12.04.2022

Wo sich Ukrainer und Schriesheimer treffen

Das "Sprachcafé" im "Mittendrin" ist ein neuer Ort für den Austausch, zum Beispiel für Mariana und ihren Sohn Maksim.

Von Marion Gottlob

Schriesheim. Kaum hatten Christina und Udo Schmitt dem Rathaus ein freies Appartement in Altenbach gemeldet, zog wenige Stunden später die 24 Jahre alte Mariana mit ihrem drei Jahre alten Sohn Maksim ein. Die Ukrainerin hat in ihrer Heimat am College of Technology and Business "Tourismus" studiert und war als Ski- und Reitlehrerin tätig. Sie sagt tapfer: "Ich fühle mich wohl." Nur die Internet-Verbindung könnte besser sein, weil sie täglich mit ihrem Mann und ihren Eltern in der Ukraine telefoniert.

Mariana wie auch das Ehepaar Schmitt gehörten zu den Gästen, die ins Café "Mittendrin" gekommen waren, um im "Sprachcafé" Kontakt zu Ukrainern und Helfern zu finden, wo sie von Pfarrerin Suse Best begrüßt wurden.

Jeden Freitag-Nachmittag gibt es das "Sprachcafé". Im Moment hört man dort vorwiegend Ukrainisch, Deutsch und Russisch. Mit Wörterbüchern, mit Hilfe von Handys mit Übersetzungsapps, aber auch mit Händen und Füssen verständigen sich die Menschen. Ina Koch besuchte das Café nun das erste Mal: "Ich habe in der ehemaligen DDR Russisch gelernt und möchte gerne beim Deutsch-Lernen helfen, damit die Menschen so schnell wie möglich selbstständig werden." Erwin Goethe stammt ursprünglich aus Kirgistan, seine Frau Yana aus der Ukraine. Beide haben sofort Verwandte bei sich aufgenommen. Yanas Heimatort ist zerstört: "Das tut sehr weh. Meine Welt wurde auf den Kopf gestellt." Bekannte aus Russland, die in Deutschland leben, haben ihr gesagt: "Wir sehen die Nachrichten und weinen."

Die "Sprachcafé"-Gäste Tetjana und ihre Tochter Olena sind im März erst nach Polen geflüchtet. Dort trafen sie zufällig auf einen Hilfstransport, den die Schriesheimerin Barbara Günther organisiert hatte. Fahrerin Dagmar Wenger nahm die Flüchtlinge auf die 1400 Kilometer lange Rückfahrt hierher mit. Die Flüchtlingsfrauen sind Näherinnen. Nun lernt Olena über das Handy Deutsch mit Hilfe einer Deutsch-Lehrerin, die noch in der Ukraine ist. Sie möchte Arzthelferin oder Pflegerin lernen. Tetjana hat nur eine Hoffnung: "Sobald der Krieg zu Ende ist, möchte ich nach Hause zu meinem Mann."

Die 35 Jahre alte Iryna hat in ihrer Heimat das Studium für das Lehramt absolviert und später als Designerin für Schuhe gearbeitet. Nun ist sie mit ihrem Sohn Nikita (12) vor fast vier Wochen nach Schriesheim gekommen. Sie sagt: "Ich möchte einen Integrations- und Sprachkurs machen." So war das Interesse für die Tipps von Martina Grohmann vom Bildungsbüro Weinheim zu Integrations- und Sprachkursen groß. Sie kennt die aktuellen Infos, wo man sich zu Kursen anmelden kann und wer die Finanzierung übernimmt (mehr Infos auf Deutsch über die Mobilfunknummer 0157/ 86 31 30 24, auf Ukrainisch unter 0151/ 64 56 32 93).

Best betonte: "Es gibt für Flüchtlinge wie für Bedürftige Gutscheine für das ,Mittendrin’." Sie wies auf das Friedensgebet jeden Freitag um 18 Uhr hin: "Wir beten für den Frieden in der Ukraine und auf der ganzen Welt." Es durfte auch gelacht werden, denn weder auf Russisch noch Ukrainisch gibt es ein Wort für "Pfarrerin", nur für "Pfarrer". Best lachte mit: "Ich stehe als Frau vor Ihnen. In der evangelischen Kirche in Deutschland ist das so!".

Schriesheim hat eine Zuteilungsquote von rund 170 Flüchtlingen, 75 sind schon da. Sozialarbeiterin Helena Weber und Yannick Adler von der Stadt Schriesheim hatten die Bitte: "Wer privat Geflüchtete aufnimmt, sollte Kontakt für die Anmeldung und Registrierung zur Stadtverwaltung aufnehmen" – per E-Mail an: ukraine@schriesheim.de. Landtagsabgeordnete und Bürgermeisterstellvertreterin Fadime Tuncer sagte zu den Flüchtlingen: "Viele Ehrenamtliche und Helfer sind für Sie da."

Info: Das Sprachcafé im "Mittendrin" ist jeden Freitag von 15 bis 18 Uhr geöffnet.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung