31.01.2022

Hansjörg Höfer blickt auf 16 Jahre im Amt zurück

"Ich will als authentischer Mensch, der immer nah bei den Menschen war, in Erinnerung bleiben", sagt er im Abschiedsinterview.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Heute hat Hansjörg Höfer seinen letzten Arbeitstag als Bürgermeister. Im großen Abschiedsinterview blickt er auf 16 Jahre im Amt zurück.

Wenn Sie an Ihren eigenen Start denken, so war der doch durch harte Auseinandersetzungen geprägt.
Ja, die anfänglichen Diskussionen waren teilweise schon hart. Aber die führten auch dazu, dass ich in der Verwaltung einen starken Rückhalt und eine große Unterstützung bekommen habe. Auch Bürger, die mich nicht gewählt hatten, kamen auf mich zu und wünschten mir Erfolg für meine Amtszeit. Und bald ebbten ja auch diese Auseinandersetzungen ab.

Und doch kam für viele die Wahl eines Grünen 2005 wie ein Schock.
Ich wurde 2005 überraschend zum Bürgermeister gewählt. Das Ergebnis des zweiten Wahlgangs haben viele nicht erwartet und war für diese sicher ein Schock.

Wohl auch für Ihren Amtsvorgänger Peter Riehl, der gesagt haben soll, Ihre Wahl sei "ein Unglück für Schriesheim".
Unter anderem.

War Schriesheim damals gespalten?
Die Bürgerinnen und Bürger haben das damals wohl nicht so gesehen, die Lagerbildung war damals eher im Gemeinderat zu spüren. Ich habe das nie persönlich genommen, wenn einige dachten, dass ein Bürgermeister nur aus dem konservativen Lager kommen kann. Aber mit der Zeit haben wir einen gemeinsamen Weg gefunden, dieses Lagerdenken zu überwinden.

Was hat Ihnen in den letzten 16 Jahren am meisten Freude gemacht?
Ich will da gar kein einzelnes Erlebnis herausgreifen. Aber mir waren vor allem die Begegnungen mit den Menschen immer wichtig. Besonders gern erinnere ich mich an den Besuch der emigrierten Schriesheimer Juden, die ich selbst auch in den USA besucht habe. Daraus sind dann Freundschaften entstanden. Auch die Besuche zur Geburt eines Neugeborenen und der Austausch mit den jungen Familien werden mir in Erinnerung bleiben. Es war dann immer schön, in die Familien zu kommen und zu erfahren, wo ihnen der Schuh drückt. Bei den Besuchen der Altersjubilare haben mir viele Menschen aus ihrem Leben erzählt, oft vom Krieg oder vom Wiederaufbau. Das war immer sehr berührend – und hat mich in meinem Amt geprägt.

Sie haben gerade die jungen Familien erwähnt. Ein Kennzeichen Ihrer Amtszeit war der enorme Ausbau der Kinderbetreuung. Wurden Sie durch den Gesetzgeber – Stichwort: Recht auf einen Kindergartenplatz – getrieben? Oder war das Ihr Herzensprojekt?
Schon Peter Riehl hat dafür gesorgt, dass jedes Kind ab drei Jahren einen Kindergartenplatz bekommt. Insofern hat die Kinderbetreuung bei uns schon eine Tradition. Ich persönlich wollte dafür sorgen, dass Familie und Beruf miteinander vereinbar sind. Daher habe ich das Angebot an Ganztagesbetreuung für alle Altersstufen ausgeweitet. Auch den Krippenausbau habe ich vorangetrieben, das hatte man in einer kleinen Stadt so noch nicht gekannt. Mittlerweile bekommt jedes Kind bei uns auch einen Krippenplatz.

Aber die Krippen sind privat geführt und nicht kommunal wie die Kindergärten.
Das kommt aus der Historie. Die Stadt hatte keine räumlichen Möglichkeiten, Krippenplätze anzubieten. Und städtische Krippen zu bauen, dafür hätte es im Gemeinderat kaum Mehrheiten gegeben. Um auch eine kindgerechte Betreuung nach der Kindergartenzeit zu gewährleisten, bieten wir Eltern heute die Möglichkeit, ihr Kind in einer Ganztagsgrundschule oder in einer von zwei Halbtagsgrundschulen mit angegliedertem Hort anzumelden. Den Hort an der Strahlenberger Grundschule haben wir neu gebaut, zusätzlich wird derzeit ein Hort im evangelischen Gemeindehaus in Altenbach eingerichtet. Das Konzept der Ganztagsschule wird auch im Bereich der weiterführenden Schulen fortgeführt. Mit dem Bau der Mensa können mittlerweile alle Schüler im Schulzentrum eine warme Mahlzeit zu sich nehmen.

Mittlerweile arbeiten in den Kindergärten mehr Leute als auf dem Rathaus …
Ja, fast die Hälfte der rund 200 städtischen Mitarbeiter sind Erzieherinnen und Erzieher. Hinzu kommen auch die fünf Schulsozialarbeiter an allen Schulen, die eine umfassende Betreuung der Kinder und Jugendlichen neben der Arbeit der Vereine sicherstellen. Zusätzlich ein weiterer Mitarbeiter für die freie Jugendarbeit, die Betreuerinnen für die Flüchtlinge, die Inklusionsbeauftragte, die Angestellten im Sozialamt und auch die Bürgerbeauftragte. Allein im sozialen Bereich haben wir sieben neue Stellen geschaffen – zuletzt noch die für die pädagogische Fachberatung der Kindergärten.

Normalerweise, so sagt man, setzen sich Bürgermeister Denkmäler – zum Beispiel ein neues Rathaus. Haben Sie lieber in Personal investiert?
So habe ich das bisher noch nicht gesehen. Wichtig war mir zumindest immer der gesellschaftliche Zusammenhalt in der Kommune – und dazu braucht man Menschen, die dafür sorgen. Da hatte eine Rathaussanierung keinen Vorrang gehabt, hier muss man mittelfristig schon etwas machen. Die Verwaltung, auch das war mir wichtig, ist personell hervorragend aufgestellt. Und bei der Digitalisierung haben wir große Fortschritte gemacht. Viel Geld, genauer gesagt 100 Millionen Euro, haben wir über die Jahre für den Bau und den Kauf von Gebäuden und für die grundlegende Sanierung von Straßen und Gebäuden, wie den Zehntkeller, in die Hand genommen.

Gibt es eine städtebauliche Entwicklung, die Sie gern mit Ihrem Namen in Verbindung bringen würden?
Die wohl prägendste Veränderung des Stadtbilds war die Wohnbebauung auf dem alten OEG-Bahnhof und die beiden neuen Plätze. Nicht zu vergessen auch die eher kleineren Veränderungen wie die neue Pflasterung in der Heidelberger Straße und die Umgestaltung der Kirchstraße. Damit entstanden in der Altstadt städtebaulich attraktive Treffpunkte, was mir immer wichtig war. Das war auch in Altenbach so: Dort nutzten wir den Kirchenumbau, um die Ortsmitte umzugestalten. Heute kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass es mal anders ausgesehen hat. Wir haben auch früh damit begonnen, einen Gestaltungsbeirat mit externen Fachleuten bei größeren Bauprojekten einzurichten. Ich wünsche mir, dass es den Gestaltungsbeirat auch weiterhin geben wird. Denn ich bin mir sicher: Ein architektonisch gutes Gebäude prägt auch seine Nutzer, die Architektur muss zu den Menschen passen.

Zugleich bedauern auch viele den Verlust alter Bausubstanz.
Das liegt oft daran, dass in die alten Gebäude nicht genügend investiert wurde. Und dann werden die Gebäude immer maroder, womit ich niemandem etwas vorwerfen will. Natürlich habe ich in den abgerissenen Wirtschaften wie dem "Adler" und der "Pfalz" schöne Veranstaltungen erlebt, in der "Pfalz" war ja die Party nach meiner ersten Wahl. Aber das Hotel war nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben. Auch den Zehntkeller mussten wir dringend sanieren, der war nur noch in der Erinnerung schön: Es regnete rein, die Toiletten waren eine Katastrophe, es gab weder eine vernünftige Heizung noch einen Fluchtweg. Heute ist der Zehntkeller wieder eine Perle in der Altstadt.

Aber der Empore und den Bildern von Franz Piva trauern noch einige nach.
Der Putz bröckelte ab, man hätte die Bilder wieder neu malen müssen. Die Brandschutzvorschriften wurden grundlegend geändert, deshalb hätte man die Empore leider nicht mehr nutzen können.

Aber doch hat man den Eindruck, dass der Zehntkeller seit der Sanierung nicht mehr richtig genutzt wird.
Doch, die Vereine und wir als Stadt nutzen ihn regelmäßig. Wenn Sie damit eine immer mal wieder diskutierte Nutzung durch Privatleute meinen: Der Zehntkeller wurde mit Steuermitteln saniert, daher sollte man nicht den Betrieben und Gaststätten Konkurrenz machen. Private Feiern wären zudem eine starke Lärmbelästigung für die Anwohner, die sich bisher bei unseren Festen immer tolerant verhalten haben.

Apropos Feiern: Sie gelten ja als geselliger Mensch. Wie schwer fiel es Ihnen, in den letzten knapp zwei Jahren, fast alle Veranstaltungen abzusagen?
Das begann ja mit dem Abbruch des Mathaisemarktes, seit dieser Zeit herrscht vollkommene Unsicherheit, wie und wo man feiern kann. Das belastet mich selbst sehr, weil ich gerne feiere und mich mit Menschen treffe, das gemeinsame Feiern hat unsere Stadt schon immer ausgezeichnet.

Wird es mit dem Feiern jemals wieder so wie früher sein?
Ja, ich glaube schon – will mich aber nicht zeitlich festlegen. Insofern bin ich Optimist. Diese Unsicherheit, in der wir alle leben, sind wir ja nicht gewohnt, sondern dass wir alles monatelang im Voraus planen. Und jetzt ist mit einem Mal alles so vage.

Mit Ihrem Namen ist auch die wohl größte Baumaßnahme verbunden, die Sanierung des Gymnasiums …
Früher wurden 800.000 Euro im Jahr in Gebäudeunterhaltung und -sanierung investiert, heute sind es drei Millionen – und das ist auch notwendig, um den Sanierungsstau abzubauen. Zum Glück sind unsere Einnahmen derzeit auch so hoch, dass wir das finanziell stemmen können, was früher nicht so war. Ich finde, dass die Kommune allein schon deswegen investieren muss, um auch für nachfolgende Generationen attraktiv zu bleiben. Was die Gymnasiumsanierung angeht, gab es eine lange Diskussion um die Zukunft der Schule. Jahrelang wurde nur geflickt, aber damit konnte man auf Dauer das Gebäude nicht halten. Wir hatten den Mut, den Weg einer grundlegenden Sanierung zu gehen. Und wir bekamen auch die Zuschüsse, ohne die eine Sanierung nicht möglich gewesen wäre.

Aber genau in dieser Frage kam es ja auch zu einer Entfremdung zwischen Ihnen und der Grünen Liste.
Da gab es schon unterschiedliche Auffassungen, die dann in zwei knappen Abstimmungen zutage traten. Das führte aber dazu, dass der Gemeinderat eine finanzielle Obergrenze beschlossen hat und bei den einzelnen Sanierungsschritten und -kosten auf dem Laufenden gehalten wurde. Und das hat auch gut geklappt: Wir liegen weiter im Zeit- und im Kostenrahmen.

Sind Sie denn überhaupt ein Grüner?
Dass ich einer bin, habe ich nie verheimlicht, gerade in Fragen der Landes- und Bundespolitik. Bei der Schulsanierung lagen die Unterschiede darin, dass die Grüne Liste in alle Schulen im Schulzentrum investieren wollte und dass sie Bedenken hatte, dass bei der Gymnasiumsanierung der Haushalt für künftige Generationen keine Handlungsspielräume lässt. Wir lagen inhaltlich weit auseinander, das kann man nicht leugnen. Die Entscheidung fiel ja auch mit zwei Stimmen Mehrheit knapp aus.

Alt-Stadträtin Gisela Reinhard soll gesagt haben: "Höfer ist kein Grüner, er ist ein Schriesheimer." Liegt sie richtig?
Das eine schließt das andere nicht aus. Sachpolitik spielt die wichtigste Rolle in der Kommunalpolitik, da muss Parteipolitik zurückstehen. Mir war es immer wichtig, im Gemeinderat breite Mehrheiten zu finden und Kampfabstimmungen zu vermeiden; denn immerhin repräsentiert dieses Gremium die gesamte Bevölkerung.

Über 150 Jahre kam der Bürgermeister aus Schriesheim, sie sind vielleicht der letzte. Wie wichtig ist so etwas noch?
Nicht mehr so wichtig. Aber es macht vieles einfacher, wenn man sich vor Ort auskennt und hier wohnt – gerade bei Terminen, die bis spät in die Nacht gehen.

Erwarten die Bürger heute noch, dass ein Bürgermeister in der Kommune wohnt?
Das ist nicht mehr die Regel. Für mich war es als Schriesheimer immer wichtig, hier zu wohnen und das Ohr an der Bevölkerung zu haben, dass also der Bürgermeister im Alltag ansprechbar ist. Aber dafür muss man nicht unbedingt hier wohnen. Die Nähe zu den Menschen ist am Ende das Wichtigste.

Welche Erfahrung haben Sie als Ur-Schriesheimer in den Ortsteilen gemacht?
In Ursenbach hatte ich durchweg sehr gute Erfahrungen, hier wurde viel erreicht. Da spielt es auch eine Rolle, dass die Ursenbacher ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl haben. In Altenbach wurde mit der Sperrung der Talstraße Ende der achtziger Jahre das Verhältnis zur Kernstadt schwer belastet. Eine politische Polarisierung existiert bis heute – mit einem entsprechenden Lagerdenken. Dadurch sind die Ortschaftsratssitzungen oft sehr emotional, was ich sehr bedauere. Trotzdem wurde auch hier viel investiert. Ich hätte auch gerne die 50-Jahr-Feier zur Eingemeindung mitgefeiert, aber diese musste vom Ortsvorsteher coronabedingt abgesagt werden.

Eine Sache, die man mit Ihnen verbinden wird, ist die Aufarbeitung der Geschichte und eine neue Erinnerungskultur.
Die Zeit war reif, dass man sich der Geschichte stellt. Wichtig war, dass daran viele Personen aus der Stadtgesellschaft mitgearbeitet haben und dass beide Kirchen an meiner Seite standen. Ohne diese Unterstützung hätte ich das nicht hinbekommen.

Hat es geholfen, dass Sie als Schriesheimer das angestoßen haben?
Es ist wohl einfacher, wenn man von hier kommt und die Sprache der Leute spricht – und zwar nicht belehrend, sondern dass man sich erinnern muss, damit sich die Geschichte nicht wiederholt. Der Anfang dieser Aufarbeitung war eher dem Zufall geschuldet: Als alle Namen der Weltkriegstoten aufgeführt werden sollten, stellte sich heraus, dass die alten Gefallenenlisten nicht stimmen – und dann machte sich Monika Stärker-Weineck an die Arbeit. Es war für mich sehr bewegend, 2006 am Volkstrauertag die Namen aller Gefallenen zu verlesen.

Wie wollen Sie nach 16 Jahren den Schriesheimern in Erinnerung bleiben?
Als ein authentischer Mensch, der immer nah bei den Menschen war. Der versucht hat, ihre Sorgen und Nöte zu verstehen und sie zu unterstützen, wo es möglich war.

Wie stehen Sie dazu, eventuell Ehrenbürger zu werden?
Ich war überrascht, als Sie den Fraktionssprechern diese Frage gestellt haben. Ich kann mich dazu nicht äußern, darüber habe ich mir absolut keine Gedanken gemacht.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung