01.03.2022

"Putin hat mich zum Ukrainer gemacht"

Der Schriesheimer Michail Vasylchenko leidet am Krieg in seiner alten Heimat, in der seine Familie lebt. Die Stimmung dort ist kämpferisch.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Nein, Michail Vasylchenko will sich von Putin nicht befreien lassen. Dabei stammt er aus dem russisch geprägten Teil der Ukraine: Er wuchs auf in Charkiw, mit 1,5 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes, und sprach dort nur Russisch – wie alle in seiner Familie (und eigentlich ganz Charkiw). Und doch fühlt er sich als Ukrainer – auch wenn er seit fast 30 Jahren in Deutschland lebt und seit 1998 eingebürgert ist. Über seine Identität machte er sich lange nicht so viele Gedanken, da waren andere Dinge wichtiger: das Studium in Heidelberg, die Familiengründung in Schriesheim.

Doch dann kamen Putin und seine Aggressionen gegen die Ukrainer, in gewisser Weise hat der russische Autokrat Vasylchenko erst zu einem Ukrainer gemacht. Und jetzt erst recht. Denn seine Verwandten und Freunde, die in Charkiw, Kiew oder Sumy leben, sind mitten im Kriegsgebiet. War es zunächst noch halbwegs ruhig, so sitzen seit Freitag einige im Schutzbunker, in Sumy, unweit der russischen Grenze, wo seine Cousine lebt, toben Straßenkämpfe – Videos davon hat Vasylchenko auf seinem Handy. Sein 73-jähriger Vater, der nah am Charkiwer Zentrum wohnt, berichtete ihm, dass ab Donnerstag, 5 Uhr, die ersten Explosionen zu hören waren, über das Haus zischten die zwei Geschosse. Mit einer konkreten Gefahr für seinen Vater rechnet Vasylchenko nicht, er wohnt in einem kleinen Haus, und doch wäre es für seinen Vater eine halbe Stunde Fußweg zum nächsten Bunker. Zwar gab es an jenem Tag lange Schlangen an den Geldautomaten, und auch die Supermarktregale leerten sich, doch es gab keine Panik: "In ganz Charkiw ist kein einziger Fall von Plünderungen bekannt." Er ist sich sicher: "Die Gemeinschaft ist so stark wie nie."

Und die Stimmung, besonders bei seinem Cousin in Kiew, ist durchaus kämpferisch, er will sogar zur Waffe greifen – auch wenn er selbst als Rekrut ernsthaft verletzt wurde. Damit ist sein Cousin nicht allein, Vasylchenko berichtet von "langen Schlangen Freiwilliger", die zur Armee wollen. Insofern rechnet er mit einem langen Krieg, denn die Ukrainer, auch die Russischsprachigen, wollen sich nicht besetzen lassen. Auch die Armee sei nicht so kraftlos wie noch zu Zeiten der Krim-Invasion vor knapp acht Jahren. Dass die russische Armee mittlerweile auch Wohnhäuser beschießt, deutet Vasylchenko so: "Die Blitzkrieg-Strategie Putins ist gescheitert, jetzt erhöht er seinen Einsatz."

Während die Ukraine im Inneren einig wie selten ist ("Das hat Putin schon mal erreicht"), treibt die Kreml-Politik schon einen Keil in die Familien. Da zu Sowjetzeiten die ukrainisch-russische Grenze keine Bedeutung hatte, gibt es viele Bande zur anderen Seite. Und diejenigen, die in Russland leben und nur die Staatspropaganda kennen, verstehen nicht, was ihre ukrainischen Verwandten gerade umtreibt und wieso sie sich als angebliche Russen so europäisch fühlen. Allerdings, so berichtet Vasylchenko, stehen nicht alle Russen hinter dem Krieg: Ein Studienfreund aus Sankt Petersburg konnte es sich nicht vorstellen, dass Putin doch ernst macht, und meinte: "Betet, dass es schnell vorbei ist!"

Das Unheil hat Vasylchenko schon früh heraufziehen sehen: "Was Putin nicht akzeptieren kann: Die Mehrheit der Ukrainer hat sich längst entschieden für Europa." Er selbst schickte neulich noch Päckchen in die alte Heimat, dort legten "alle, die ich kenne", Vorräte an. Und doch hoffte sein Vater bis zuletzt. Denn gerade die Ostukraine ist eine geschundene Region, sie gehört zu dem Teil Osteuropas, den der amerikanische Historiker Timothy D. Snyder einmal "Bloodlands" ("Blutländer") nannte: erst Stalins Terror und die bewusst herbeigeführte Hungersnot ("Holodomor" genannt) der dreißiger Jahre, dann der deutsche Überfall auf die Sowjetunion mit dem Holocaust, und nach dem Krieg Zwangsumsiedlungen. Vasylchenkos Heimatstadt Charkiw ("War früher wichtiger als Kiew") wurde im Krieg fast vollständig zerstört, es dauerte lange, bis sie sich einigermaßen berappelte. Auch in seiner Familie gab es Opfer im Krieg, allerdings keine Ressentiments gegen die Deutschen. In den späten Jahren der Sowjetunion unter Gorbatschow, in denen Vasylchenko aufwuchs, war das kein Thema: Der sprachbegabte Jugendliche gehörte zu den ersten, die 1988 für einen Jugendaustausch nach Deutschland kamen, nach Offenbach. Zu seiner damaligen Gastfamilie hat er immer noch Kontakt. Schließlich kam der heute 49-Jährige nach Heidelberg, um Übersetzen und Dolmetschen zu studieren. Und blieb.

Heute arbeitet er in einer Softwarefirma, hat ein Reihenhäuschen im "Solaris", wo er mit seiner Frau und seinen achtjährigen Zwillingen wohnt. In Schriesheim engagiert er sich bei der Aktion "Miteinander – Füreinander", die Kindern aus ärmeren Familien zu einer anständigen Schulausstattung verhilft. Eigentlich ein sorgenfreies Leben als mustergültig Integrierter – bis eben auf den Umstand, dass ihn der Krieg in seiner alten Heimat umtreibt.

Er hofft weiter "auf die Hilfe der zivilisierten Welt". Und wie soll die aussehen? "50.000 Helme, kugelsichere Westen und Verbandszeug." Denn daran fehlt es der Armee – zumal die Deutschen ja keine Waffen liefern wollen. Was Vasylchenko selbst nicht versteht: "Deutsche Waffen haben ja auch Kurden getötet." Eigentlich erwartet er wenig von Sanktionen gegen Russland: "Das ist ein Witz, die Russen werden dann Ersatz finden." Allerdings ändert sich jetzt seine Meinung: Man sollte den Aggressor vom internationalen Zahlungsverkehr ausschließen. Und er hofft, dass die Deutschen das Land nicht ganz vergessen. Denn immer, wenn es um die Vergangenheit gehe, "denkt niemand an die Ukraine".

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung