23.03.2022

Warum ein traditionsreiches Altenheim schließen muss

Die Heimaufsicht verlangt das Aus des "Edelstein" in Schriesheim zum 30. April.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Das Seniorenheim "Edelstein" hat schon bessere Tage gesehen. Wer die Talstraße in Richtung Odenwald fährt, erkennt zwar noch vage den Glanz früherer Zeiten, als das Haus mal ein Kurhotel war. Doch schon 1925 kaufte der Evangelische Verein für innere Mission Augsburgischen Bekenntnisses das Areal, machte zunächst ein Jugendheim und später ein Altenheim daraus. Mittlerweile sind auch die Anbauten aus den sechziger Jahren völlig marode – von der Elektrik über die Wasserleitungen bis hin zum Dach. Und auch die alten Mehrbettzimmer darf es nicht mehr geben, die Landesheimbauverordnung verlangt seit 2019 Einbettzimmer.

Das weiß natürlich auch der jetzige Betreiber Hubertus Seidler, Geschäftsführer der Bühler Firma SWB; er plante – bisher erfolglos – einen Neubau, mal am alten Standort, mal auf dem Gelände eines ehemaligen Autohauses am Rande der Schriesheimer Innenstadt, direkt an der B 3. Und solange es für einen Neubau eine halbwegs realistische Chance gab, verlängerte ihm die Heimaufsicht stets die Betriebsgenehmigung fürs "Edelstein".

Doch nun verlor offenbar die Behörde die Geduld und verlangte die Schließung zum 30. April – auch wenn Seidler dagegen Widerspruch einlegen will. Das Aus betrifft besonders die 30 Bewohner, die meist aus Schriesheim stammen, und auch die 40-köpfige Belegschaft, die aber angesichts des Fachkräftemangels woanders wohl schnell unterkommen wird. Für die Bewohner wird das schwieriger, denn Seidler muss in fünf Wochen für sie andere Plätze besorgen – was an der Bergstraße nicht einfach wird.

Die andere große Senioreneinrichtung, das Haus "Stammberg", knapp zwei Kilometer weiter Richtung Wilhelmsfeld gelegen, kann nicht alle heimatlos Gewordenen aufnehmen, wie dessen Leiter Michael Meisel auf RNZ-Anfrage erklärte. Und mehr noch: Seit Bekanntwerden der "Edelstein"-Schließung hätten ihn noch keine Anfragen erreicht – sei es von Seidler, sei es von den Angehörigen selbst. Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass das "Stammberg" deutlich teurer ist als das "Edelstein": Hier kommt der Eigenanteil bei der Pflegestufe 1 pro Monat auf 2910,92 Euro (statt 2051,55 Euro) – Schriesheim verliert nicht nur ein traditionsreiches Pflegeheim, sondern auch ein günstiges.

Dabei wäre Bedarf in der Stadt da. Denn auf dem Gelände des besagten Autohauses an der B 3 plant der Mannheimer Baukonzern Diringer & Scheidel einen Gebäudekomplex mit Betreutem Wohnen und Pflege, nachdem der Besitzer des Grundstücks, die Schriesheimer Kommunalpolitik wie auch die Stadtverwaltung das Vertrauen in Seidler verloren hatten. Denn der Unternehmer aus dem mittelbadischen Bühl gilt als recht eigensinnig und etwas hemdsärmelig. So kommentierte er die Entscheidung der Heimaufsicht mit den Worten: "Man will uns den Garaus machen."

Eigensinn, vielleicht auch Mut, beweist eine weitere Idee Seidlers: Er will aus möglichst allen seiner 20 Seniorenheime Unterkünfte für ukrainische Kriegsflüchtlinge machen, auch in Schriesheim. Doch das verweigerte ihm das Landratsamt des Rhein-Neckar-Kreises: "Der Betrieb einer Altenpflegeeinrichtung ist mit der Einhaltung hoher hygienischer Standards verbunden, und auch von daher ist eine zusätzliche Unterbringung zum Beispiel von Frauen und kleinen Kindern aus der Ukraine undenkbar" – schon gar nicht in Pandemiezeiten. Seidler keilte zurück: "Ausgerechnet jetzt in dieser für Europa kritischen Situation die behördlichen Fallstricke auszuwerfen, ist kleinkariert, weltfremd und ignorant. Das ist ein Schlag ins Gesicht der Kriegsflüchtlinge, die wir in Schriesheim hätten aufnehmen können."

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung