28.04.2022

Winzer stellen Produktion auf "Bio" um

Vier Schriesheimer Betriebe wollen einen "enkeltauglichen" Weinbau. Doch das Umstellungsverfahren ist aufwändig und dauert lange.

Von Max Rieser

Schriesheim. Nur ein gesunder Boden bringt einen Spitzenwein hervor. Damit der Boden auch gesund bleibt, muss man ihn entsprechend bewirtschaften. Um auch kommenden Generationen gesunde Böden zu hinterlassen, stellen die Weinbaubetriebe von Wilhelm Müller, Georg Bielig, Max Jäck und Sandra und Michael Merkel aktuell ihre Produktion auf "Bio" um. Das heißt: keine chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel und keine mineralischen Düngemittel mehr.

Das klingt erst mal nach einer argen Umstellung für die vier Winzer, ist aber schon länger ein Prinzip: "Ich benutze schon seit zehn Jahren keine Herbizide mehr, und den Pflanzenschutz mache ich seit vier Jahren komplett öko", berichtet Bielig. Fortbildungen des "Beratungsdienstes ökologischer Weinbau e.V." besuche er seit sechs Jahren, um sich mit der ökologischen Landwirtschaft näher zu befassen. Der Prozess zum Bio-Weinbau sei für ihn daher schleichend gewesen. Lediglich mit der Zertifizierung habe er sich erst mal schwergetan: "Das ist sehr viel Papierkram, da habe ich mich immer vor gedrückt", sagt er und lacht. Seit dem 1. August ist es aber so weit, und die Weingüter von Bielig, Müller, Jäck und Merkel befinden sich offiziell in der Umstellung. Das habe sich angeboten, da die vier auch eine Maschinengemeinschaft haben und somit ohnehin zusammenarbeiten.

Obwohl sie alle auf Öko-Weinbau umstellen, haben sie am Ende andere Siegel auf den Flaschen. Das habe unterschiedliche Gründe: Bielig und Müller lassen sich ihre Betriebe mit dem "Bioland"-Siegel zertifizieren. Der "Bioland"-Verband existiert seit 1971 und vergibt sein Zertifikat nur an landwirtschaftliche Betriebe, die in ihrer Gesamtheit ökologisch wirtschaften. Aus diesem Grund lässt sich Max Jäck von "Ecovin" zertifizieren, da der Obsthof der Familie konventionell anbaut und nur der Weinbau auf Öko-Landwirtschaft umstellt. Familie Merkel erhält am Ende das "EU-Bio"-Siegel, da das Zertifikat des "Bioland"-Verbandes jedes Jahr "richtig Geld kostet", wie Bielig sagt. Das lohne sich für einen kleinen Betrieb wie den der Merkels nicht. Schön bei "Bioland" sei, dass jeder noch so kleine Betrieb ein Stimmrecht habe und durch diese basisdemokratische Verfasstheit alle angehört würden. Das sei auch wichtig, um die Interessen der Winzer nach außen zu vertreten. In der Umstellung, die erst nach der dritten Ernte nach dem Start und somit erst 2024 abgeschlossen ist, gebe es auch regelmäßige Betriebskontrollen: "Da wird beispielsweise geschaut, was wir an Pflanzenschutzmitteln einkaufen", so Bielig.

Auf einen Vermerk, dass man sich in der Umstellung befinde, wollen die Winzer verzichten. Es sei eine Gewissensentscheidung und keine wirtschaftliche, betonen sie: "Wir haben in Schriesheim fruchtbare, mineralische Böden sowie tolle Lagen und Rebsorten", sagt Müller. Das gelte es zu erhalten. Auch in seinem Betrieb finden sich schon lange Merkmale eines ökologischen Wirtschaftens. Bereits 1969 sei er mit seinem Vater auf eine Messe in Belgien gefahren. Dort hätten viele Winzer ihre Rebzeilen begrünt, um den Boden zu lockern, mit Nährstoffen zu versorgen und Insekten ein Zuhause zu bieten. Davon inspiriert, begrünte auch die Familie Müller die Flächen zwischen den Reben: "Dafür wurden wir damals belächelt", erinnert sich Müller. Heute machen es fast alle so. Auch er nutze schon seit "zehn bis zwölf Jahren" keinen Kunstdünger mehr.

Der Bio-Weinbau sei allerdings "nichts für Faulenzer", sagt er grinsend. Pflanzenschutz- und Düngemittel sind nur auf Kupfer- oder Schwefelbasis zugelassen. Diese Mittel seien nicht so effektiv wie ihre chemischen Pendants und müssten viel häufiger ausgebracht werden, erklären die Winzer. Das habe zur Folge, dass man noch genauer hinschaut: "Man muss sich noch mehr auf den Weinberg einstellen und in Kontakt mit der Rebe sein" als ohnehin schon. Dann könne man aber auch mit "Spaß und gutem Gewissen in den Weinberg gehen", findet Merkel.

Es sei ein "Vierklang aus Stein, Pflanze, Tier und Mensch" im Weinberg, und jedes dieser Elemente beeinflusst das andere. Das sei in der Vergangenheit etwas aus dem Bewusstsein der Landwirte geraten, und die Böden seien als reine "Nutzoberfläche" gesehen worden. Dass das aber nicht lange gut gehe und man den Böden auch etwas zurückgeben müsse, sei mittlerweile klar und würde zu einem breiteren Umdenken führen: "Nur ein lebendiger Boden gibt gesunde Trauben", sagt Müller. Merkel und Bielig teilen sich zu diesem Zweck auch einige Ouessant-Schafe, die sie zwischen den Rebstöcken weiden lassen. Diese halten die Weinberge sauber, ohne dass gemäht oder gespritzt werden muss.

Durch die sorgfältige Bewirtschaftung der Weinberge habe sich auch der Ertrag nicht erheblich reduziert, erklären die Weinbauern: "Wir haben in Schriesheim sowieso nicht die höchsten Erträge, und durch die Umstellung sind es höchstens zehn Prozent weniger", was auszuhalten sei, wie Bielig erklärt. Um Verluste zu minimieren, setze man im Anbau auch verstärkt auf sogenannte "Piwis", also pilzwiderständige Rebsorten, die für typische Rebenkrankheiten weniger anfällig sind. Vor allem Bielig setzt auf diese Diversität im Weinberg, um sich vor Ausfällen abzusichern. Aktuell habe er 30 verschiedene Rebsorten in seinen Weinbergen, davon 25 Prozent "Piwis", um zu prüfen, welche am meisten Ertrag bringen und am gesündesten sind.

Eine Preissteigerung für den Verbraucher werde es in Zukunft zwar geben, das habe aber weniger mit der Mehrarbeit durch die Öko-Umstellung zu tun: "Es wird einfach alles teurer", sagen die Winzer. Durch den Krieg in der Ukraine seien die Produktionskapazitäten von Weinflaschen beispielsweise um die Hälfte gesunken, da das Glas für die Herstellung fehle. Der Preis für Aluminium, das vor allem für Deckel und Kapseln der Weinflaschen benötigt wird, sei jetzt doppelt so hoch.

Trotzdem lohne es sich, denn alle wollen ihren Weinberg auch irgendwann "gesund an die Nachkommen übergeben", so Bielig. Das könne auf diesem Weg gelingen. Bielig, Jäck, Merkel und Müller bewirtschaften im Ganzen elf Hektar. Das sind immerhin knapp zehn Prozent der Schriesheimer Weinberge, die in Zukunft gesund und ohne Schadstoffe bearbeitet werden. Auch ein Beitrag zum Klimaschutz.

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung