23.02.2022

Anwohner sind gegen eine Umbenennung der Hans-Pfitzner-Straße

Die Debatte mit der Grünen Liste war in Teilen emotional. Stadträte: Es ist absolut noch nichts beschlossen.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Die emotionale Wucht der rund 30 Anwohner aus der Hans-Pfitzner-Straße kam unerwartet. Eigentlich hatte die Grüne Liste am Samstagnachmittag zu einem Dialog vor Ort eingeladen, "Sie wissen, worum es geht", sagte Stadtrat Bernd Molitor noch, aber er sollte mit seiner Einleitung nicht weit kommen. Denn dann entlud sich der Frust, der sich in den letzten zwei Wochen in der kleinen Straße des "Komponistenviertels" aufgestaut hatte.

Denn seither stand eine Umbenennung der Straße im Raum, die seit 1976 den Namen des heute eher unbekannten Komponisten trägt. Damals wusste man allerdings über die antisemitischen Äußerungen Pfitzners kaum etwas, wie der damalige Ideengeber Hans Rectanus gegenüber der RNZ zugab. Nicht nur die Kommunalpolitik, auch die Anwohner traf die Debatte, die die RNZ durch einen "Zufallsfund" von Pfitzner-Äußerungen losgetreten hatte, unvorbereitet. Und mehr noch: Aus der Einladung der Grünen Liste hatten sie herausgelesen, dass eine Umbenennung im Prinzip schon beschlossene Sache sei. Dem ist nicht so, versicherten Christian Wolf und Bernd Molitor sowie auch die anwesenden Stadträte Christiane Haase (CDU) und Gabriele Mohr-Nassauer (SPD). Allerdings hatte die Grüne Liste nach einem Treffen in der letzten Woche durchaus eine Meinung dazu und als Namenspaten die Komponistin Clara Schuhmann und die KZ-Überlebende Esther Bejerano vorgeschlagen.

Unterdessen bildeten sich die Anwohner, die sich bisher nicht in der Umbenennungsdebatte durch öffentliche Äußerungen hervorgetan haben, durchaus ihre Meinung und gaben sogar mittlerweile eine Resolution im Rathaus ab – unterschrieben von 65 der insgesamt 126 Anwohner (siehe Hintergrund). Darin fordern sie, den alten Namen beizubehalten und das Straßenschild mit einer Erklärtafel zu ergänzen.

Dass die Fronten verhärtet waren, bekam Molitor schon in den ersten Minuten zu spüren: "So etwas wie Pfitzner haben damals so viele Leute gesagt. Im Grunde müsste man das halb Schriesheim zum Vorwurf machen. Wir haben eine Hans-Pfitzner-Straße, und genauso bleibt es", lautete der erste Zwischenruf, der mit viel Applaus quittiert wurde – und er gab für die gesamte gut eineinhalbstündige Diskussion die Linie vor. Da half es auch nichts, dass Molitor das eine ums andere Mal beteuerte, dass "die Diskussion noch ganz am Anfang" stehe. Bisher habe nur einmal der Ausschuss für Technik und Umwelt kurz beraten – ohne eine Entscheidung zu fällen –, die Angelegenheit sei noch nicht einmal vor dem Gemeinderat gelandet.

Molitor bekannte auch mehrmals, Verständnis für die Anwohner zu haben ("Bei einer Umbenennung kommen etliche Unannehmlichkeiten auf sie zu") und für "eine ordentliche Bürgerbeteiligung in einer Veranstaltung, zum Beispiel in der Mehrzweckhalle" sorgen zu wollen.

Doch es nutzte nichts, der Frust der Anwohner prasselte auf die Grünen-Liste Stadträte, darunter auch Georg Grüber, Rouven Langensiepe und Alexandra Lorenz, ein: "Das kostet doch alles wieder ein Heidengeld. Das sollte man doch besser für soziale Zwecke ausgeben." Freie-Wähler-Vorsitzender Klaus Hartmann, der selbst in der Straße wohnt, meinte: "Der Straßenname ist doch Teil der deutschen Geschichte. Der Judenhass war damals gang und gäbe. Wie soll es denn weitergehen? Wir haben auch eine Richard-Wagner-Straße!"

Darauf antwortete Kurt Büchler von der Grünen Liste direkt: "Wagner hat die Nazis nicht unterstützt, er war vorher da. Hier reden wir von Hans Pfitzner, einem aktiven Unterstützer der Nazis." Susanne Gebhardt, die seit 1978 hier wohnt und einst eine Physiopraxis hatte, meinte: "Ich hatte einige jüdische Patienten, und die haben sich nicht gescheut, hierherzukommen. Pfitzner gehört nicht zu meinen Lieblingskomponisten, aber diese Seite muss man akzeptieren." Gisela Knauf fand: "Alle Anwohner sind dafür, dass der Name bleibt, alles andere kostet Geld. Habt Ihr Stadträte denn nicht anderes zu tun in dieser Zeit?"

Hilmar Frey, Ex-Bürgergemeinschaft und selbst Anwohner, meinte zwar: "Heute würde man Hans Pfitzner nicht mehr mit einer Straße ehren." Aber dann teilte er heftig gegen die Grünen aus: "Ich habe nicht das Gefühl, dass jemand mit uns redet. Aber von euch kommt die Lösung, die wir abnicken sollen. Ich hätte mir gewünscht, dass man im Vorfeld mit uns darüber spricht." Diesen Vorwurf machten auch andere Anwohner: "Das wurde in Geheimsitzungen bekakelt", oder: "Es wurde über uns gesprochen, nicht mit uns!" Und überhaupt, so fragte Renate Holz: Welches Taxi, welcher Krankenwagen soll dann die umbenannte Straße noch finden?

Und dann wurde er endlich ausgesprochen: Der Vorschlag der Anwohner, alles beim Alten zu belassen und eine Erklärtafel aufzuhängen. So sagte Alt-Stadtrat Peter Seubert: "Man sollte den Namen als Mahnung stehenlassen. Das ist die beste Lösung, alles andere ist zu viel Aufwand." Das sieht auch Siegfried Gebhardt so – und verwies auf Wien, wo das ebenso gehandhabt wurde. Schließlich berichtete Karl Heinz Eckardt von der Petition ans Rathaus: "Die Anwohner haben mehrheitlich dafür votiert, den Straßennamen beizubehalten."

Nur einige wenige konnten sich doch einen anderen Namen vorstellen: "Wieso nicht ein Tier oder eine Pflanze", fragte eine Anwohnerin, und Ursula Kropp meint: "Ich wäre für einen Frauennamen. Aber ich stehe da wohl ziemlich einsam da."

"Ich habe nicht das Gefühl, dass jemand mit uns redet"

Ursula Thiels, die bei der Grünen Liste mit diesem Thema am besten auskennt und auch erste Ideen für eine Umbenennung gesammelt hatte, versuchte, den Unmut zu zerstreuen: Der alte Straßenname sei noch zwei Jahre in den Navigationssystemen hinterlegt, insofern sei "gesichert, dass Sie gefunden werden". Sie und auch die Anwohner "sind uns einig: Hans Pfitzner war eine schwierige Person". Insofern sei "eine Erklärtafel das Mindeste", allerdings hätten sich die meisten Städte nach wissenschaftlichen Gutachten entschlossen, deren Hans-Pfitzner-Straßen umzubenennen.

Unterdessen schalteten sich weitere Stadträte ein: Christiane Haase (CDU) warf der Grünen Liste vor, mit den dem Vor-Ort-Termin und Umbenennungsvorschlägen "den zweiten Schritt vor dem ersten zu machen". Denn die Kommunalpolitik wie die Stadtverwaltung seien noch gar nicht so weit, man wolle erst eine gemeinsame Linie finden. Das bestätigte Gabriele Mohr-Nassauer: "Da wird behauptet, dass schon etwas entscheiden wurde, dabei gibt es noch keinen Antrag. Natürlich wollen wir alle Anwohner mitnehmen." Und sie sah, dass das Thema jetzt doch wieder parteipolitisch aufgeladen werde. Petitionsinitiator Eckardt fand, die Grüne Liste sei der falsche Ansprechpartner: "Wir bevorzugen es, mit der Stadt zu verhandeln, nicht mit jeder Partei einzeln." Wolf verteidigte das Vorgehen der Grünen Liste und gab nach der heftigen Diskussion zu: "Welche emotionale Bindung viele an einen Straßennamen haben, habe ich unterschätzt."

Hintergrund: Schriesheim. (hö) Mit einer Petition wenden sich insgesamt 65 Bewohner der Hans-Pfitzner-Straße an die Stadtverwaltung. Damit haben mehr als die Hälfte der insgesamt 126 Bewohner unterschrieben, da sich in der Unterschriftenliste nur wahlberechtigte Bürger (also keine Kinder und Jugendlichen) eintragen konnten.

Das ist der Wortlaut der Petition:

"Erst und dank der aktuellen Veröffentlichungen erlangte der wohl größte Teil der Bürgerschaft Kenntnis von der geschichtlichen Problematik des Namensgebers. Ein Großteil der unmittelbar betroffenen Anwohner lebt bislang ,unbelastet’, viele sogar seit über 40 Jahren, in ihrer Straße.

Zweifelsohne teilen die nachfolgend gelisteten Anwohner auf keinen Fall die bereits öffentlich publizierte antisemitische Haltung Pfitzners und distanzieren sich von dessen fremdenfeindlichen Schriften beziehungsweise Aufrufen. Wir vertreten aber auch die Auffassung, das Wirken und Schaffen von Personen der Zeitgeschichte stets im Kontext der jeweiligen Zeit zu bewerten (...).

Ein voreiliges Streben einiger kommunaler Stadträte nach einer Umbenennung des Straßenzugs unter dem öffentlichen Aufzeigen von Ersatzkandidaten/-innen ohne den Einbezug der betroffenen Anwohnerschaft empfinden wir dabei besonders verwerflich.

Wir, die Anwohner, befürworten daher, den Namen Hans-Pfitzner-Straße trotz Kenntnis seiner Ansichten beizubehalten und stattdessen für eine aktive Aufklärung des Straßennamensgebers in Form einer Zusatztafel, gemäß dem Wiener Modell, zu werben, um so in einem Akt der sicherlich erforderlichen Aufklärung beizutragen.

Eine Straßenumbenennung ist für die Anwohner nicht folgenlos. Die Konsequenzen können faktischer und mittelbar rechtlicher Art sein. Tatsächliche Folgen sind die Anschaffung neuer Briefbögen und Briefumschläge mit aufgedruckter Wohnanschrift und der Austausch der Visitenkarten. Auch die Mittelung der Adressänderung im privaten Bereich (zum Beispiel gegenüber Familienangehörigen, Freunden und Bekannten) und im geschäftlichen beziehungsweise beruflichen Verkehr (zum Beispiel gegenüber Arbeitgeber, Banken und Versicherungen) sowie gegenüber Behörden (zum Beispiel Finanzamt, Besoldungs- und Versorgungsamt) zählen dazu. Diese und weitere tatsächliche Folgen einer Straßenumbenennung erfordern nicht nur einen gewissen Zeitaufwand, sondern verursachen auch Kosten (...).

Sollte sich dennoch der Gemeinderat der Stadt Schriesheim für eine Namensänderung aussprechen, fordern wir Anwohner sowohl die Übernahme der entstehenden Kosten durch die Stadtverwaltung als auch eine unkompliziertere Form der einhergehenden Änderungen.

Die Anwohner der Hans-Pfitzner-Straße"

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung