rolle: Erstens: Wäre eine Pflasterung bis zur Bahnhofstraße oder bis zur Passein wünschenswert?

Wir haben bereits bei der Sanierung der Heidelberger Straße und der Kirchstraße vor einigen Jahren gesehen, was eine optische Aufwertung unserer Altstadt Positives bewirken kann. Vor diesem Hintergrund wäre eine durchgängige Pflasterung im Sinne eines einheitlichen Erscheinungsbildes in jedem Fall wünschenswert. Das ist allerdings mit einem hohen finanziellen Aufwand verbunden. Zudem gilt es dabei, viele andere Belange, wie zum Beispiel die mögliche Sanierung von Wasser- und Abwasserleitungen, zu berücksichtigen. Insofern ist das ein Projekt, das unter Umständen nicht so schnell umsetzbar ist.

Zweitens: Was halten Sie als jemand, der engen Kontakt zu den Einzelhändlern und zur Gastronomie pflegt, von der Idee einer autofreien Heidelberger Straße, zumindest nach Geschäftsschluss?

Auch wenn die Idee möglicherweise bei dem ein oder anderen Betrieb nicht auf Gegenliebe stößt, denke ich, dass das eine Idee ist, die man durchaus diskutieren kann. Wenn dadurch eine bessere Aufenthaltsqualität für die Kunden geschaffen wird, dann kann dies auch eine Chance für Handel und Gastronomie sein – auch um an dem angesprochenen Einkaufserlebnis zu arbeiten.

Wenn Sie sich was für die Zukunft der Heidelberger Straße wünschen dürften: Was wäre das?

Den Betrieben und damit auch der Stadt ist zu wünschen, dass die Heidelberger Straße und natürlich auch die angrenzenden und umliegenden Straßen eine lebendige und vielfältige Ortsmitte bleiben, in der sich die Menschen treffen, einkaufen und ausgehen, in der sie sich einfach wohlfühlen können.

Zu Ihrem Aufgabengebiet gehört ja mehr als nur Handel und Gastronomie, eben die ganze Wirtschaft. Gibt es in Schriesheim einen Mangel an Gewerbeflächen? Oder werden die vorhandenen, siehe Duscholux, nicht gut genug ausgenutzt?

Das ist ein Problem, das nicht nur Schriesheim betrifft. Wir haben in der Region generell ein Mangel an Gewerbeflächen. Die Zahl der Ansiedelungsanfragen ist erstaunlicherweise trotz Corona deutlich gestiegen. Dabei ist es natürlich immer schade, wenn wir einen Betrieb, der Interesse am Standort Schriesheim hat, sagen müssen, dass es keine passende Fläche gibt. Bedenklich wird es allerdings, wenn wir Schriesheimer Betrieben, die Flächen für eine Erweiterung suchen, ebenfalls sagen müssen, dass es nur bedingt Möglichkeiten hierzu gibt. Hinzu kommt das Problem, dass die Kommune über keinerlei eigene Flächen verfügt, die wir Gewerbetreibenden zur Verfügung stellen können.

Angenommen, ich wäre ein Firmengründer und wollte mich in Schriesheim ansiedeln. Könnten Sie mir überhaupt eine Fläche anbieten?

Es kommt ganz darauf an, in welchem Bereich Sie sich selbstständig machen möchten. Der Mangel an Gewerbeflächen betrifft nicht in gleichem Maße Büroflächen, Produktions- oder Lagerflächen oder aber Einzelhandelsflächen.

Sie kümmerten sich auch um den Öffentlichen Nahverkehr. Eine der Dauerbaustellen ist der Bus nach Ursenbach. Wie erklären Sie es sich, dass die Probleme anhalten? Hat die Stadt dem BRN nicht hart genug ihre Meinung gesagt?

Hierzu muss man prinzipiell sagen, dass der Aufgabenträger für den Öffentlichen Nahverkehr der Rhein-Neckar-Kreis ist. Wir haben diesem und dem Busunternehmen gegenüber unmissverständlich deutlich gemacht, dass wir erwarten, dass es eine verlässliche Busverbindung nach Ursenbach gibt. Für einige der Fahrtausfälle hat das Unternehmen sich bereits erklärt und entschuldigt. Klar ist aber auch, dass es hier seitens des Betreibers Verbesserungsbedarf gibt, da das Problem leider häufiger aufgetreten ist. Sanktionieren können wir dies jedoch nicht, da es nicht in den Zuständigkeitsbereich der Kommune fällt.

Eine persönliche Frage: Mit welchen Gefühlen verlassen Sie jetzt Schriesheim? Und wie werden Sie diese Zeit hier in Erinnerung behalten?

Nach einer solch langen und ereignisreichen Zeit habe ich mich dazu entschieden, eine neue berufliche Herausforderung anzugehen. Es ist aber klar, dass das nach etwas mehr als zwölf Jahren auch nicht ganz einfach ist. Die Zeit in Schriesheim wird mir in jedem Fall immer gut in Erinnerung bleiben!

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung