24.03.2022

Noch spürt man die Krise nicht, aber sie kommt

Noch spürt man die Krise nicht, aber sie kommt

Thomas Rufer, Vorsitzender des Kirchengemeinderates, war am Sonntag der Herr der Zahlen. Foto: Dorn
Bei der Versammlung der evangelischen Gemeinde gab Thomas Rufer einen Ausblick bis 2050: Sind drei Kirchen an der Bergstraße zu halten?

Von Max Rieser

Schriesheim. Es war eine kurze und knappe Gemeindeversammlung der evangelischen Kirchengemeinde am Sonntag. Und das, obwohl existenzielle Fragen behandelt wurden. Der Vorsitzende des Kirchengemeinderates, Thomas Rufer, sprach nämlich in einer knappen halben Stunde nicht nur über den Jahresabschluss für 2020 und das laufende und nächste Jahr, sondern auch über den Strategieprozess der Landeskirche. Und der sieht einigermaßen düster aus, denn die Kirche rechne laut Rufer, der auch als Landessynodaler in Karlsruhe tätig ist, bis 2032 mit einem Drittel weniger Einnahmen, bis 2050 sogar nur noch mit der Hälfte.

Aktuell sei das noch nicht spürbar, erklärte Rufer. Das habe vor allem mit den steigenden Einkommen der Babyboomer-Generation zu tun, welche die Austritte durch ihre Kirchensteuer kompensieren könnten. Das würde aber nicht ewig so weitergehen, und die nachrückenden Generationen würden größtenteils mit dem Credo leben: "Steuern sind schlecht und Kirchensteuern noch schlechter." Aus diesem Grund plane die Landeskirche, die Unterstützung von Gebäuden sukzessive einzustellen. Ein Drittel weniger Einnahmen bedeute zudem ein Drittel weniger bezuschusste Gebäude und ein Drittel weniger Pfarrer und Diakone: "Rein rechnerisch heißt das, dass eine der drei Kirchen in Leutershausen, Schriesheim oder Dossenheim nicht mehr unterstützt werden wird." Faktisch bedeute das die Schließung, denn die Ausgaben seien enorm und könnten von den Gemeinden wahrscheinlich nicht selbst aufgebracht werden.

Dieser Umstand beschäftigte auch die meisten Fragen, die im Anschluss an die Präsentation des Kirchengemeinderatsvorsitzenden gestellt werden konnten. So wollte jemand wissen, wer entscheide, welche Kirche bestehen bliebe und welche schließen müsse und ob man dem entgegenwirken könne. Die Entscheidung liege bei der Landeskirche und beim Bezirkskirchenrat, erläuterte Rufer. Diese Instanzen würden schauen, wie aktiv die Gemeinde ist und mit welchen Mitteln welche Außenwirkung erzielt werden würde.

Als Mitglied in der Landeskirche könne er aber keine "Lobbyarbeit" für Schriesheim machen, sondern müsse mitentscheiden, was das Beste für den ganzen Kirchenbezirk sei. Ein anderer wollte wissen, ob es auch möglich sei, dass die Landeskirche sehe, dass die Schriesheimer Gemeinde gut dastehe und man deswegen nichts schließen müsse. Rufer sagte, dass niemand kommen und "die Kirchen zuschließen" würde, aber dass die Zuschüsse, die bei den Gebäuden immerhin 70 Prozent betrügen, eingestellt werden würden. Auch eine Pfarrstelle, die die Landeskirche mit der Altersvorsorge der Pfarrer rund 140.000 Euro jährlich kostet, könnte nicht ohne Weiteres von der Gemeinde übernommen werden. Da es aber ohnehin weniger Pfarrer in Ausbildung gebe, könnten viele Stellen in Zukunft nicht mehr besetzt werden. Auch das Gemeindehaus in der Kurpfalzstraße, dass ein Teilnehmer als "stiefmütterlich behandelt" ansah, kam zur Sprache. "Wenn wir Gebäude abgeben müssen, dann das zuerst, weil es wenig genutzt wird", sagte Rufer. Jetzt wolle man es noch behalten, da es bei den "immer weiter steigenden Immobilienpreisen" auch als Wertanlage gesehen werden könne.

Weniger apokalyptisch sah es bei Rufers Haushaltsbericht aus, denn die Finanzen der Schriesheimer Gemeinde können sich sehen lassen. Den Ausgaben von knapp 220.000 Euro standen im Jahr 2020 Einnahmen von fast 370.000 Euro gegenüber. Der größte Teil der Einnahmen, 246.000 Euro, speisten sich aus der Kirchensteuer, während das Personal den größten Posten bei den Ausgaben ausmachte. Geplant waren bei den Ausgaben knapp 30.000 Euro mehr und bei den Einnahmen gut 10.000 Euro weniger. Der Überschuss von 150.000 Euro würde für neue Investitionen, für den Abbau von Schulden und für den Aufbau einer Rücklage genutzt, um die sinkenden Einnahmen in Zukunft abzufedern. Die Gesamtschulden von 50.000 Euro bei der Landeskirche will man in den nächsten drei Jahren beglichen haben. Für die vollständige Tilgung der Darlehen erhielt die Gemeinde einen einmaligen Zuschuss von 225.000 Euro, so Rufer, die ebenfalls dem Aufbau einer Rücklage dienen sollen.

Für den Haushalt für 2022 und 2023 schreibe man die Zahlen aus dem Vorjahr fort, da man sparsam haushalte und sich dieses Vorgehen in den vergangenen Jahren bewährt habe. Größere Investitionen seien nicht geplant, was am guten Zustand der Gebäude liege. Das habe damit zu tun, dass man nichts liegen lasse und nicht zuletzt daran, dass viel von Ehrenamtlichen erledigt würde, wofür sich Rufer bedankte.

Pfarrerin Suse Best sagte später anerkennend zu Rufer: "Er macht das immer alles, als wäre es nichts, aber es ist sehr viel." Und auch Frieder Menges, der die Veranstaltung moderiert hatte, dankte Rufer für sein großes Engagement.

Copyright (c) rnz-online

Noch spürt man die Krise nicht, aber sie kommt-2
Drei sind – vielleicht – eine zu viel: Bis 2050 könnten die evangelischen Kirchen wie hier in Schriesheim zur Disposition stehen. Foto: Dorn

Noch spürt man die Krise nicht, aber sie kommt-3
Auch die evangelische Kirche in Leutershausen ist betroffen. Foto: Dorn

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung