14.01.2022

Was sich die Freien Wähler für 2022 wünschen

Der Fraktionssprecher der Freien Wähler, Bernd Hegmann, erwartet vom neuen Bürgermeister Christoph Oeldorf mehr Schwung bei großen Themen.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. 2021 war ein gutes Jahr für die Freien Wähler: Unbelastet von Landtags- und Bundestagswahlen, konnten sie sich ganz auf die Bürgermeisterkampagne konzentrieren. Und entsprechend zufrieden ist ihr Fraktionssprecher Bernd Hegmann. Der 65-Jährige sorgte aber im letzten Jahr für einen Sturm im Wasserglas, als er sich für den Mathaisemarkt eine Art Oktoberfest vorstellen konnte.

Jahresgespräch

Herr Hegmann, was war denn für Sie der Höhepunkt des Jahres?
Ganz klar der Bürgermeisterwahlkampf.

Der ging ja in Ihrem Sinne aus. Haben Sie Triumphgefühle?
Ehrlich: schon ein bisschen. Der Kandidat Christoph Oeldorf hat unseren Vorstellungen entsprochen. Und wir haben schon von Anfang an darauf gesetzt, dass ein Verwaltungsfachmann nicht nur uns als Unterstützer, sondern auch die Bürger überzeugt. Mit ihm können wir uns eine gute Zusammenarbeit, die auch lange trägt, absolut vorstellen.

Hätten Sie mit einem so klaren Wahlergebnis gerechnet?
Das hat mich schon überrascht, auch wenn ich von einem Sieg ausgegangen bin. Aber eben nicht in dieser Deutlichkeit.

Ist nun die grüne Siegesserie der letzten 16 Jahre am Ende angelangt?
Zumindest muss man sagen, dass das sogenannte bürgerliche Lager im Wahlkampf so lange und so eng zusammenstand. Aber man kann nicht sagen, dass die grüne Siegesserie beendet ist, das zeigt erst die nächste Kommunalwahl.

Ist die Wahl Oeldorfs ein Zeichen dafür, dass die oft zitierten Gräben im Gemeinderat zugeschüttet werden?
Das wird sicher einige Zeit in Anspruch nehmen, auch wenn Oeldorf sicher von seiner Persönlichkeit her ein Mann des Ausgleichs ist. Allerdings gab es da im Wahlkampf auch ein paar Misstöne, die aber von unserer Seite nicht kommentiert wurden.

Und diese Misstöne waren?
Unqualifizierte Äußerungen über den Kandidaten, zum Beispiel, dass die Wilhelmsfelder froh seien, wenn er weg wäre.

Und was sagen Sie zur ursprünglichen Analyse von Uli Sckerl, dass Schriesheim noch nicht bereit sei für eine Frau wie Fadime Tuncer? Oder zur "Angst vor der Fremden", von der Tuncer sprach?
Dem muss ich klar widersprechen. Ausschlaggebend bei der Wahl war die fachliche Kompetenz. Mich ärgert, dass diese Begründung ausgerechnet in einer Stadt aufkommt, die so viel für die Integration tut. Und 56 Prozent der Wähler zu unterstellen, sie seien fremdenfeindlich, ist einfach nur unverfroren.

Wird nun das bürgerliche Lager zu einer neuen Einigkeit finden, da man den eigenen Kandidaten durchgebracht hat?
Das würde ich mir schon wünschen. CDU und Freie Wähler sind ja schon während des Wahlkampfs zusammengewachsen. Ich hätte mir gewünscht, wenn dazu noch die SPD und die FDP gekommen wären, die ich auch zum bürgerlichen Lager zähle. Aber für die Zukunft würde ich das nicht überbewerten, denn es geht doch um die Sachpolitik im Kommunalen: Eine gute Idee ist eine gute Idee. Egal, von wem sie kommt.

Wird es unter Oeldorf einen neuen Mathaisemarkt geben? Sie hatten ja selbst die Reizworte "Bier" und "Oktoberfest" ausgesprochen…
Das waren ja nur erste Ideen meinerseits. Es wird auf jeden Fall ein neues Konzept ausgearbeitet werden müssen. Man muss das Niveau in vielerlei Hinsicht heben.

Und in welche Richtung soll das neue Konzept gehen?
Dass der Mathaisemarkt vor allem wieder für die Schriesheimer da ist.

Zu einer der überraschendsten Entwicklungen der letzten Zeit, dem geplatzten Umzug vom "Edelstein" aufs Gärtner-Gelände. Wie schlimm ist das für Sie?
Nicht dramatisch, aber es wird eine zeitliche Verzögerung geben. Wir haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es hier dennoch ein Seniorenheim mit Betreutem Wohnen und Pflegeplätzen geben wird. Vonseiten der Verwaltung hat man vielleicht den Fehler gemacht, sich zu sehr auf einen Investor und Betreiber festzulegen. Gäbe es hier etwas mehr Wettbewerb, hätten wir eine größere Auswahl. Man sollte also auf jeden Fall an dem Gedanken eines Seniorenheims an der B3 festhalten. Daher ist die Verwaltung aufgefordert, sich zeitnah um einen Betreiber zu kümmern.

Dann erklären Sie es mir mal: Wieso ist dieses Projekt nun gescheitert?
Der Betreiber hat das in erster Linie unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten gesehen, so fielen die Pflegeplätze zugunsten des Betreuten Wohnens komplett weg. Wir wollen das Projekt, aber nicht um jeden Preis.

Aber das ändert doch nicht, dass die Zukunft des "Edelstein" ungelöst bleibt.
Dieser Umzug des "Edelstein" aufs Gärtner-Gelände sollte ja eine "Win-win-Situation" werden. Mit diesem Grundstückstausch hätten wir dort Platz für eine Stadtentwicklung bekommen. Hier wäre auch der Platz für das Mehrgenerationenhaus gewesen, das die Grüne Liste unbedingt auf dem Gärtner-Gelände haben will. Man darf ja nicht vergessen: Die ganze Talstraße ist ein Sanierungsgebiet. Da steckt so viel Potenzial drin – was auch für das ehemalige Orthos-Gelände unterhalb vom "Edelstein" gilt. Vielleicht sollten wir es so machen wie in Ladenburg, wo die Stadt eine eigene Entwicklungsgesellschaft für das ABB-Gelände gegründet hat. Dann müsste man eben diese Flächen zur Not aufkaufen und selbst entwickeln.

Das ist ja alles Zukunftsmusik. Was passiert mit dem bisherigen "Edelstein"?
Auch wenn der Betreiber nun eine Verlängerung der Betriebsgenehmigung bei der Heimaufsicht beantragt hat: In den nächsten Jahren sollte die Stadt versuchen, den Grund und Boden zu kaufen. Das Heim würde dann abgerissen, die neuen Heimplätze würden an der B3 entstehen. Man muss dafür einen Betreiber und Investor finden – und zwar zeitnah, sonst macht Klaus Gärtner nicht mehr mit.

Im Wahlkampf ging es um den Festplatz, die Heidelberger Straße und den Verkehr im Allgemeinen. Wie sehen Sie das?
Die Heidelberger Straße und der Festplatz gehören zusammen mit dem Einzelhandelskonzept gedacht. Hierzu haben wir von der Theorie genug gehört, jetzt müssen Taten folgen.

Und die wären?
Zum Beispiel die Sperrung der Heidelberger Straße für den Autoverkehr von Samstagmittag bis Sonntagabend, um die Gastronomie attraktiver zu machen. Der Festplatz sollte zum ersten Projekt des Stadtmarketings werden – also zum Beispiel das Fass zu öffnen und am Wochenende einen Ausschank zu organisieren. Damit würden wir uns auch als Weinstadt positionieren. Ein gutes erstes Betätigungsfeld für die neue Wirtschaftsförderin.

Und das Stadtmarketing, von dem Sie reden, ist auch ein Anliegen des neuen Bürgermeisters?
Ich gehe davon aus, dass das auf seiner Agenda steht und wir bald Fortschritte machen.

Da wir schon beim Fass und bei der Weinstadt sind: Was halten Sie von der Kooperation der Winzergenossenschaft mit Heppenheim?
Es ist gut, dass es jetzt Gespräche gibt. Und dass die gesamte Bergstraße beworben wird, ist ein Pluspunkt. Ob es aber zu einer Fusion kommt, ist dahingestellt.

Und wenn die Fusion käme, was hielten Sie von der?
Wenn, dann nur auf Augenhöhe.

Die Freien Wähler verstehen sich selbst als Hüter der soliden Finanzen, gerade wenn es um das Abarbeiten des Sanierungsstaus geht. Und nun steht ein weiteres Projekt an: der Neubau des Kindergartens in der Conradstraße …
Ich war ja selbst Anfang Dezember im Preisgericht dabei, da wurde auch konkret über Zahlen gesprochen: 3,2 Millionen Euro – und nicht etwa vier Millionen, wie es später bei einem Pressegespräch hieß. Wir treten auch hier für eine Kostendeckelung ein. Damit haben wir bei der Gymnasiumsanierung gute Erfahrungen gemacht.

Sie haben sich auch bei der Pumptrack-Anlage geziert, ihr aber zugestimmt…
Das war eine reine Kostenfrage. Wir haben klar unsere Bedenken zum Ausdruck gebracht. In keiner der vorherigen Sitzungen war über die Kosten gesprochen worden. Zuerst hatten wir uns am Kostenrahmen der Ladenburger Anlage, 80.000 Euro, orientiert – und waren dann verwundert, als wir jetzt von einer Summe von 227.000 Euro erfuhren. Was zu der Kostenexplosion geführt hat, verstehen wir ja. Aber doch hat sie uns Bauchschmerzen bereitet.

Und doch haben Sie zugestimmt.
Wir haben uns im Sinne der Jugend entschieden, zumal es ja auch die Großspende von 50.000 Euro gab. Es wurde ja ein deutlicher Mehrwert geschaffen. Aber ich weise die Behauptung der Grünen Liste zurück, dass kaum etwas im Jugendbereich investiert wurde: Sind die 130.000 Euro fürs "Push"-Gelände oder die 40.000 Euro für die Sportgeräte schon vergessen? Wir müssen dem Jugendgemeinderat jetzt vermitteln, dass es in der nächsten Zeit nicht so weitergehen kann, was die Finanzen anbelangt. Gut wäre es, wenn man noch etwas zur Finanzierung beitragen könnte, etwa durch Sponsoring.

Apropos Jugend: Was ist mit den Räumen im Altenbacher?
Deren Notwendigkeit wird von uns gesehen, nur den Weg dorthin stellen wir uns anders vor. Für uns wäre eine Voraussetzung vor Anmietung der Räume gewesen, dass die Stadtverwaltung sich Gedanken über das Konzept macht. Seit einem Jahr sind die Räume angemietet, der Umbau, den die Stadt auch bezahlt, hat noch nicht mal richtig begonnen. Und ich sehe es auch kommen, dass die Umbaukosten fürs Café auf die Stadt abgewälzt werden, weil die der Förderverein nicht stemmen kann.

Bleiben wir in Altenbach: Sind die Querelen um den Spielplatz ausgestanden?
Ich wünsche mir im Sinne der Kinder, dass es bald zu einer Einigung kommt. Und dass das Projekt unter Mitwirkung des neuen Bürgermeisters abgeschlossen wird.

Da Sie das Wünschen ansprechen. Haben Sie eine Wunschliste für 2022?
Dass die Talstraßensanierung endlich beginnt. Dass das Verkehrskonzept endlich umgesetzt wird. Dass der Hof der Strahlenberger Grundschule neu angelegt wird. Dass der Bau des neuen Rückhaltebeckens, gerade angesichts der Ahrtal-Katastrophe, beschleunigt wird. Dass die Pflege der Grünflächen intensiviert wird. Dass es mehr E-Tankstellen, auch für Elektroräder, gibt. Und dass der Radweg nach Altenbach geplant wird.

Eine Menge Wünsche. Und wie verträgt sich das mit einer soliden Haushaltspolitik? Gerade beim Neubau der Gauls- und Schotterersbrücke wartet die Stadt auf Zuschüsse.
Wenn es die überhaupt noch gibt. Die Sanierung der Talstraße ist eine Notwendigkeit, wir haben hier ja schon für die Gebäude ein Sanierungsgebiet. Und keiner saniert sein Haus, bevor nicht die Straße gemacht ist.

Was halten Sie von der Idee der Bürgergemeinschaft, dass das Feuerwehrhaus plus Rettungswache in den Säulenweg verlegt wird und die Kriegsopfergedenkstätte ans Rathaus wandert, damit sich der Römerstraßen-Kindergarten erweitern kann?
Das ist ein guter Ansatz, aber die Problematik liegt in den Finanzen, da kommen sowieso große Herausforderungen auf die Stadt zu. Einmal abgesehen davon, dass das Feuerwehrhaus ja im Neubaugebiet geplant war.

Da sie es ansprechen: Ist in diesem Jahr das Neubaugebiet Süd wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher geworden?
Ich bin in dieser Frage persönlich befangen – und doch grundsätzlich offen. Mir ist nur wichtig, dass es sich für die Kommune rechnet. Im Moment konzentriert man sich eher auf die Innenentwicklung als auf die Erschließung eines Neubaugebiets. Insofern ist das zum jetzigen Zeitpunkt unwahrscheinlich.

Noch ein Wort zum scheidenden Bürgermeister. Was ist für Sie die Bilanz seiner Amtszeit?
Menschlich habe ich mich gut mit ihm verstanden, wir sind ja Jahrgangskollegen. Bei Kritik habe ich mich ausschließlich an der Sache orientiert.

Sollte Höfer Ehrenbürger werden?
Wenn sich die Mehrheit des Gemeinderats so entscheidet.

Und wie würden Sie entscheiden?
Das Anforderungsprofil eines Ehrenbürgers ist für mich nicht gleichzusetzen mit der Tätigkeit als Bürgermeister.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung