12.02.2022

In Altenbach wird und wurde viel investiert

50 Jahre nach der Eingemeindung zieht Ortsvorsteher Herbert Kraus ein zufriedenes Fazit.

Von Micha Hörnle

Schriesheim-Altenbach. Sang- und klanglos verstrich der 50. Jahrestag der Eingemeindung Altenbachs nach Schriesheim (Ursenbach folgte erst ein Jahr später). Das wäre am 1. Januar gewesen, und eigentlich war auch eine Feier geplant, die allerdings pandemiebedingt abgesagt wurde. Zum Zeitpunkt der Eingemeindung lebte der heutige Ortsvorsteher Herbert Kraus bereits in Altenbach. Der heute 77-Jährige stammt ursprünglich aus dem böhmischen Eisendorf, wurde mit seiner Familie vertrieben und wuchs in Eisingen bei Pforzheim auf. Er studierte ab 1965 Medizin in Erlangen, dann in Heidelberg. Seine erste Assistentenstelle hatte er in der Thorax-Klinik in Heidelberg-Rohrbach, nach Stationen in anderen Krankenhäusern machte er sich 1984 als Allgemeinmediziner selbstständig. 2014 übernahm sein Sohn Martin die Praxis. Seit jenem Jahr ist Kraus Ortsvorsteher.

Herr Kraus, wie kamen Sie nach Altenbach? Haben Sie damals viel von der Eingemeindungsdebatte mitbekommen?
Ich wohnte damals noch in Heidelberg-Rohrbach, wo ich damals eine Assistentenstelle in der Thorax-Klinik hatte. Das erste Kind war unterwegs, und in Heidelberg waren schon damals die Mieten zu hoch. Mit einem Zirkel habe ich einen 20-Kilometer-Kreis um Heidelberg gezogen und bin alle Dörfer abgefahren. Zu dieser Zeit gab es die Gemeindereform mit dem Ziel, die kleinen Gemeinden mit ihrem ehrenamtlichen Bürgermeister abzuschaffen. Die hatten ja alle einen Beruf und waren nicht immer da. Dafür gab es aber einen Ratsschreiber, der die Verwaltung führte und alles wusste. Und den habe ich gefragt, ob er eine Wohnung kennt.

Und wer war das in ihrem Fall?
Helmut Jörder, der aus einer alten Ratsschreiberfamilie stammte. Und der gab mir den Tipp, dass in der Eichelbergstraße neu gebaut wird. Da sei noch eine Einliegerwohnung frei. Und die bekamen wir dann auch. Unser Einzug war am 3. Juni 1970.

Wie war denn Altenbach damals?
Sehr dörflich. An der Kipp standen damals noch keine Häuser, erst Ende der siebziger Jahre wurden die Bebauungspläne Ost, West und Süd rechtskräftig. Damals hatte Altenbach eine Infrastruktur, nach der wir uns heute die Finger abschlecken würden: drei Kaufläden, zwei Metzgereien und drei Wirtschaften, dazu noch einen Riesen-Gesangverein. Und der Verkehr war viel geringer als heute, man konnte die Kinder noch auf der Straße spielen lassen. Und mich faszinierte, wie schnell ich von hier aus ins Krankenhaus nach Heidelberg kam.

Können Sie sich noch an die Eingemeindungsdebatte erinnern?
Die wurde sehr emotional geführt. Zunächst konnte man sich nicht einigen, wohin man gehören sollte: zu Wilhelmsfeld, zu Dossenheim, zu Hirschberg oder zu Schriesheim? Ich erinnere mich noch, dass es eine Versammlung gab, auf der die Eingemeindung nach Schriesheim mit großer Mehrheit beschlossen wurde. Später sagte Landrat Albert Neckenauer, dass die Verbindung von Altenbach und Schriesheim "keine Liebesheirat, sondern eine Vernunftehe" sei. Ich selbst war damals völlig apolitisch, ich war mit dem Krankenhaus voll und ganz beschäftigt – und hatte im Prinzip keine Meinung dazu.

Wieso schloss sich eigentlich Altenbach nicht dem näher gelegenen und etwa gleich großen Wilhelmsfeld an?
Man erhoffte sich wohl von Schriesheim mehr als von Wilhelmsfeld. Und so war es ja auch: Wir bekamen die Mehrzweckhalle und den Kindergarten als Eingemeindungsgeschenk. Das hätte sich Wilhelmsfeld nie leisten können.

Aber so dominiert eben das achtmal größere Schriesheim Altenbach …
So kann man das nicht sehen. Ich lese immer gern den Eingemeindungsvertrag, den Altenbachs Bürgermeister Peter Gutfleisch und sein Schriesheimer Amtskollege Wilhelm Heeger im November 1971 geschlossen haben. Darin erhielt Altenbach einen Sonderstatus der unechten Teilortswahl: Vier eigene Stadträte aus dem Ortsteil vertreten im Schriesheimer Gemeinderat die Belange. Und zudem hat der Ortschaftsrat mit zehn Mitgliedern eine gewisse Selbstständigkeit – mit eigenen Kompetenzen wie bei den Spielplätzen, dem Friedhof und den Grünanlagen – natürlich im Rahmen der finanziellen Gegebenheiten.

Gerade der Friedhof, vielmehr seine Halle, ist keine Visitenkarte für Altenbach.
Seit Jahren bin ich an diesem Thema dran – ohne Erfolg. Über den Friedhof an sich kann ich nicht klagen. In den letzten Jahren wurde einer geänderten Beerdigungskultur Rechnung getragen, und das wird auch gut angenommen.

Beim Thema "Spielplatz" hat man eher den Eindruck, als sei der Ortschaftsrat damit überfordert, das hinzubekommen.
Das war der Fehler der Stadtverwaltung, die Diskussion um seine Neugestaltung in die Hände von Christian Wolf zu geben. Wäre diese Debatte im Ortschaftsrat geführt worden, wäre das anders gelaufen.

Aber hätte sich nicht Wolf um den Spielplatz gekümmert, wäre nichts passiert.
Da gibt es auch andere Stimmen – auch von den Eltern.

Der Ortschaftsrat hätte doch den Spielplatz jederzeit an sich ziehen können.
Ja, eigentlich hätte aus dem Gremium der Anstoß kommen müssen.

Wie ist eigentlich der Stand der Dinge?
Die Sache ist in den Händen zweier Anwälte – also blockiert.

Aber vor ein paar Monaten gab es doch noch Euphorie, alle wähnten den Spielplatz auf einem guten Weg.
Ich nicht. Da passten Wunsch und Vorstellung nicht zur Realität. Man kann das Nachbarschaftsrecht und das Bürgerliche Gesetzbuch nicht einfach so beiseiteschieben. So, wie sich die Verwaltung verhielt, musste das Kind ja in den Brunnen fallen. Der anvisierte Grundstückstausch war eine fixe Idee. Der Nachbar hat ein Anrecht auf die Zufahrt zu seiner Wiese, das kann man nicht übergehen. Da war auch schon vorher eine Lösung gefunden worden, die aber die Stadtverwaltung nicht mit Nachdruck vertreten hat – und so erst Raum für unerfüllbare Erwartungen entstehen ließ.

Apropos Christian Wolf: Der sagte im RNZ-Interview, Altenbach sei zu kurz gekommen. Teilen Sie seine Ansicht?
Absolut nicht. Erst bei der letzten Haushaltssitzung hat jede Fraktion gesagt, dass die Altenbacher zufrieden sein können. Das soll auf einmal nicht gelten.

Wolf hat das damit begründet, dass seit dem schnellen Internet eigentlich nichts mehr zustande gekommen sei …
Allein die Großprojekte "Sanierung des Birken- und des Abtswegs" gehen in die Millionen. Die Zufahrt zum Sportplatz wurde neu gemacht. Das Glasfaserkabel erreicht zwar längst nicht alle Haushalte, aber es reicht doch fürs Homeoffice. Dass nicht alle davon profitieren, hängt auch damit zusammen, dass manche Verträge mit den alten Anbietern noch länger laufen.

Man hat manchmal dennoch den Eindruck, dass Altenbach in der Kernstadt nicht wahrgenommen wird.
Nein, wir sind keineswegs abgehängt, auch nicht im Rathaus. Allein Kindergarten, Schule und Verwaltungsstelle kosten eine Million Euro im Jahr – und dazu kommen die ganzen anderen Investitionen, vor allem in die Infrastruktur.

Sind die Altenbacher ein "kriegerisches Bergvolk", das sich sogar im Ortschaftsrat bekriegt und damit selbst blockiert?
Der Ausspruch vom "kriegerischen Bergvolk" stammt von Peter Riehl. Der Ortschaftsrat sollte sich auf Sachthemen konzentrieren und politische Unterschiede hintanstellen.

Da Sie Riehl erwähnt haben: Sie haben drei Bürgermeister erlebt. Was haben die für Altenbach geleistet?
Unter Riehl wurden die Neubaugebiete entwickelt – und erst durch die zog etwas Wohlstand ein.

Altenbach hätte die doch auch als selbstständige Gemeinde erschließen können.
Das glaube ich nicht. Das hätte die kleine Gemeinde überfordert, vor allem wegen der hohen Erschließungskosten.

Alle Schriesheimer Bürgermeister waren bisher "Schriesemer Buwe", denen Altenbach doch eher fremd war, oder?
Das sehe ich nicht so. Alle hatten ein Gespür für Altenbach. Und wenn nicht, dann hat der Ortschaftsrat dafür gesorgt.

Aber verstehen Sie, wenn manche in der Kernstadt von Altenbach genervt sind?
In der Kernstadt wird auch viel saniert, die kommt nicht zu kurz. Der Birkenweg bei uns musste gemacht werden, sonst wäre er auf die Landstraße gefallen.

Ich meinte auch eher den Dauerstreit im Ortschaftsrat.
Das kann ich wiederum nachvollziehen. Wenn wir die politischen Plänkeleien und aggressiven Untertöne sein ließen und mehr auf das Miteinander achteten, würden wir uns auch harmonischer präsentieren.

Macht bei einem solchen Dauerstreit das Amt des Ortsvorstehers noch Freude?
Das belastet mich schon durchaus, aber ich schiebe es beiseite. Ich bin schon so lange in der Politik, aber ich sehe die Notwendigkeit, verliere aber das Wünschenswerte nicht aus den Augen.

Ihre Wünsche für 2022?
Ich hoffe, dass die Feuerwehrhalle gebaut wird, dass der Abtsweg saniert wird – und dass spätestens bis 2023 etwas mit der Friedhofshalle passiert. Im Laufe der Jahre muss das Internet ausgebaut werden. Momentan hängen nur 80 Haushalte an der Glasfaser. Die für alle hinzubekommen, muss langfristig unser Ziel sein.

Ich dachte, Sie würden sich eine bessere Infrastruktur wünschen – also einen Dorfladen oder eine neue Wirtschaft…
Gastronomie ist dringlicher als ein Dorfladen. Bei dem gab es anfangs eine große Begeisterung, die dann schnell abflaute. Das liegt auch daran, dass der schwer machbar ist. Er funktioniert nicht mit rein ehrenamtlichen Mitarbeitern, dazu braucht man mindestens einen "Macher" – und den hatten wir hier nicht. Das Projekt "Dorfladen" ist nicht gestorben, nur auf Eis gelegt. Immerhin haben wir ja mit dem Kiosk und dem Gemüse- und Blumenladen "PeLe" eine Art Miniversorgung.

Wie ist der Stand beim Dorfcafé?
Das meiste ist geregelt. Ich rechne mit dem Baubeginn zum Sommer. Ich hoffe, dass es dann in der Ortsmitte eine Möglichkeit zum Treffen gibt, die haben wir sonst, zumindest im Sommer, nur mit der "Kegelstube".

Wie sieht es mit der Feuerwehrhalle aus?
Mit dem Nachbarn sind wir uns im Grundsatz, und was die Größe anbelangt, einig. Ich gehe davon aus, dass sie noch in diesem Jahr gebaut wird.

Aber Sie waren gegen den Standort gegenüber vom jetzigen Feuerwehrhaus.
Das stimmt, es ist nicht unser Wunschstandort – auch weil die Halle hier nicht unbedingt das Ortsbild verschönert. Aber die Feuerwehr ist im Gerätehaus zu beengt, gerade weil sie mit dem Tunnel neue Aufgaben bekommen hat. Insofern gibt es keine andere Möglichkeit.

Haben Sie einen Wunsch an den neuen Bürgermeister?
Er wird ein paar Wochen brauchen, bis er eingearbeitet ist. Ich werde dann schon die Altenbacher Belange an ihn herantragen.

Glauben Sie, dass er als Wilhelmsfelder die Altenbacher Belange besser versteht?
Ich hoffe es.

Eigentlich stand ja zum 1. Januar eine Feier zum 50. Eingemeindungsjubiläum an. Aber gefeiert wurde nicht.
Das war angesichts der Pandemielage nicht möglich. Der Ortschaftsrat will im Sommer eine richtige Eingemeindungsfeier nachholen, bei der auch die Vereine mit ins Boot geholt werden sollen.

Gäbe es denn etwas zu feiern?
Ja! Die Eingemeindung ist eine Erfolgsgeschichte. Aus der Vernunftehe ist so viel entstanden!

Würden Sie denn heute wieder nach Altenbach ziehen?
Ja. Das hier ist meine Heimat, hier wurden meine Kinder groß. Altenbach ist schon ein reizvolles Dorf, allein schon von der wunderbaren Natur her – und dabei so nah an den großen Zentren. Mit dem schnellen Internet sollte es doch möglich sein, wieder junge Familien hierherzuholen.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung