25.05.2022

Jungwinzer wollen die Bergstraße aufmischen

Damit möchte sich die Winzergenossenschaft auch ein moderneres Image geben. Die erste Veranstaltung ist das "Rebenbeben" am Donnerstag.

Von Max Rieser

Schriesheim. Die junge Generation soll bei der Schriesheimer Winzergenossenschaft (WG) eine eigene Stimme bekommen und sie in ein moderneres Licht rücken. Das war der Gedanke von WG-Geschäftsführer Manuel Bretschi, als er während der Lockdown-Phasen ein Online-Treffen mit gut 20 Jungwinzern der Stadt organisierte: "Wenn wir die Jungen für uns gewinnen wollen, müssen wir auch die Jungen bei uns zu Wort kommen lassen!" In der Genossenschaft müssten alle Altersgruppen repräsentiert werden: "Mein Idealbild ist, dass wir ein breites gesellschaftliches Bild widerspiegeln."

Die Begeisterung sei gleich groß gewesen, und die Teilnehmer erklärten sich bereit, "die WG nach vorn zu bringen", wie Bretschi sagt. "Jungwinzer" ist eigentlich nicht ganz richtig, denn bearbeitet werden die Rebzeilen, deren Trauben am Ende bei der Winzergenossenschaft landen, nicht nur von Weinbauern. Die Gruppe ist in ihrer Altersstruktur ebenso vielfältig wie in ihren Tätigkeitsbereichen: So sind unter anderem Auszubildende, Landwirte, Studentinnen und eine Lehrerin dabei, die den Weinbau zum Teil als Hobby oder eher wegen der Familientradition betreiben. Die Altersobergrenze bemisst sich am Geburtstag des Geschäftsführers, der am 3. Mai seinen 41. Geburtstag feierte. Die Jüngsten sind noch keine 20. Auffällig ist auch: Die Gruppe besteht ziemlich genau zu gleichen Teilen aus Frauen und Männern.

Allen gemein ist die Leidenschaft für guten Wein, den die Schriesheimer Lagen hervorbringen, und für die Region an sich, die Jonas Merkel von den "Bergstreet Guys" so beschreibt: "Wir sind hier in der Toskana Deutschlands, geiler geht’s nicht." Bretschi findet auch: "Man sollte einfach Spaß am Wein haben können, auch ohne fetten Weinkeller und Sommelier-Ausbildung." Nach einigen Treffen erarbeitete die Gruppe eine Strategie. Zum einen sollen junge Erwachsene durch Events angesprochen werden, zum anderen sollen schon Kinder durch unterhaltende Aufklärung für die Natur und für Nachhaltigkeit sensibilisiert werden. Also gründeten sich zwei Arbeitsgruppen. Bei der einen stehen Aufklärung und Nachhaltigkeit im Vordergrund, die andere plant Veranstaltungen.

Los ging es dann schon Anfang Mai, als die "Bergstreet Guys" mit dem Kindergarten "Regenbogen" Samenbomben bastelten: "Wir haben mit den Kindern kleine Kugeln aus Erde und Samen gebaut", berichtet Winzerin Christina Schmitt. Zusammen mit den Kindern wurden die "Bomben" dann auf einer Wiese von Schmitt neben dem Friedhof ausgeworfen. So könnten sich die Kinder mit dem Säen von Pflanzen vertraut machen und könnten seitdem immer wieder schauen gehen, ob schon etwas blüht: "Für die Kinder war das toll, und sie kriegen einen ganz anderen Bezug zur Natur", findet auch Steffen Gaber aus der Nachhaltigkeitsgruppe. Zudem werde auch der ganz grundsätzliche Vorgang des Pflanzens gezeigt, da viele Menschen keinen Bezug mehr zu den Produkten der Felder und Weinberge hätten: "Ich wurde schon im Frühjahr im Weinberg angesprochen, ob wir ernten", berichtet Schmitt fassungslos. Da könne von Trauben noch lange nicht die Rede sein.

Nadja Lamprecht, Hobbywinzerin, Grundschullehrerin und Stadträtin für die Freien Wähler, könnte sich auch vorstellen, so etwas fest in den Unterricht zu integrieren, zum Beispiel mit einem "Rebentagebuch", in dem die Kinder die Entwicklung der Pflanze bis zur Traube über einen Sommer dokumentieren.

Die Blumensamen für eine klassische Blühmischung bekam die WG von "Pro Planet", aber auch die Untere Naturschutzbehörde berät die Gruppe, die noch weitere Brachflächen in Steillagen Richtung Dossenheim zusammen mit Kindern bepflanzen will. Das nächste Projekt sollen Nistkästen und Insektenhotels werden, die die WG zusammen mit der Realschule bauen will. Dafür werden noch Materialien benötigt. Wer etwas übrig hat, woraus sich ein Heim für Insekten oder Vögel bauen lässt, kann sich per E-Mail bei Christina Schmitt melden (christina.kraemer@t-online.de). Für die Zukunft könnten sich die Jungwinzer auch vorstellen, dass der Vandalismus im Wingert eingedämmt wird, wenn man Kindern und Jugendlichen schon frühzeitig zeigt, wie viel Arbeit in den Weinbergen steckt.

Aber auch die Veranstaltungstruppe war nicht untätig, und so steht am morgigen Donnerstag, 26. Mai, eine knappe Woche nach dem Stadtfest, die erste Veranstaltung der Jungwinzer am Kelterhaus in der Porphyrstraße an. Mit dem "Rebenbeben" wird es von 11 bis 21 Uhr Musik von zwei DJs, Cocktails, Kaffee vom "Coffeebike" und Leckereien von der "La Perseria Mashti" – und selbstverständlich Wein – geben.

Die Partys, die in Zukunft immer mal wieder rund um die Weinstadt stattfinden werden, sollen ebenfalls zur Kommunikation zwischen den Winzern und den anderen Schriesheimer Bürgern beitragen: So lebe "Wein von Emotionen", sagt Bretschi. Wer einen schönen Abend mit der Winzergenossenschaft verbindet, kaufe vielleicht auch in Zukunft gezielter die Weine der WG.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung