04.01.2022

Jahresrückblick 2021: Schriesheim war gegen Corona erstaunlich robust

Die Pandemie prägte die Stadt bis zum Spätfrühjahr, ab November verschärfte sich die Lage. Gastronomie, Handel und Vereine berappelten sich jedoch schnell.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Bis zum Herbst war Schriesheim eine Art "Corona-Musterknabe" in der Region: Die Fallzahlen waren relativ niedrig, auch wenn das Pandemiegeschehen im Großen und Ganzen den großen Bundestrends folgte. Doch Anfang November änderte sich die Situation dramatisch, ein erstes Alarmsignal war der Corona-Ausbruch im Altenheim "Edelstein", dem ersten überhaupt in einer Schriesheimer Senioreneinrichtung: Die Hälfte der Bewohner und des Personals, insgesamt 33 Personen, waren betroffen.

Doch damit war noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht: Am 16. November wurde bekannt, dass sich auch Bürgermeister Hansjörg Höfer mit dem Corona-Virus infiziert hatte – drei Wochen später hörte man das auch vom SPD-Landtagsabgeordneten Sebastian Cuny –, die Höchstzahlen wurden schließlich Ende November, Anfang Dezember erreicht: mit 138 Infizierten und einer Sieben-Tage-Inzidenz von 647, die fast dreimal so hoch lag wie bei der zweiten Corona-Welle um Weihnachten 2020. Doch mittlerweile hat sich die Lage wieder beruhigt, am gestrigen Montag gab es keine Neuinfektionen (bei 48 aktiven Fällen). Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 stieg am 10. Dezember auf 13.

Und doch zeigte sich, dass die Schriesheimer Stadtgesellschaft erstaunlich widerstandsfähig ist: Als Mitte Mai die Gastronomie wieder öffnete, waren die Lokale schnell wieder voll. Und mehr noch: Alle Wirtschaften hatten durchgehalten, es gab nur die normale Fluktuation, also Pächterwechsel. Und auch für die alten Sorgenkinder deutete sich eine neue Perspektive an: Der "Kaiser" soll in diesem Frühjahr unter seiner neuen Besitzerin Liliana Novak wieder öffnen, und für den renovierten "Strahlenberger Hof" wird ein neuer Pächter gesucht.

Auch der Einzelhandel erwies sich als erstaunlich robust. Größere Leerstände gibt es zur Zeit nicht, in der Heidelberger Straße fand nach einem knappen Jahr Leerstand die einstige Filiale der Metzgerei Schäfer – die wiederum ihr Stammhaus in Ladenburg zum Jahresende geschlossen hat – mit der Wilhelmsfelder Fotografin Natascha Bruder eine neue Mieterin.

Am überraschendsten (und erfreulichsten) ist das Wiederaufleben der Vereinskultur, von jeher die Stärke Schriesheims. Sogar die Gesangsvereine, die seit Jahren mit Mitgliederschwund zu kämpfen haben, berappelten sich schnell – und entwickelten sogar neue Ideen: So wurde beim GV Liederkranz am 14. September die erste Probe des neuen gemischten Chors förmlich überrannt: Chorleiter Thorsten Gedak hatte auf 40 Sänger spekuliert, auf 50 gehofft – gekommen waren aber 52, davon 19 neue Gesichter. Und die Namensvettern vom Altenbacher Liederkranz meldeten sich mit einem beeindruckenden Konzert samt Gastsolisten in der katholischen Kirche zurück, zu dem am 6. November 150 Altenbacher – fast ein Zehntel seiner Bewohner – gekommen waren. Doch kurz darauf, Ende November, folgten neue Corona-Beschränkungen – und damit die Einstellung des Probenbetriebs.

Die Sportvereine hatten es da fast noch leichter, denn ihnen stehen weiterhin die Hallen mit der 2G-plus-Regel zur Verfügung. Auch die Kulturvereine nutzten den relativ unbeschwerten Sommer für Veranstaltungen, ein Höhepunkt waren dabei die ersten Schriesheimer Kulturtage am zweiten Juli-Wochenende, die es ganz ähnlich bereits im August 2020 gegeben hatte. Und die Ersatzveranstaltung zum Straßenfest am ersten September-Wochenende hatte schon viel von einer "neuen Normalität", auch wenn es Zugangsbeschränkungen gab. Auch hier wurden Innovationen aus dem ersten Coronajahr wiederaufgenommen, allen voran das "Altstadt-Varieté" der Schriesheimer Artisten Avital und Jochen Pöschko, das sich mittlerweile etabliert hat. Eine echte Neuerung war der erste Schriesheimer Hofflohmarkt mit über 150 Teilnehmern am 23. Oktober, der aus einer privaten Initiative entstanden ist.

Duster sieht es aber für das Traditionsfest schlechthin, den Mathaisemarkt, aus. Denn solange die bisherigen Pandemieerfahrungswerte "Problematischer Winter und Frühling" und "Halbwegs normaler Sommer und Herbst" gelten, hat er weiter schlechte Karten: Er liegt – neben all seinen anderen Problemen – zeitlich ungünstig.

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A5-Lärm: Gutachten ist eindeutig

Der A5-Lärm war 2021 weiter ein großes Thema – zumindest bis zum 25. Juli. Denn da präsentierte die Autobahngesellschaft des Bundes die Ergebnisse ihres Gutachtens: Immer wieder hatten Anwohner gemutmaßt, dass die neuen Betonplatten, möglicherweise auch die neuen Gleitwände, seit der Fahrbahnsanierung 2020 für die starken Geräusche verantwortlich seien. Aber das Gutachten – das Erste seiner Art überhaupt bei einer Autobahn – kam zu einem anderen Schluss: Der neue Beton ist nicht lauter als der alte Asphalt. Und mehr noch: Der angeblich so laute Belag in Fahrtrichtung Heidelberg ist sogar leiser als der in Fahrtrichtung Weinheim, der als unproblematisch gilt.

So dauert das Rätselraten an, woher denn nun der Lärm kommt. Die Autobahngesellschaft macht dafür ein psychologisches Phänomen verantwortlich: Während der Bauarbeiten im ersten Lockdown 2020 gab es deutlich weniger Verkehr, danach normalisierte sich das Aufkommen wieder.

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Waldschwimmbad: Sanierung ohne Streit

Es ist die größte Investition der "Interessengemeinschaft Erhaltung und Betreibung Waldschwimmbad e.V." (IEWS) – und das in dem Jahr ihres 30. Jubiläums: die 700.000 Euro teure Sanierung des Beckens im Waldschwimmbad.

Am 21. Mai hatte die IEWS-Mitgliederversammlung den Einbau eines Edelstahlbeckens beschlossen – und zwar einstimmig. Dabei war im Vorfeld noch Kritik am "Pathologie- oder Kochtopf-Look" laut geworden. Allerdings gab es dazu, wie damals Jürgen Merkel und Michael Pabst vom IEWS-Technik-Team erklärten, keine sinnvolle Alternative. Denn die bisherigen Fliesen waren nicht mehr vernünftig zu sanieren, das größte Problem ist der Wasserverlust: 3000 Kubikmeter, also drei Millionen Liter, treten jedes Jahr aus – wahrscheinlich ist das Leck am Beckenkopf. Das führt zu Kosten von etwa 10.000 Euro im Jahr. Und es wurde versichert, dass das neue Edelstahlbecken mit einem Türkis-Schimmer ganz hübsch aussehen soll – und außerdem die nächsten 50 Jahre hält.

Ohne städtische Hilfe ist die Beckensanierung, für die die IEWS einen 359.000-Euro-Kredit aufnimmt, nicht zu stemmen: Die Stadt gab einen Zuschuss von 200.000 Euro, wofür der Gemeinderat am 27. Oktober einstimmig sein Plazet gab. Zu dieser Zeit hatten bereits die Arbeiten einer österreichischen Fachfirma begonnen, die bis zum Saisonstart 2022 beendet sein sollen.

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Schlechte Noten fürs Radeln

Erstmals machte Schriesheim wie andere Kommunen der Region beim "Radklimatest" des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs mit und erhielt Mitte März die Durchschnittsnote von 3,8 (wie auch Hirschberg), nur Weinheim und Edingen-Neckarhausen waren mit einer 4,0 schlechter.

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Rätselraten um Talstraßenbild

Anfang Februar rätselte die halbe Stadt, ob dieses Foto, das die Facebookgruppe "Schriesheim – Historische Bilder" gepostet hatte, die Talstraße zeigt. Es ist die Steigstraße in Meersburg.

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Handel & Wandel

Mit der "Duwagscheier" auf dem Obsthof Spieß im Rindweg hat die Stadt seit dem späten Frühjahr eine neue "Eventlocation". Aus dem "Gasthaus" von Jürgen Opfermann in der Schillerstraße wurde Ende Juni der neue Italiener "Il Pane e Vino". Einige Wochen früher flaggte am Schillerplatz das Eiscafé "Doppio Gusto" in "Rudi’s" um. Im Sommer erhielt der "Hirsch" mit "Ciervo Dorado" eine neue Tapas-Bar. Während für den "Strahlenberger Hof" weiter ein Pächter gesucht wird, ist nach dreieinhalb Jahren der Leerstand im "Kaiser" Geschichte: Die Heidelbergerin Liliana Novak kaufte den Hotel-Komplex. In Altenbach wird das Fitnessstudio "Move" unter seinem neuen Besitzer Klaus Hartmann zu einem Gesundheitszentrum umgebaut.

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Laterne will einfach nicht gefallen

Zweimal stimmten die Bürger im Herbst per Internet darüber ab, welche Laterne mit energiesparender LED-Technik in der Altstadt aufgestellt werden soll. Zweimal setzte sich dieses Glaszylindermodell durch, das allerdings nach Meinung vieler Schriesheimer schlicht nicht in die Altstadt passt.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung