15.03.2022

Fadime Tuncer: "Bodenständig bleiben, nicht abheben"

Die neue Grünen-Landtagsabgeordnete über ihren Start in Stuttgart, Flüchtlinge und was sie von Uli Sckerl gelernt hat.

Von Alexander Albrecht

Bergstraße-Neckar. Die verlorene Bürgermeisterwahl in Schriesheim, der Tod ihres Freundes und Arbeitgebers Uli Sckerl – und plötzlich Landtagsabgeordnete. Fadime Tuncer (Grüne; 53) hat bewegende Wochen und Monate hinter und vor sich.

Frau Tuncer, beim letzten Gespräch mit der RNZ vor zwei Wochen fühlte sich der Einzug in den Landtag für Sie wie der Sprung ins kalte Wasser an. Wie waren denn die ersten Meter?
Ich habe ein bisschen Schonfrist und bin noch dabei, mich zu organisieren, mein Büro einzurichten, Mitarbeiter für den Wahlkreis und im Landtag zu finden. Es waren in Stuttgart bisher immer sehr lange Tage, die mich sehr gefordert haben. Aber ich fand es auch sehr spannend, Eindrücke zu bekommen, die mir vorher so nicht bekannt waren.

Ein Beispiel bitte.
Die schnellen Absprache auf kurzen Wegen außerhalb des Plenarsaals.

Haben Sie im Landtag so etwas wie einen Crash-Kurs bekommen?
Das nicht, ich habe aber im Vorfeld bereits ein Gespräch mit Fraktionschef Andreas Schwarz geführt. Und da hat er mir im Schnelldurchgang ganz viele Informationen gegeben, die ich für die weitere Arbeit brauche. Viele Kolleginnen und Kollegen haben mir auch ihre Unterstützung angeboten. Ansonsten heißt es allerdings auch ein bisschen Learning by doing.

Wie waren denn Ihre ersten Landtagssitzungen am Mittwoch und Donnerstag?
Es war interessant, dass man ja jetzt plötzlich nicht mehr den Blick von außen hat, sondern mittendrin sitzt. Ein Gefühl der Demut, des Respekts und der Hochachtung vor dieser Arbeit. Ich habe es erst einmal auf mich einwirken lassen. Beobachtet und geschaut, wie die Abläufe sind.

In welchen Ausschüssen sind Sie vertreten?
Im Innenausschuss, im Ständigen Ausschuss, in dem die Migration angesiedelt ist, und im Sozialausschuss, wo es viel um Integration geht.

Könnte die Integration das Thema sein, das Sie am meisten beschäftigt?
Ja klar, das hat mich natürlich geprägt. Integration ist ein wichtiger Prozess, um den Menschen, die hier ankommen, Teilhabe zu ermöglichen und die Gesellschaft zu bereichern. Da ist noch viel Handlungsbedarf.

Wie meinen Sie das?
Wir sind auf den Flüchtlingsstrom besser vorbereitet als 2015 und machen die Fehler von damals nicht mehr. Es gibt schon Strukturen, auf die wir zugreifen können. Und die müssen jetzt weiterentwickelt werden, also das Ankommen, die Integrations- und Sprachkurse, die Flüchtlingsarbeitsgruppen in den Gemeinden. Da wurde bereits viel vom Land geschaffen. Wir haben im Landtag am Donnerstag die Enquete-Kommission "Krisenhafte Gesellschaft" beschlossen. Dabei geht es darum, dass wir zum Beispiel aus der Pandemie lernen und schauen, wo wir besser werden können.

Wie sehen Sie Ihren Wahlkreis, die Netzwerke und Einrichtungen, auf die Flüchtlinge vorbereitet?
Die Netzwerke funktionieren schon sehr gut. Es haben sich viele gemeldet, die dolmetschen, das war 2015 nicht so. Es werden Wohnungen zur Verfügung gestellt oder angeboten, die Koordination läuft über die Rathäuser. Da rücken Menschen zusammen und bieten ein Zimmer an. Das ist etwas Neues.

Glauben Sie, dass sich diese positive Stimmung halten lässt?
Wir müssen den Menschen, die diese Hilfsbereitschaft zeigen und Wohnraum zur Verfügung stellen, sagen, dass das nicht etwas ist, was in zwei, drei Wochen vorbei ist, sondern sie sich bewusst werden müssen, dass das etwas Langfristiges sein könnte. Und die aufgenommene Person oder eine Familie nach sechs Monaten vielleicht noch nicht zurückkann. Wenn wir die Menschen darauf vorbereiten, werden Solidarität und Akzeptanz nicht so schnell kippen.

Im Innenausschuss dominieren Sicherheitsthemen. Gibt es da etwas, das Ihnen Sorgen macht?
Wir sehen ja durch den Kriegsausbruch, dass wir uns nicht mehr in Sicherheit wiegen können und wie sehr wir von Ressourcen abhängig sind. Das hat mich sehr erschüttert. Wir müssen sehr viel tun, um unsere Polizei zu schützen, dass sich der Respekt vor den Beamten wieder erhöht. Und dass auch die Feuerwehr oder die Beschäftigten im Gesundheitswesen mehr Anerkennung bekommen. Und wir müssen wachsamer sein für Angriffe auf unsere Lebensart und unsere Freiheiten.

Wird es Ihnen mulmig, wenn Sie die steigenden Energiekosten sehen?
Natürlich. Das zeigt, wie abhängig wir sind. Wir müssen weg von Öl, Gas und Kohle. Zum Beispiel wollen wir, dass mehr Menschen öffentliche Verkehrsmittel nutzen oder aufs Fahrrad steigen, aber es gibt immer noch viele, die auf das Auto angewiesen sind, weil die Verkehrsanbindung nicht optimal ist. Diese Menschen dürfen nicht abgehängt werden.

Es gibt also viel zu tun im Land. Glauben Sie, dass da perspektivisch noch Zeit bleibt, Erste Bürgermeister-Stellvertreterin in Schriesheim zu sein?
Ich muss mich mit Bürgermeister Christoph Oeldorf und dem Zweiten Stellvertreter Michael Mittelstädt zusammensetzen und besprechen, wie wir künftig mit Terminen umgehen. Wenn es zeitlich passt, würde ich natürlich schon gerne eine Vertretung machen.

Wie leicht oder schwer fällt Ihnen der Umgang mit Oeldorf, dem Sie ja bei der Bürgermeisterwahl unterlagen?
Der Umgang ist sehr gut. Gerade bei den Sammelaktionen für die Ukraine hat er sich sehr kooperativ gezeigt. Es ist ein guter Austausch. Wir hatten einen fairen Wahlkampf, und das führt dazu, dass wir uns auch jetzt noch in die Augen schauen können. Das ist viel wert. Ich bin nicht nachtragend und akzeptiere das Ergebnis. Und ich habe Herrn Oeldorf ja auch als Amtsverweser eingewiesen.

In Schriesheim kennt man Sie natürlich – wie gehen Sie die Arbeit als Landtagsabgeordnete in den anderen Wahlkreiskommunen an?
Ich beginne ab April meine Antrittsbesuche, viele Bürgermeister und die Probleme in den Kommunen kenne ich schon.

Für welche lokalen Themen wollen Sie sich in Stuttgart einsetzen?
In Hemsbach für eine Sonderförderung des Schulneubaus. In Schriesheim für den Ausbau des Radwegenetzes nach Altenbach. Für Letzteres ist der Rhein-Neckar-Kreis verantwortlich, aber man muss schauen, ob es da noch einen Landeszuschuss geben kann. Überregional will ich mich mit den Abgeordneten bei den Neubaustrecken Frankfurt-Mannheim-Karlsruhe austauschen. Da könnte zum Beispiel Heddesheim betroffen sein.

Das Problem ist: Jeder will die Strecke, aber wegen des Lärms der Güterzüge niemand bei sich.
Es müssen auf jeden Fall Lärmschutzmaßnahmen ergriffen werden. Lärm ist heute schon das große Thema bei den Anwohnern entlang der B 3.

Und Corona?
Da kommen jetzt die ersten Anfragen, wie es etwa mit den Sommertagszügen ausschaut. Damit werde ich mich in den nächsten Tagen befassen und nachfragen, unter welchen Bedingungen sie stattfinden können.

Was haben Sie von Uli Sckerl gelernt, das Sie sich für Ihre politische Arbeit bewahren wollen?
Bodenständig bleiben, nicht abheben. Und Ansprechpartnerin sein für Kommunen, die ja oft das umsetzen müssen, was an anderer Stelle beschlossen wurde.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung