02.03.2022

Von "Juts" zu "Push": Das ist die Geschichte der Jugendarbeit in Schriesheim

Eine Generation kämpfte, die nächste profitierte. Die RNZ blickte mit Bernd Molitor auf Geschichte der Jugendarbeit in Schriesheim zurück.

Von Caja Plaga

Schriesheim. Die Geschichte der Jugendarbeit in Schriesheim hat erst zwei Kapitel: Auf ein erstes Jugendzentrum in der Altstadt folgte das "Push"-Gelände. Bernd Molitor war fast von Anfang an dabei und blickt auf die Entwicklung zurück.

Molitor war zwischen 1998 und 2008 in der Jugendarbeit in Schriesheim aktiv, mit 14 Jahren hat er angefangen, sich zu engagieren. Eine Gruppe von jungen Leuten, die etwas älter als er waren, hatte zuvor zum Beispiel mit Plakaten versucht, Jugendarbeit in Schriesheim zum Thema zu machen. "Sie haben sich jahrelang ins Zeug gelegt", sagt Molitor. Nur so sei es zum ersten Jugendzentrum gekommen. 1996 wurden Räume im Haus der Volkshochschule an die Jugend übergeben. Daraus entstand das erste Jugendzentrum, genannt "Juts".

Vor 1996 habe es keine städtischen Räume für Jugendliche gegeben. Das "Juts" war als Verein organisiert. Das Hauptangebot war der "Offene Treff": Dienstags, donnerstags und sonntags hatte das "Juts" von 17 bis 22 Uhr geöffnet. Der große Vorteil sei gewesen, dass sich Jugendliche treffen konnten, ohne etwas konsumieren zu müssen. Die Räume seien mit einem Tischkicker, einem Flipper und einem Computer zum Musik abspielen ausgestattet gewesen. "Das war gar nicht mal so viel, es hat aber gereicht", sagt Molitor. An den Wochenenden habe es hin und wieder besondere Veranstaltungen gegeben. Molitor nennt Filmabende, Hörspielnächte und Konzerte als Beispiele.

Außerdem wurde das "Juts" für private Feiern von Mitgliedern genutzt, etwa Geburtstagspartys. Das Jugendzentrum hätte junge Leute zwischen 14 und 25 Jahren angezogen, sowohl aus Schriesheim als auch aus der näheren Umgebung. Das "Juts" habe – wie alle Vereine, die Jugendarbeit betreiben – jedes Jahr einen Zuschuss von der Stadt bekommen. "Das müssten so 2500 bis 3000 Euro gewesen sein", schätzt Molitor. Das Geld hätte die Nebenkosten gedeckt, also Strom und Wasser. Außerdem stellte die Stadt die Räume mietfrei zur Verfügung.

Eine Gruppe von ungefähr 15 Leuten sei regelmäßig bei der Organisation aktiv gewesen. Vor allem Bernd Molitor und seine Generation hätten Verantwortung übernommen, denn die Gründer waren schon fast zu alt für das "Juts", als es endlich da war. Das sei aber gerade so besonders an der Jugendarbeit in Schriesheim: Eine Generation kämpft für etwas und baut etwas auf, wovon dann die nächstjüngere Generation profitiert. Das liege daran, dass die Jugendarbeit keine besonders lange Tradition habe in der Weinstadt: "Das war ein Versäumnis der Stadt. Die ,Kiste’ in Ladenburg gibt es zum Beispiel schon seit Jahrzehnten", sagt Molitor: "Ich glaube, von 2003 an gab es eine halbe Stelle für die erste Sozialarbeiterin in Schriesheim." Deren primäre Aufgabe sei es aber nicht gewesen, sich ums "Juts" zu kümmern. Somit seien er und die anderen Jugendlichen häufig auf sich allein gestellt gewesen.

Sich mit 15 oder 16 Jahren vor der Stadt zu rechtfertigen, sei manchmal schwer gewesen. Gelegentlich habe man sich auch überfordert gefühlt, vor allem wenn zu Partys Jugendliche kamen, die in anderen Jugendzentren Hausverbot hatten und es dann Streit gab. Es sei eben alles selbst organisiert und laienhaft betreut gewesen. Trotzdem sei es eine tolle Zeit gewesen, an die sich Bernd Molitor gern erinnert.

Die Nutzung des Push-Geländes, das mittlerweile Zentrum der Jugendarbeit in Schriesheim ist, habe witzig und spontan begonnen. Die Verwaltung habe das Gelände 2003 für die Jugend eingeplant. Diese könne daraus machen, was sie wolle, lautete die Botschaft. Dies habe man in der Zeitung gelesen und daraufhin sofort den damaligen Bürgermeister Peter Riehl kontaktiert, um ihm zu sagen, dass am Abend ein Konzert dort stattfinden soll.

Riehl habe sein "Okay" gegeben, und so hätten die Jugendlichen rasch eine Band eingeladen, einen Stromgenerator organisiert und Getränke gekauft – schon konnte das erste Konzert auf dem damals noch verwilderten Gelände stattfinden. Der "Push"-Verein habe sich anschließend gegründet, um das Gelände richtig zugänglich zu machen: Das marode Gebäude musste renoviert, viel Gestrüpp gerodet werden. Das erste richtig große Konzert habe man 2004 gemeinsam mit der Jungen Union und den Jusos organisiert. Für ein paar Jahre existierten das "Push" und das "Juts" nebeneinander. 2008 löste sich das "Juts" dann aber auf, weil das "Push"-Gelände endgültig einsatzbereit war.

Dieser Wechsel brachte einen großen Vorteil: weniger Ärger mit der Nachbarschaft. Das "Juts" im Stadtzentrum habe mit lauten Partys häufiger die Nerven der Anwohner strapaziert. "Mitten in der Stadt kann ein Jugendzentrum auch zu Problemen führen", berichtet Bernd Molitor. Er betont aber, dass man immer in engem Austausch mit den Nachbarn stand und nach Lösungen gesucht habe. Mit dem Übergang zum "Push" habe wieder ein Generationenwechsel stattgefunden, Molitor zog sich nach und nach zurück.

In seinem weiteren Werdegang sehe er aber deutlich den Einfluss dieser Jahre, sagt Bernd Molitor. Er ist heute Stadtrat. 1999 war er schon Mitglied im Jugendrat, dieser sollte eine Satzung für den späteren Jugendgemeinderat erarbeiten. Es waren Vertreter aller Vereine im Jugendrat, Bernd Molitor war für das "Juts" dort. Später war er auch im Jugendgemeinderat engagiert.

Hauptberuflich arbeitet er in seiner Firma für Veranstaltungstechnik, der "henhouse music GmbH". Auch an dieser Stelle haben ihn die vielen Konzerte im Jugendzentrum geprägt. "Es kam irgendwie eins zum anderen", sagt er schmunzelnd.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung