07.02.2022

Was wird aus der Hans-Pfitzner-Straße?

Was wird aus der Hans-Pfitzner-Straße?

Westlich der B 3 und nördlich vom Rindweg sind fünf Straßen nach Komponisten benannt (Mozart, Wagner, Haydn, Schubert). Am problematischsten ist der Name von Hans Pfitzner, dem Antisemitismus vorgeworfen wird. Foto: Dorn
Sie ist nach einem Komponisten benannt, der durch seine antisemitischen Aussagen auffiel. Die Kommunalpolitik ist für eine Umbenennung offen.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Seit 45 Jahren gibt es die Hans-Pfitzner-Straße im "Komponistenviertel". Eher durch Zufall erfuhr die RNZ von der antisemitischen Haltung des Komponisten – und bat die Stadtverwaltung um eine Stellungnahme. Nun ist die Kommunalpolitik am Zug: Wird die Straße umbenannt, bekommen die Schilder eine Erklärtafel, oder bleibt alles so, wie es ist?

> Wie die Straße ihren Namen erhielt: 1976 machte laut Auskunft der Stadtverwaltung "ein Schriesheimer Bürger" den Vorschlag, die Ringstraße im Neubaugebiet nach dem Komponisten zu benennen. Dabei handelte es sich höchstwahrscheinlich um den Musikwissenschaftler Hans Rectanus, der damals in Schriesheim lebte und an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg unterrichtete. Rectanus gilt als ausgesprochener Pfitzner-Experte. Mehrfache Versuche der RNZ, Rectanus zu kontaktieren, schlugen fehl. Der Bezug Pfitzners zu Schriesheim liegt in der Ouvertüre "Käthchen von Heilbronn" (1905); das Ritterdrama von Heinrich von Kleist spielt teilweise auf der Strahlenburg.

> Der Antisemitismus bei Pfitzner: Der Komponist hat sich sehr umfangreich antisemitisch geäußert – auch nach dem Zweiten Weltkrieg, was am problematischsten ist. Jens Jessen zitiert in einem Artikel für die "Zeit" vom 31. Oktober 2007 ein Dokument Pfitzners, das aus den ersten Monaten nach der deutschen Kapitulation stammt: "Dass eine Menschenrasse von der Erdoberfläche ausgerottet werden kann, das hat die Weltgeschichte schon gesehen, in der Ausrottung der ursprünglich prachtvollen indianischen Rasse (…). Im Sinne der Völkermoral und der Kriegsbräuche konnte sich Hitler also eigentlich schon durch dies einzige Beispiel ,gedeckt’ fühlen; das ,Wie’ dieser Gewalthandlungen und Unterdrückungsmethoden ist freilich an und für sich verdammungswürdig, soweit es auf Wahrheit beruht und nicht geflissentlich stark übertrieben ist. In den KZ-Lagern mögen schreckliche Dinge geschehen sein, wie sie in solchen Umwälzungsperioden immer vorkommen, als vereinzelte Fälle und von Seiten subalterner Rohlinge, wie es sie immer und überall gibt, am wenigsten aber unter deutschen Menschen." Der umfangreiche Artikel im Internet-Lexikon "Wikipedia" gilt nach Ansicht der Expertin Sabine Busch-Frank als gut belegt.

> Die heutige Bewertung Pfitzners: Sabine Busch-Frank, die 2001 eine Dissertation über "Hans Pfitzner und der Nationalsozialismus" vorlegte, zeichnet ein differenziertes Bild des Komponisten: Zu dessen Lebenszeiten sei "Antisemitismus nicht selten gewesen", er äußerte sich aber dann judenfeindlich, "wenn ihm jemand beruflich oder privat in die Quere kam". Pfitzner selbst hatte etliche jüdische Freunde – eine Parallele zu Richard Wagner, von dem auch viele judenfeindliche Zitate überliefert sind (und nach dem auch eine Straße im "Komponistenviertel" benannt ist).

Der Unterschied zwischen Pfitzner und Wagner sei aber "das völlig veränderte gesellschaftlich-politische Umfeld", so Busch-Frank: "Wenn Antisemitismus eine Frage von Leben und Tod ist, bekommt das eine andere Dimension." Pfitzner sei vor 1933 "antisemitisch angehaucht" gewesen, aber auch im Dritten Reich äußerte er sich verstärkt auf diese Weise, ohne allerdings "konsequenter Antisemit" gewesen zu sein. Pfitzner sei auch "auf keinen Fall" ein überzeugter Nationalsozialist gewesen, er wollte eher "das NS-Regime für seine Zwecke benutzen" – allerdings erfolglos. Die Nazis zogen den Zeitgenossen Richard Strauss vor, Pfitzner wurde kaum mehr gespielt, am Ende fand er musikalisch Unterschlupf beim NS-Funktionär Hans Frank, dem "Schlächter von Polen", dem er auch nach dessen Verurteilung als Kriegsverbrecher die Treue hielt. Aber ein "Nazi-Komponist" sei er mit Sicherheit nicht gewesen, er komponierte keine NS-Lieder, hatte keinen hohen Status und blieb im Grunde unentdeckt. Und woher kommen die vielen antisemitischen (und sonstigen politischen) Äußerungen Pfitzners? "Er musste zu allem seinen Kommentar geben, heute würde man das ,Twittern’ nennen", so Busch-Frank. Er sei "ein unangenehmer und grantiger Mensch" gewesen – alleine schon deswegen konnte er die Nazis kaum für sich einnehmen.

> Das sagen die Schriesheimer Geschichtsexperten: Weder Stadtarchivar Dirk Hecht, noch Professor Joachim Maier oder Monika Stärker-Weineck wollen sich zur "Causa Pfitzner" äußern. Sie alle sind zu wenig in der Materie "drin", allerdings wusste Maier bereits, dass "Pfitzner eine schillernde Figur in der Zeit des Nationalsozialismus gewesen" sei, aber er könne sich "kein abschließendes Urteil erlauben".

> Das sagt die Stadtverwaltung: Ihr war die Problematik der Aussagen Pfitzners bis zur RNZ-Anfrage "bislang nicht bekannt" – und bedankte sich ausdrücklich für diesen Hinweis. Zuerst beschäftigte sich am vorletzten Montag der Ausschuss für Technik und Umwelt (ATU) mit dieser Thematik, dann wird der Gemeinderat diskutieren. "Grundsätzlich wäre es möglich, dass der Gemeinderat eine Umbenennung der Straße vornehmen könnte", sagt das Rathaus.

> Wie die Kommunalpolitik regiert: Die Diskussion im ATU wurde ergebnisoffen geführt. Hansjörg Höfer, damals noch im Amt, wollte ein Meinungsbild der Fraktionen einholen. Eine Abstimmung gab es nicht, aber prinzipiell zeigten sich die meisten ATU-Mitglieder für eine Umbenennung offen. Einige forderten, ein wissenschaftliches Gutachten einzuholen, andere, die Anwohner zu beteiligen, aber es gab auch die Meinung, die Sache schnell mit einer Umbenennung zu beenden.

> Umbenennen oder nicht? Während sich die Stadträte für einen neuen Namen offen zeigen, gäbe es auch die Möglichkeit, es beim Alten zu belassen, aber eine Erklärtafel aufzuhängen. Zumindest diese beiden Optionen sehen Maier und Stärker-Weineck. Expertin Busch-Frank warnt allerdings eindringlich vor einer Umbenennung, das sei "unverhältnismäßig". Denn mit einer Straße werde ja nicht nur eine zeitgeschichtliche Person, sondern auch ihr Werk und ihre Lebensleistung geehrt. Ein erklärendes Schild sei "am praxisnächsten" und "ein sauberer Weg als ein Ausradieren" – zumal Pfitzner "kein Kriegsverbrecher gewesen" sei.

Wie andere Kommunen mit Hans-Pfitzner-Straßen umgehen: Prinzipiell gibt es drei Optionen: Erstens, die Straßen werden einfach umbenannt (wie 2009 in Hamburg, 2012 in Hamm und Münster, 2018 in Hannover und zuletzt 2019 in Wiesbaden). In Frankfurt wollte man 2020 die Ehrung "des erwiesenen Antisemiten und Holocaustleugners" rückgängig machen (die Straße wurde dann nach der NS-Überlebenden Lilo Günzler benannt), in Düsseldorf lautete im selben Jahr die Begründung "aggressiver Antisemitismus / herausragende Stellung im Dritten Reich". Zweitens kann eine Stadt eine Straße umbenennen und dazu, wie in Lübeck 2019, eine Erläuterungstafel anbringen. Oder man macht es, drittens, wie in Wien 2016: Dort wurde der alte Name beibehalten, aber eine Erklärtafel aufgehängt.

> Gab es bereits früher Straßenumbenennungen in Schriesheim? Ja, aber selten aus "politischen" Gründen, so wurde aus der alten Hauptstraße die Heidelberger Straße. 1946 allerdings benannte der erste Nachkriegsbürgermeister Georg Rufer (SPD) die ehemalige Kriegsstraße – sie erhielt ihren Namen wie die Friedensstraße nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 – in Alfred-Herbst-Straße um. Herbst, der aus Schriesheim stammte, widersetzte sich als gläubiger Baptist in der NS-Zeit dem Wehrdienst und wurde am 20. Juli 1943 in der Haftanstalt Brandenburg hingerichtet.

> Wie viele Personen von einer Umbenennung betroffen wären: Die Hans-Pfitzner-Straße, etwa 150 Meter lang, hat 21 Häuser mit 23 Hausnummern (1 bis 32, manche sind nicht vergeben). Laut Rathaus-Auskunft sind hier aktuell 126 Personen gemeldet.

> Wie die Hans-Pfitzner-Straße heißen könnte: Die FDP hat bereits 2014 den Antrag gestellt, einen Weinbergsweg in Richtung Dossenheim nach dem einstigen badischen Staatspräsidenten Anton Geiß (SPD) zu benennen. Geiß, der sich 1918 große Verdienste um einen friedlichen Übergang von der Monarchie zur Demokratie erworben hatte, lebte von 1933 bis zu seinem Tod 1944 in Schriesheim, erst gegenüber vom Historischen Rathaus, dann im Kreisaltenheim. Nun kann sich der ehemalige FDP-Vorsitzende Ingo Kuntermann vorstellen, die Hans-Pfitzner-Straße nach dem aufrechten Demokraten zu benennen. Joachim Maier geht das "allerdings zu schnell", er wünscht sich eine "gesellschaftlich relevante Debatte". Wenn er gefragt werden würde, "wäre ein Opfer des Nationalsozialismus eines Straßennamens würdig". Dabei denkt er an den aus Schriesheim stammenden Karl Heinz Klausmann, der sich als wegen seiner jüdischen Abstammung Verfolgter der Résistance anschloss – und an den Maier beim letzten Holocaust-Gedenktag, am 27. Januar, besonders erinnerte.

Hintergrund: Hans Pfitzner wurde 1869 in Moskau geboren, wuchs in Frankfurt auf und begann mit elf Jahren zu komponieren. Später arbeitete er in Berlin als Kapellmeister, 1917 wurde in München sein Hauptwerk, die Oper "Palestrina", uraufgeführt. Sein Musikstil ist schwer einzuordnen, Pfitzner vereint romantische und spätromantische Einflüsse, ist aber auch wegen einiger moderner Elemente durchaus sperrig. Aber seit "Palestrina" galt er als führender Vertreter eines betont deutschen und entschieden antimodernistischen Musikbegriffs. Der ganz große Durchbruch gelang ihm nie, gerade zur NS-Zeit stand er stets im Schatten von Richard Strauss. Pfitzner starb 1949 einsam und verbittert. Heute ist er weitgehend vergessen. hö

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung