06.04.2022

"Angst ist ein schlechter Ratgeber"

"Angst ist ein schlechter Ratgeber"

Die Klasse 8c mit Bürgermeister Oeldorf (oben, M.) sowie Fadime Tuncer (Grüne, l.) und Sebastian Cuny (SPD, r.). Foto: Dorn
Die Klasse 8c der Kurpfalz-Realschule hatte viele Fragen an Bürgermeister Christoph Oeldorf und zwei Landtagsabgeordnete.

Von Max Rieser

Schriesheim. Wie kommt man eigentlich zur Politik, und wie stehen die Politiker der Stadt zu den konkreten Fragen Schriesheims und auch weit darüber hinaus? Das haben sich die Schüler der Klasse 8 c der Kurpfalz-Realschule im Gemeinschaftskundeunterricht gefragt. Und sie konnten ihre Fragen jetzt auch loswerden. Denn Bürgermeister Christoph Oeldorf sowie die beiden Schriesheimer Stadträte und Landtagsabgeordneten Fadime Tuncer (Grüne Liste) und Sebastian Cuny (SPD) trafen sich mit der Klasse, um einen Einblick in ihre Arbeit und ihre Positionen zu geben.

Ganze 20 Fragen hatte die Klasse mit ihrem Lehrer und Stadtrat der Grünen Liste, Rouven Langensiepe, vorbereitet. Empfangen wurden die Schüler im großen Sitzungssaal des Rathauses, "dem Herzen der Demokratie oder, wie manche sagen, in der guten Stube der Stadt", so der Bürgermeister bei seiner Begrüßung. Oeldorf nutzt auch die Gelegenheit, um den Jugendgemeinderat zu bewerben und die Schüler dafür zu begeistern, selbst an den demokratischen Entscheidungen im Ort mitzuarbeiten: "Dort könnt ihr wirklich etwas bewegen, das hat man an der Pumptrack-Anlage gesehen, die jetzt bald entstehen wird."

Bei den Fragen gingen die Schüler zunächst auf die Biografien und die Lebenssituationen der drei Politiker ein und wollten beispielsweise wissen, ob sie Kinder haben und wie lange sie schon in der Politik sind. Danach bezogen sie sich auf konkrete politische Themen, wobei der Krieg in der Ukraine am Ende der Fragerunde einen großen Platz einnahm. So wollten die Schüler beispielsweise von den Politikern, die sich "erschüttert und fassungslos" über den Krieg zeigten, wissen, ob sie Angst vor Russland haben müssten. "Angst ist ein schlechter Ratgeber", sagte Oeldorf. Er habe zuerst auch Angst gehabt. Jetzt gehe es aber darum, zu verhindern, "dass so etwas noch mal passieren kann."

Tuncer zeigte ebenfalls Verständnis für die Angst und fand: "Frieden und Demokratie sind keine Selbstverständlichkeit, wir müssen für ihren Erhalt kämpfen." Auch Cuny fand es verständlich, dass man Angst habe. Wichtig sei aber der Dialog zwischen den europäischen Staaten, um in Zukunft die Wiederholung einer solchen Eskalation abzuwenden. Den größten Respekt habe er dabei vor jenen, die sogar weiter mit Putin redeten, um eine noch größere Eskalation zu verhindern.

Vor den Fragen zum Krieg ging es um Themen, die die Schülerinnen und Schüler ganz persönlich zu spüren bekommen wie beispielsweise: "Sollten die Coronamaßnahmen an den Schulen aufgehoben werden?" Bei der Beantwortung kam es zu einem kurzen Schlagabtausch zwischen Cuny, dessen Partei im Landtag in der Opposition ist, und Tuncer, die mit den Grünen an der Regierung beteiligt ist. Als Tuncer sagte, dass die Landesregierung die Maßnahmen aufrechterhalten wollte, der Bund durch das Infektionsschutzgesetz aber die gesetzliche Grundlage entzogen habe, widersprach Cuny. Über die Hotspot-Regelung hätte man die Maßnahmen aufrechterhalten können, was er als sinnvoll erachtet hätte – "auch wenn es nervt." Tuncer erwiderte, dass man dann das ganze Bundesland zum Hotspot erklären müsste, was auch nicht zielführend sei. "Und jetzt ich, der es umsetzen muss", war Oeldorf an der Reihe. Die Lockerungen seien vertretbar, aber man müsse nach wie vor vorsichtig sein, sagte er. Solang die Infektionszahlen noch derart hoch seien, gelte auch im Rathaus weiter das Gebot zum Tragen der Maske.

Die Schüler wollten in diesem Zuge auch wissen, was die Politiker von "Querdenkern" halten. "Meinungsvielfalt ja, aber wie man sie umsetzt, ist die Frage", meinte Oeldorf. Er tue sich mit den Demonstrationen schwer. Der Bürgermeister fragte sich, ob man mit der Pandemiebekämpfung nicht schon weiter wäre, wenn alle an einem Strang gezogen und sich an die Maßnahmen gehalten hätten.

Cuny betonte, dass es wichtig sei, für seine Überzeugungen einzustehen. Man dürfe sich aber nicht instrumentalisieren lassen. Da bei den Protesten in Schriesheim auch die AfD dabei sei, sagte er: "Da würde ich nicht mitlaufen." Tuncer fand es wichtig, zu prüfen, ob die Gruppe mit der man laufe, demokratische Werte vertrete. Wenn das nicht der Fall sei, müsse man sich fragen, "ob man da richtig ist".

Aber auch, warum sie sich dazu entschieden hatten, in die Politik zu gehen, wollte die Klasse wissen. Cuny machte den Anfang und erklärte, dass er nach der Ära Kohl das Gefühl hatte, etwas verändern zu müssen: "Es gab damals einen Stillstand, die Politik war immer die gleiche." Dafür trat er 1996 in die SPD ein und wurde 2004 in den Gemeinderat gewählt. In jungen Jahren habe er beim ehemaligen Bürgermeister Peter Riehl die Möglichkeit gehabt, eine Diskussion zu moderieren, an deren Ende der Beschluss zur Gründung des Jugendgemeinderates gestanden habe.

Bei Tuncer war es das Reaktorunglück von Tschernobyl, das sie habe überlegen lassen, wie sie etwas verändern könne. Parteipolitik sei für sie erst später relevant geworden, grundsätzlich ginge es darum, etwas anpacken und verändern zu wollen. Bürgermeister Oeldorf, dessen Vater Bürgermeister von Hirschberg war, berichtete offen: "Ich bin mit Kommunalpolitik aufgewachsen, und als ich klein war, hat mich das genervt." Mit dem Studium der Politik- und Verwaltungswissenschaften habe er aber gemerkt, wie viel Spaß Kommunalpolitik mache, und dass man konkret etwas für die Menschen verbessern könne.

Und was ist der Traum der drei Politiker? "Die Welt ein bisschen besser zu machen", sagte Tuncer. Das heiße zum Beispiel auch herauszufinden, wie man etwas wie den Überfall Russlands auf die Ukraine in Zukunft verhindern könne. Oeldorf fand, man dürfe nicht zu schnell zu viel wollen, sondern: "Man muss jeden Tag etwas verbessern, dann haben wir alle unser Ziel erreicht." Der Sohn deutscher und französischer Eltern, Sebastian Cuny, sagte, dass ihm das europäische Zusammenwachsen wichtig sei, auch gerade wegen des Kriegs.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung