24.01.2022

Ein Nazi wurde gewählt, kam aber nicht ins Amt

Vor 70 Jahren löste die Wahl Fritz Urbans zum Bürgermeister ein politisches Erdbeben aus. Die Landesregierung verhinderte seinen Einzug ins Rathaus.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Wer glaubt, die Vorgänge um den Amtsantritt von Christoph Oeldorf – er wird am 1. Februar wegen einer Wahlanfechtungsklage "nur" zum Amtsverweser bestellt – seien turbulent, der irrt. Denn vor 70 Jahren führte eine Bürgermeisterwahl zu einer Auseinandersetzung, die über Jahre das politische Klima Schriesheims vergiftete – bis schließlich die Landesregierung einschritt. Die ehemalige Stadtarchivarin Ursula Abele informierte über diese schier unglaubliche Geschichte im Jahrbuch 2002.

Auslöser war die Wahl Fritz Urbans (1903-1976) im Herbst 1952 zum Bürgermeister. Das war Urban von 1933 bis 1945 bereits. In dieser Zeit tat sich der NSDAP-Ortsgruppenleiter, der er seit 1931 war, als besonders fanatischer Nazi hervor: Er denunzierte seinen Vorgänger, den Sozialdemokraten Georg Rufer, verweigerte ihm die Pension, verbot "marxistische Organisationen" wie den KSV, die Naturfreunde oder den Arbeitergesangverein und drängte die Kirchen aus dem kommunalen Kindergarten heraus. Noch übler ging er gegen die in der Gemeinde verbliebenen Juden vor: Als die letzten, Mina und Julius Fuld, am 20. September 1939 fortzogen, jubelte er: "Mit diesem Abzug ist Schriesheim nunmehr judenfrei!" Später wurde ihm nachgesagt, dass er keinen Juden ins Lager gebracht habe, was aber Joachim Maier in seinem Gedenkbuch "Die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung und ,Euthanasie’ aus Schriesheim (2018) in das Reich der Legenden verwies.

1945 wurde Urban von der US-Besatzungsmacht abgesetzt; sein Vorgänger Rufer kam wieder ins Amt und wurde 1948 mit 75 Prozent wiedergewählt. Rufer war allerdings krank und musste vorzeitig, zum 30. September 1952, aufhören. Die Stelle wurde ausgeschrieben, und bereits am 1. September ging die Bewerbung Urbans im Rathaus ein. Er war der Kandidat der Freien Wähler, die sich eigens aus diesem Anlass am 17. Juli gegründet hatten – im Grunde als eine Art Auffangbecken für Alt-Nazis wie Urban. Der war 1949 wieder aus der Internierungshaft freigekommen – 1948 war er im Entnazifizierungsverfahren als "Belasteter" eingestuft worden (was 1951 wieder aufgehoben wurde) – und hatte, wie er auf einer Versammlung am 3. Oktober sagte, den "Entschluss gefasst, mich nie mehr für ein öffentliches Amt zur Verfügung zu stellen". Doch dann "kamen in den letzten Wochen so viele Personen aus allen Berufen und auch Angehörige einzelner Parteien mit der Bitte zu mir, ich möge zur Bürgermeisterwahl kandidieren, dass ich mich zu guter Letzt dem Wunsche vieler Schriesheimer nicht verschließen konnte".

Bei dieser Gelegenheit lobte Erwin Scharf, einst politischer Gegner Urbans, dessen Tatkraft, seine "Fähigkeit, unparteiisch zu handeln", und schließlich habe er "Sauberkeit im Amt" bewiesen. Der spätere Ehrenbürger Peter Hartmann nannte Urban sogar ein "Vorbild". Der Vorsitzendes des Verkehrsvereins, Erwin Lotz, erinnerte an den Bau des Waldschwimmbads und attestierte dem Kandidaten eine fanatische Heimatliebe: "Wer Schriesheim wirklich liebt, wählt Urban." Doch es gab es auch Widerstände: Der evangelische Pfarrer (1936-1952), Wilhelm Kaufmann, fragte nach: Urban, der 1937 aus der Kirche ausgetreten war, stellte sich als ein Mann "ohne religiöse und parteipolitische Bindung" vor. Ob das "heißen solle, dass wieder die evangelischen Kinderschwestern und Krankenschwestern davongejagt würden und wieder der evangelischen Gemeinde dieselben Schwierigkeiten wie ab 1933 bevorstünden. Urban erwiderte, dass er für die Kirchenpolitik im Dritten Reich nicht verantwortlich gemacht werden könne", schrieb die RNZ am 7. Oktober 1952.

Im ersten Wahlgang hatte Urban neun Konkurrenten, davon vier aus Schriesheim sowie Fritz Schneider aus Weinheim. Einer aus diesem Kreis informierte den Bundesinnenminister, dass es sich bei den Schriesheimer Freien Wählern um eine Tarnorganisation der gerade verbotenen rechtsradikalen Sozialistischen Reichspartei handeln würde, daraufhin beobachtete das Landesinnenministerium die Lage. Am Wahltag fuhren mehrere Polizeistreifen durch Schriesheim, doch es blieb ruhig. Urban lag mit 1782 Stimmen klar vor seinen Mitbewerbern (insgesamt 1955 Stimmen), verfehlte aber die absolute Mehrheit.

Im zweiten Wahlgang am 2. November trat Urban, wieder von den Freien Wählern unterstützt, an; gegen ihn hatten sich alle übrigen Parteien, CDU, SPD und die FDP-Vorläuferin DVP, zusammengetan und Fritz Schneider nominiert. Urban erhielt 2133 Stimmen, Schneider 1514, die Wahlbeteiligung lag bei 90 Prozent: "Ein klarer Wahlsieg für Fritz Urban", urteilt Abele. Seine Anhänger waren euphorisch: Die Gesangsvereine Liederkranz und Eintracht zogen mit Laternen vor Urbans Haus, es gab sogar ein Feuerwerk, und die Feuerwehr stellte die Bürgermeistertanne auf.

Es kam direkt nach der Wahl zu einem Einspruch, weil im Stammberg zwei Stimmzettel mit Kreuz ausgegeben worden waren. Der wurde zwar abgewiesen, aber Landtagsabgeordnete Hanns Schloß (DVP/FDP), der in Schriesheim wohnte, initiierte am 12. November eine Große Anfrage an die Landesregierung. Trotz der Auffassung, dass Urbans Wahl rechtmäßig gewesen sei, wies Innenminister Fritz Ulrich (SPD) das Landratsamt an, Urbans Amtseinführung zu verhindern: Das Entnazifizierungsverfahren gegen Urban sollte wieder aufgenommen werden mit Erfolg: Seit April 1953 galt er wieder als Belasteter.

Doch die Bevölkerung war gespalten. Die Urban-Anhänger forderten seine Einsetzung, die Freien Wähler waren bei der Gemeinderatswahl Ende 1953 die stärkste Kraft geworden und verfassten noch in der ersten Sitzung eine Resolution an den Ministerpräsidenten Gebhard Müller (CDU) mit dem gleichen Ziel: Urban solle begnadigt werden, Schriesheim sei jetzt über ein Jahr ohne Bürgermeister. Doch Müller blieb hart, jetzt half nur noch ein Kompromisskandidat. Peter Hartmann handelte mit den anderen Fraktionen die Personalie Wilhelm Heeger aus – gegen Widerstände bei den Freien Wählern. Diese unterstützten bei der Neuwahl 1954 Valentin Morast. Heeger siegte im ersten Wahlgang mit knapp 1800 Stimmen. Die Lage beruhigte sich wieder, doch für Urban wurde es bitter: Er kämpfte mit dem Gemeinderat jahrelang um seine Versorgungsansprüche, ohne Erfolg. Urban starb verbittert 1976.

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung