11.05.2022

Weil die Betrachter genau hinsehen sollen

Weil die Betrachter genau hinsehen sollen

„Debüt als Bürgermeister im Museum“: Christoph Oeldorf (links im Museumseingang) hielt vor etwa 60 Menschen die Laudatio zu der Ausstellung „simple present“, deren Gäste „einfach dabei“ sein sollen. Foto: Dorn
Das Museum Théo Kerg eröffnete die Ausstellung "simple present". Mit Doris Erbacher und Jens Trimpin sind bekannte Künstler zu Gast.

Von Max Rieser

Schriesheim. Feierlich und mit gut 60 Gästen wurde am vergangenen Sonntag die Ausstellung "simple present" im Museum Théo Kerg eröffnet. Bespielt wird die Ausstellung von der bildenden Künstlerin Doris Erbacher und dem Bildhauer Jens Trimpin, die beide ihr Atelier in Mannheim haben. Eröffnet wurde die Ausstellung von Museumsleiter Tom Feritsch, der in seiner Begrüßung sagte, dass er mit so großem Interesse nicht gerechnet habe, dieses aber zeige, wie präsent die beiden Künstler in der Region sind.

Die Objekte und Bilder von Erbacher ähneln sich in ihrer Wirkung zum Teil sehr, auch wenn sie sich in ihrer Beschaffenheit grundsätzlich unterscheiden. Übereinandergelegte Rahmen aus Pappe verschiedener Größe zum Beispiel ergeben eine Dreidimensionalität, die bei anderen Bildern durch gezeichnete Vierecke verschiedener Farbe auf einer Holzplatte entstehen. Dadurch könne auch "der Hintergrund in den Vordergrund treten" und die Maserung des Holzes unter der blauen Grundierung erst durchs Näherkommen erahnt werden, wie die Künstlerin sagt. Genau diese "ästhetische Wahrnehmung im Raum" sei für sie das Ziel der Ausstellung.

Diesen Aspekt griff Kunsthistorikerin Christina Hoge in ihrer Einführung auf. Die Bilder würden eine "Frage nach dem Raum" aufwerfen und sich je nach Blickwinkel verändern. Das Spiel mit den Dimensionen stehe bei den Werken, "die sich nicht aufdrängen", im Vordergrund. In manchen Bildern seien tatsächlich Schnitte zu sehen, bei anderen wirke dies nur so. Zudem spiele Erbacher mit Materialien und zeichne zum Beispiel statt mit dem Pinsel auf Leinwand mit Wasser in aufgestreute Farbpigmente. Eine Verbindung zu den Räumen des Museums machten auch die Bilder aus, die in Acryl auf Terrakotta entstanden sind. Sie sind beim alten Brennofen platziert.

Eine Anleitung für das Betrachten ihrer Bilder und Objekte gibt Erbacher nicht, denn es sei gerade die Frage, die das Kunstwerk beim Betrachter auslöse, die es ihr ermögliche, sich selbst als Künstlerin aus dem Werk herauszuziehen. Dadurch könnten die Objekte "ohne Bildung oder Ahnung" betrachtet werden. Vielmehr brauche es "Selbstvertrauen und Freude", um mit den Ausstellungsstücken zu kommunizieren.

Auch Trimpin will in seinen Arbeiten nicht als Person auftreten: So signiert er seine Kunstwerke nicht. Während Erbachers Arbeiten an den Wänden hängen, stehen die Plastiken Trimpins auf Stelen im Raum verteilt. Würfelförmige Skulpturen aus unterschiedlichem Stein wie Granit unterscheiden sich durch ihre Darstellung. Während eine der Skulpturen flach ist und über ihrer Stele zu schweben scheint, sind andere massiv und gesetzt.

Die kubischen und geometrischen Formen wirkten auf den ersten Blick "mathematisch", so Hoge. Berechnet sei diese Wirkung allerdings nicht, sondern "wunderbar sensibel" aus der langen Beschäftigung mit jeder einzelnen Skulptur hervorgegangen. Bei Trimpin finde das Spiel mit den Materialien über den verwendeten Stein statt. Mal seien die Würfel aus glattem Marmor, mal aus Granit. Eine Verbindung zu Erbacher entstehe bei seinen Skulpturen aus Acrylglas, wo der Bildhauer "ins Leere, ins Nichts" schneide und somit ebenfalls die "Frage nach dem Raum" aufwerfe.

Beim "sehr gelungenen" Zusammenspiel der Bilder und Skulpturen sei "alles leicht schräg, nichts ganz klar, nichts klar berechnet", was das Mitwirken der Betrachter im Geiste erfordere. Dafür müssten sie sehr aufmerksam und "simple present" – einfach da – sein. Eine aktive Auseinandersetzung mit den Werken und ihrer Wirkung im Raum sowie im Zusammenspiel mit den Arbeiten des jeweils anderen mache die Kunst "nicht leicht konsumierbar", so Feritsch.

Sowohl Trimpin als auch Erbacher erklärten, dass sie sich auch mit dem Namensgeber des Museums beschäftigten: "Mir gefällt das Couleur von Kerg. Das war keiner, der einfach rumgepinselt hat." Das fand auch Erbacher. Sie sagte: "Er hat sich bemüht, aktuell und zeitgenössisch zu sein."

Feritsch war aber nicht der Einzige, der einige Worte an die Besucher richtete, auch Bürgermeister Christoph Oeldorf hielt eine Laudatio. Für ihn sei es sein "Debüt als Bürgermeister im Museum" und gleichzeitig "eine große Ehre", denn das "kulturelle Kleinod" bilde die "kulturelle Vielfalt" der Stadt ab. Eine Ehre sei es für Schriesheim, dass die beiden Künstler ihre Werke zur Verfügung stellten. Dankbar sei er für die Arbeit des Kulturkreises Schriesheim, der das Museum leitet, und Théo Kerg, der mit seinem Namen die Ausstellungsräume "weit über die Stadtgrenzen hinaus" bekannt machte.

Info: Coronamaßnahmen sind beim Besuch der Sonderausstellung, die noch bis 12. Juni läuft, keine zu beachten.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung