30.12.2021

Corona bestimmte auch 2021 das gesellschaftliche Leben

Corona bestimmte auch 2021 das gesellschaftliche Leben

Bürgermeister Hansjörg Höfer beim Jahresabschlussgespräch mit der RNZ – seinem letzten im Amt. Foto: Dorn
Ein letztes Mal zieht Bürgermeister Hansjörg Höfer die Jahresbilanz der Stadt. Trotz Pandemie gab es auch erfreuliche Höhepunkte.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Ein letztes Mal in seiner Amtszeit blickt Bürgermeister Hansjörg Höfer dienstlich auf ein Jahr zurück, sein Nachfolger Christoph Oeldorf wurde am 28. November gewählt. Am 28. Januar wird Höfer nach 16 Jahren verabschiedet.

Herr Höfer, was war für Sie der Höhepunkt dieses Jahres?

Für mich war es das, worauf ich im Spätjahr gehofft hatte und was auch eingetreten ist: dass wir nach den Impfungen wieder zurückfinden in unser normales Leben. Ich denke da an die Straßenfest-Alternative, gerade auch das Altstadt-Varieté in der Kirchstraße, das sich sicher etablieren wird. Oder die Hofflohmärkte im Oktober, die ja von Privatpersonen organisiert wurden. Auf so etwas haben die Leute gewartet – und deswegen war es auch ein großer Erfolg. Aufgrund des Infektionsgeschehens sind wir nun wieder alle angehalten, unsere Kontakte zu reduzieren und uns selbst und unsere Mitmenschen zu schützen.

Ich dachte, Sie nennen die Bürgermeisterwahl. Wie haben Sie die erlebt?

Natürlich habe ich mit den Kandidaten mitgefiebert, da wurden auch alte Erinnerungen an meine Wahlkämpfe wach. Ich versuchte auch, in die Bevölkerung hineinzuhören, ob es einen Favoriten gäbe, aber ich habe so etwas nicht vernommen. Den Wahlkampf fand ich sehr fair, es gab auch keine großen inhaltlichen Auseinandersetzungen – was sehr gut war, denn es wurden keine Gräben aufgerissen. Ich bin froh, dass es eine klare Entscheidung gab. Und ich bin mir sicher, dass Christoph Oeldorf ein Bürgermeister für alle Schriesheimer sein wird.

Doch gab es nach der Wahl eine Debatte über Fadime Tuncers Interpretation des Wahlergebnisses: Es hätte eine "Angst vor der Fremden, der Frau und Muslima mit Migrationshintergrund" gegeben.

Selbstverständlich darf man nicht vergessen, dass diese Persönlichkeitswahl mit starken Emotionen und Hoffnungen, sicher auch für Frau Tuncer, verbunden war. Sicherlich gab es durchaus diskriminierende Äußerungen. Es werden einzelne Wortmeldungen, gerade auch im Internet, oft öffentlich hochgespielt, und eine kleine Minderheit macht große Schlagzeilen – dabei wird die überwältigende Mehrheit nicht gehört. Das halte ich für eine gefährliche Entwicklung.

Aber es stimmt doch wohl auch: In Schriesheim gibt es einen rechtspopulistischen Bodensatz.

Ja, wir haben einen AfD-Stadtrat, den einzigen zwischen Weinheim und Heidelberg. Dass es diesen Bodensatz an rechtsnational Denkenden gibt, treibt mich seit Jahrzehnten um, denn das ist gefährlich für das gesamte gesellschaftliche Leben.

Haben Sie eine Erklärung, wieso es hier, im Gegensatz zu den Nachbarkommunen, einen AfD-Stadtrat gibt?

Nein – außer dass diese Partei andernorts nicht kandidiert hat.

Haben Sie ein Rezept, wie man mit dem Rechtspopulismus umgeht?

Mit denen, die diese politische Richtung vertreten, kann man nicht diskutieren, aber mit ihren Wählern. Mit denen setze ich mich auch auseinander, ohne sie zu verurteilen. Wichtig ist auch, dass bei uns die Erinnerungskultur so ausgeprägt ist. So gibt es an der Kriegsopfergedenkstätte ein Mahnmal für die Gefallenen und die NS-Opfer, beide waren ja Opfer dieses Systems. Daraus sollte man lernen: Wehret den Anfängen!

Sie haben versucht, den Anfängen zu wehren, als sie die Beiträge des AfD-nahen "Demokratie- und Kulturvereins" im Mitteilungsblatt verhindern wollten. Allerdings traf die Verschärfung der Richtlinien die "unschuldigen" Vereine …

Es war für mich unerträglich, diese Artikel veröffentlichen zu müssen. Besonders unangenehm war der, in dem der Holocaust in eine Reihe gestellt wurde mit dem Dreißigjährigen Krieg oder dem Pfälzer Erbfolgekrieg. Das hörte sich fast an wie die berüchtigte "Fliegenschiss"-Diskussion. Ich hatte auch einige Artikel zurückgewiesen. Nichtsdestotrotz müssen wir bei Veröffentlichungen im Sinne der Gleichbehandlung handeln und die Zurückweisung der Beiträge natürlich anhand unserer Richtlinie begründen. Daher ja auch die strengeren Richtlinien für das Mitteilungsblatt – weswegen ganz viele Beiträge, auch von Vereinen, gegen diese verstießen. Schließlich war dann die Bürgerschaft gespalten: Die einen regten sich über die Beiträge des "Demokratie- und Kulturvereins" auf, den anderen waren sie egal.

Aber es gab ja im Sommer eine große Diskussion um diese neuen Richtlinien…

Da sieht man, wie wichtig das Mitteilungsblatt ist, gerade für die Vereine. Aber diese Diskussion geht nächstes Jahr weiter, da wird man eine Lösung finden müssen.

Nun hat ja der Demokratie- und Kulturverein auch ein eigenes Blättchen …

Wir nehmen das zur Kenntnis und beobachten das. Aber man hat es ja noch nicht einmal geschafft, das haushaltsabdeckend zu verteilen. Rechtlich gesehen kann man da nichts machen.

Reden wir über die vielleicht überraschendste Wendung des Jahres: den geplatzten Umzug des "Edelstein" auf das Gärtner-Gelände. Hat Sie das überrascht oder gar getroffen?

Für alle überraschend kam der Rückzug des Investors, der Baufirma Heberger. Dafür gab es keine Vorzeichen. Zuvor waren wir auf einem guten Weg und kurz vor einer Lösung. Wir als Stadtverwaltung waren nur für die Bauleitplanung zuständig, ansonsten verhandelten die zwei Eigentümer, also der des "Edelstein" und Klaus Gärtner. Nun hat uns Gärtner klar gemacht, dass er die Entwicklung des Geländes in die eigene Hand nimmt. Warten wir ab, mit wem er verhandelt. Wichtig ist für uns zweierlei: ein Pflegeheim mit Betreutem Wohnen an der B3 und die Neunutzung des "Edelstein"-Areals für Wohnbebauung.

Was wird denn aus dem "Edelstein"?

Ich weiß nicht, was der Eigentümer mit dem Gelände vorhat.

Ist es denkbar, dass die Stadt dieses Areal in der Talstraße kauft?

Das war und ist unsere Absicht, wir haben dem Eigentümer auch ein Angebot gemacht, zumal das Gelände im Sanierungsgebiet Talstraße liegt. Aber der Eigentümer ist ein gemeinnütziger Verein, der nicht einfach seinen Grund und Boden verkaufen kann. Aber ich bin mir sicher, dass man gemeinsam eine Lösung finden wird.

Eines der großen Themen der Kommunalpolitik ist der Abbau des Sanierungsstaus. Nun wird ja bald der Kindergarten in der Conradstraße neu gebaut…

Der Abbau des Sanierungsstaus ist wichtig und kennzeichnet auch meine 16 Jahre im Amt. Gute Architektur und hochwertige Materialien sind dabei nötig. Nehmen wir mal das Gymnasium: Es gibt sonst kein Gebäude in Schriesheim, in dem 1000 Leute am Tag ein- und ausgehen. Da muss man besondere Maßstäbe anlegen. Das gilt auch für die Kindergärten, wie den in der Römerstraße: Der wurde vor 100 Jahren hochwertig gebaut, und den kann man sanieren. Die Kindergärten aus den siebziger Jahren nicht, die kann man nur abreißen. Das ist nicht nachhaltig.

Und schon stellt sich die Frage nach dem nächsten Kindergarten, womöglich oberhalb der B3…

Ich bin kein Freund eines Kindergartenneubaus auf dem Festplatz. Man sollte ihn für die nächsten Generationen erhalten. Zumal man ja heute die Kindergärten nach ihrem Profil und nicht nach der Wohnortnähe auswählt. Da spielt es keine Rolle, ob der Kindergarten ober- oder unterhalb der B3 liegt, die Entfernungen in Schriesheim sind ja übersichtlich.

Zum Abarbeiten des Sanierungsstaus gehört auch die Talstraße. Bisher hing alles an den Zuschüssen für die Gauls- und Schotterersbrücke. Werden Sie ohne diese Zuschüsse bauen?

Gut ist erst mal, dass jetzt schon mit dem Sanierungsgebiet Talstraße viele private Häuser modernisiert werden. Bei den Brücken hat uns das Regierungspräsidium mitgeteilt, dass es unseren Wunsch für eine Bezuschussung abgelehnt hat. Glücklicherweise sind die beiden Brückenneubauten weniger problematisch als anfangs gedacht. Insofern könnten wir bald mit der Sanierung starten – und wir sollten nicht länger zuwarten, auch angesichts steigender Baupreise. Ich hoffe, dass Ende nächstes Jahr die Ausschreibung beginnen kann.

Reden wir über die große städtebauliche Neuordnung, wie sie die Bürgergemeinschaft vorgeschlagen hat: Kriegsopfergedenkstätte ans Rathaus, Erweiterung des Römerstraßen-Kindergartens und Verlagerung der Feuerwehr plus Rettungswache an den Säulenweg. Großer Wurf oder Wolkenkuckucksheim?

Ich finde es richtig, wenn man der Kreativität mal freien Lauf lässt und einen Entwurf in den Raum stellt – egal, wie realistisch der ist. Das kann eine Grundlage für eine Diskussion sein. Nur, wenn es konkret wird, zeigt sich, dass das Gelände am Säulenweg deutlich zu klein ist – auf jeden Fall für ein Feuerwehrhaus, aber auch nur für die Rettungswache allein. Moderne Gerätehäuser sind heute 70, 80 Meter lang, das passt hier vom Platz her nicht hin.

Und wie wäre eine Sanierung am alten Standort?

Auch hier ist die Fläche zu klein, das bestehende Feuerwehrhaus entspricht nicht mehr den heutigen Erfordernissen. Und es liegt im Überschwemmungsgebiet.

Wo sollte es dann hin? Das Neubaugebiet Süd ist ja in diesem Jahr nicht wahrscheinlicher geworden.

Es wäre prinzipiell an der B3 möglich, auch ohne Neubaugebiet. Der Platz bietet sich an, es ist hier keine Umlegung der gesamten Fläche nötig. Aber andererseits wäre es wegen der Erschließung wohl recht teuer.

Was ist mit der Ladenburger Straße?

Auch hier: zu wenig Platz und schwieriger Begegnungsverkehr in der Ladenburger Straße. Man sieht oft eine freie Fläche, aber bei der genauen Betrachtung scheitert das oft daran, dass sie dem großen Platzbedarf eines Feuerwehrhauses nicht gerecht wird.

Ein anderes Thema: Wie und wann geht es beim Altenbacher Spielplatz weiter?

Professor Schwarz hat einen Entwurf gemacht, aber noch keine Planung. Wir werden nun einen Landschaftsarchitekten damit beauftragen. Dann kann man loslegen. Aber leider ist es uns noch nicht gelungen, mit dem Eigentümer der Wiese dahinter zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen, gerade was die Zufahrt angeht.

Ebenfalls schon länger hängt die Sache mit der Feuerwehrhalle in Altenbach. Auch da stand eine Klage eines Anwohners im Raum.

Nein, es wurde nie mit einer Klage gedroht. Wir waren mit dem Nachbarn schon sehr weit in den Gesprächen und standen kurz vor einer Lösung. Aber aus privaten Gründen bat er darum, das weitere Vorgehen erst im neuen Jahr zu besprechen.

Aktuell sollen die Kinder und die Jugendlichen mit einem Pumptrack beschenkt werden. Aber ist das die Verdreifachung der ursprünglich angesetzten Kosten wert?

Jedes Projekt entwickelt sich, auch dieses – für mich war es absolutes Neuland. Der Jugendgemeinderat hat sich sehr intensiv mit dem Projekt beschäftigt – und uns darauf aufmerksam gemacht, dass zunächst kleinere Kinder nicht berücksichtigt worden sind. Deshalb gibt es jetzt einen zweiten Parcours und einen Aufenthaltsbereich für die Eltern. Schließlich fand der Pumptrack auch eine große Mehrheit im Gemeinderat.

Auch für die Altenbacher Jugendlichen sollte etwas getan werden – mit zwei Räumen im Gemeindehaus. Aber getan hat sich da noch nichts.

Doch, der Umbau läuft ja gerade, aber es gab Verzögerungen, gerade wegen des Neubaus der Toiletten, die klar vom geplanten Café getrennt werden müssen. Ein großes Problem ist die fehlende Jugendsozialarbeit im Rathaus. Trotz Ausschreibungen konnte die Stelle bislang nicht besetzt werden. Die vakante Stelle wäre dann auch für Altenbach und das "Push"-Gelände zuständig, sie wäre also gesplittet.

Bleiben wir beim Rathaus: Hier hören viele vertraute Gesichter auf: Torsten Filsinger, Renate Krämer, bald Margit Höhr oder – vielleicht – Ordnungsamtsleiter Weitz. Ist die Fluktuation zu hoch?

Ich würde eher von einem Generationswechsel sprechen, da langjährige Mitarbeiter wie Frau Krämer und Frau Höhr in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet werden. Weiterhin haben wir in den letzten Jahren Aufgaben dazubekommen, gerade bei der Digitalisierung. Was auch auffällt: Die meisten der neuen Mitarbeiter wohnen nicht in Schriesheim. Was Achim Weitz angeht: Ich begrüße seine Bürgermeisterkandidatur in Heddesheim, die er mir frühzeitig mitgeteilt hat. In den letzten drei Jahren hat er sich in die Herzen der Schriesheimer gearbeitet. Er war ja für den Mathaisemarkt zuständig, wofür viel Fingerspitzengefühl gehört. Damit hat er sich eine große Vertrauensbasis geschaffen. Er ist kein Mann der lauten, aber doch der klaren Worte, dabei sehr belastungsfähig und immer sachlich. Mich würde es freuen, wenn er in Heddesheim Erfolg hätte.

Da Sie es ansprechen: Wie ist Ihre Prognose für den Mathaisemarkt 2022?

Alles, was wir jetzt planen, kann in wenigen Wochen wieder Makulatur sein. Wer weiß schon, wann Omikron bei uns ist? Richtige Veranstaltungen sehe ich im Moment nicht, eher einen Vergnügungspark und die geöffneten Straußwirtschaften. Für den Spätfrühling bereiten wir ein Alternativfest vor, weswegen wir mit den Winzern und den Vereinen reden werden.

Apropos Winzer: Haben Sie keine Angst, dass die Heppenheimer Winzergenossenschaft die Schriesheimer schluckt?

Den Vorstoß zur Zusammenarbeit sehe ich mit großem Respekt. Er kam zum richtigen Zeitpunkt. Im Ergebnis will jeder, dass der Schriesheimer Wein auch Schriesheimer Wein bleibt. Ich sehe im Moment die große Chance, die gesamte Bergstraße mit einem gemeinsamen Marktauftritt zu stärken.

Zum Schluss noch die Frage nach Ihrer Wunschliste fürs neue Jahr …

Da gäbe es viel, aber am wichtigsten wäre mir, dass die Pandemie bald endet. Wir alle wollen zurück in unser altes Leben und sind müde. Man merkt auch, wie sich die Gesellschaft verändert und teilweise auch spaltet. Daher appelliere ich: Wir können nur gemeinsam die Pandemie besiegen. Wenn jeder nur an sich denkt, werden wir alle diesen Kampf verlieren.

Sie waren ja auch unlängst erst mit Corona infiziert. Was stellt das mit einem selbst an? Haben Sie nun einen neuen Blick auf die Pandemie?

Ich hatte zum Glück nur leichte Symptome, aber immer noch ist mein Geruchs- und Geschmacksinn leicht beeinträchtigt. Mich hat es demütig gemacht, denn auch dieser vergleichsweise milde Verlauf sowie die notwendige Quarantäne haben doch zu einer starken Einschränkung der Lebensqualität geführt. Aber diese sind kein Vergleich zu den Folgen einer schweren Erkrankung. Vor denen hat mich ganz sicher die Impfung bewahrt.

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Für Bürgermeister Höfer war die Ersatzveranstaltung zum Straßenfest, besonders das Altstadt-Varieté, einer der Höhepunkte des Jahres. Foto: Dorn

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Bisher hing die Sanierung der Talstraße an der unklaren Zuschussfrage für den Neubau der Schotterers- und der Gaulsbrücke (im Bild). Foto: Dorn

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung