21.01.2022

Rechtsstreit mit den Erben: Schriesheim darf Kerg-Werke behalten

Nach über 27 Jahren endlich ein Urteil im Rechtsstreit mit den Erben. Bürgermeister Höfer reagiert erleichtert. Wie geht es mit dem Museum weiter?

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Nach jahrzehntelangem Rechtsstreit und einigen Annäherungsversuchen nun endlich die Entscheidung: Wie das Rathaus am gestrigen Dienstag mitteilte, fällte das Luxemburger Bezirksgericht am 14. Dezember ein Urteil, wonach die Werke des Luxemburger Künstlers Théo Kerg weiterhin im Besitz der Stadt Schriesheim bleiben. Zwei Bürgermeister, Peter Riehl und Hansjörg Höfer, mussten sich mit diesem seit 1994 währenden Rechtsstreit auseinandersetzen, den die beiden Kinder Kergs, Carlo und Vanna, angestrengt hatten. Denn sie betrachteten sich als die Erben des Künstlers und verlangten die Herausgabe seiner Werke, die Kerg seinerseits der Stadt geschenkt hatte. Alles in allem umfasst die Schriesheimer Sammlung etwa 400 Bilder, Skulpturen und viele Druckgrafiken – alles in allem die wohl größte des Künstlers weltweit.

Entsprechend erleichtert reagierte Bürgermeister Hansjörg Höfer auf die Entscheidung des Luxemburger Gerichts: "Ich freue mich natürlich, dass dieser Rechtsstreit, welcher lange vor meiner Amtszeit begann, nun zum Ende meiner Tätigkeit als Bürgermeister abgeschlossen werden konnte. Das Théo-Kerg-Museum und die Werke des gleichnamigen Künstlers sind eine wesentliche Bereicherung für das kulturelle Leben in Schriesheim. Daher bin ich froh, dass wir das Verfahren jetzt erfolgreich abschließen und die Werke für Schriesheim erhalten konnten.

In seinen Worten würdigt Höfer auch die Hilfe des städtischen Rechtsbeistandes: 1994 wurde die Schriesheimer Fachanwältin Ingrid Löweneck vom Rathaus beauftragt, dessen Interessen zu vertreten. Damals ahnte sie noch nicht, dass die Prozesse mal zwölf Leitz-Ordner umfassen würden. "Das ist eine schwierige, hochkomplexe Angelegenheit", sagte Löweneck gestern auf RNZ-Anfrage. Denn im Wesentlichen wurde nach Luxemburger Recht entschieden. Das war vielleicht das größte Versäumnis des Notars, der die Schenkung Kergs protokolliert hatte – übrigens keine einmalige, sondern mehrere Verträge in der Zeit zwischen 1977 und 1993: Er hatte nicht aufgeführt, welches Recht zu gelten hätte, das deutsche oder das luxemburgische.

Und so entstand nicht nur eine imposante Aktenflut, sondern auch eine hauptsächlich auf Französisch: "Vor dem Landgericht Mannheim wären wir wohl schneller gewesen", sagt Löweneck. Das Problem war eben auch das unterschiedliche Erbrecht, wobei sich die Kerg-Kinder auf das für sie eher vorteilhafte Luxemburger beriefen. Und um alles noch komplizierter zu machen, gab es auch die Erben von Kergs Lebensgefährtin Nini Krist; Vanna und Carlo Kerg entstammen der einzigen Ehe Kergs mit der Italienerin Catherine Vaccaroli.

Nun hatte ja Kerg nicht einfach den Schriesheimern einen Gutteil seines Werks hinterlassen, sondern bei den Schenkungen auch zur Auflage gemacht, dass die Stadt ein Museum errichtet – und so kam es auch: Am 9. April 1989 wurde in einer ehemaligen Scheune in der Talstraße das Théo-Kerg-Museum eingeweiht – ein rein kommunales Museum, das jedoch der Kulturkreis mit einem ehrenamtlichen Museumsleiter – nach dem Tode von Lynn Schoene ist es ihr Lebensgefährte Tom Feritsch – betreibt. Die Annahme der Kerg-Werke und damit auch der Bau eines Museums waren in Schriesheim nicht unumstritten, aber es gab immerhin eine Mehrheit im Gemeinderat.

Kerg war offenbar mit dem Bau zufrieden: "Ein wunderbares Ambiente", befand der Künstler und überwachte den Umbau selbst, wie sich einst gegenüber der RNZ Ingrid Neumann erinnerte, die den Kontakt zu Kerg, mit dem sie befreundet war, hergestellt hatte. Ingrid Neumann und ihr 2020 verstorbener Mann Franz – er war auch CDU-Stadtrat – gelten als die eigentlichen Initiatoren des Museums, schließlich konnten sie den damaligen Bürgermeister Peter Riehl überzeugen, die Schenkungen Kergs anzunehmen, zumal der Künstler in der Region tätig war.

Museumsleiter Feritsch kennt die Kinder Kergs gut, und er berichtet, dass sich in den letzten Jahren deren Verhältnis zu Schriesheim deutlich verbessert hat: So stellte die Frau Carlo Kergs, Anne Recker, 2019 hier ihre Werke aus. Und Carlo Kerg vermittelte auch Künstler nach Schriesheim, wie 2015 die Luxemburgerin Catherine Lorent. Im Grunde, so Feritsch, war auch dem Kerg-Sohn daran gelegen, den Rechtsstreit zu beenden. Die Chancen dafür schätzt Anwältin Löweneck hoch ein, sie rechnet nicht mit einer Berufung, zumal viele Anwälte angesichts der komplexen Materie ihr Mandat niedergelegt haben.

Eine ganz andere Frage ist, wie es mit dem Museum weitergeht: Feritsch ist mittlerweile 75 Jahre alt: "Ich werde das nicht ewig machen." Ein Nachfolger ist nicht in Sicht – schon keiner, der das rein ehrenamtlich leistet. Auch das Aufsichtsteam des Kulturkreises werde immer kleiner: "Das ist ein echtes Problem. Nun stellt sich die Frage, was die Stadt mit dem Museum machen will. Man sollte vermeiden, dass es dann zu einem Heimatmuseum wird."

Hintergrund: Théo Kerg gilt heute als einer der bedeutendsten Künstler Luxemburgs im 20. Jahrhundert. Wie der Kleinstaat auch, war Kergs Leben sowohl von Frankreich wie von Deutschland geprägt: 1909 im Bergbaustädtchen Niederkorn geboren, studierte er später an der Pariser Sorbonne und war später, bis 1933, Schüler Paul Klees in Düsseldorf. Sein Verhältnis zum eigenen Land war nicht immer frei von Spannungen, seine erste Ausstellung mit abstrakten Werken Mitte der 30er Jahre erntete in Luxemburg Hohn und Spott. Letztlich verbrachte er nach Angaben seines Sohnes Carlo nur 33 seiner insgesamt 84 Lebensjahre im Großherzogtum; insgesamt lebte er an 28 verschiedenen Orten in drei Ländern.

Obwohl Kerg immer ein Freigeist war, gab es in der Nachkriegszeit in seiner Heimat Debatten über seine Kollaboration mit dem NS-Besatzungsregime. Erst eine Doppelausstellung in der Hauptstadt 2013, zu Kergs 20. Todestag, rehabilitierte den Künstler wieder. 1946 emigrierte Kerg frustriert nach Paris – er saß in Luxemburg 1944 für ein Jahr in Untersuchungshaft –, 1957 wurde er Gastprofessor an der der Werkkunstschule Kassel.

Kerg war künstlerisch ungemein vielseitig – als Maler, Grafiker, Bildhauer und Glasgestalter. Dabei entwickelte er seine eigene Kunstrichtung, den "Taktilismus", in dem eher ungewöhnliche Materialien wie Sand, Kunstharz, Kies, Leinwand und Jute verarbeitet wurden. Auch der Einfluss des Lichtes war für ihn maßgeblich. In der Region gestaltete er die Fenster und den Kreuzgang der neuen Kuppelkirche in Neckarhausen und die Bestattungshalle auf dem Mannheimer Hauptfriedhof. Am 4. März 1993 starb Kerg im burgundischen Chissey-en-Morvan, wo er sich ein Bauernhaus zu einem Atelier hatte umbauen lassen. hö

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung