06.06.2022

Bäckereien in der Region: Auch der letzte eigenständige Weinheimer Bäcker schließt

Die RNZ hörte sich in der Region um. In Schriesheim gibt es noch zwei eigenständige Betriebe.

Bergstraße/Neckar. (hö/web/stu) War das Aus für die Edinger Bäckerei Kapp nur der Vorbote eines dramatischen Wandels in dieser Branche – kein Personal, kein Nachfolger, dafür aber explodierende Kosten? Die RNZ hörte sich in der Region um.

> Schriesheim: Hier ist die Welt noch in Ordnung, es gibt zwei eigenständige Bäckereien, die auch nur in Schriesheim verkaufen – und vor allem hört man keine Klagen. "Es läuft wirtschaftlich gut", sagt Christoph Höfer. Zumal Peter Kapp Höfer als Ersatzlieferanten empfohlen hat. Höfer muss sich ja auch um keine Filialen kümmern, also entfällt bei ihm auch die Personalsuche. Auch sonst macht ihm die Lage auf dem Arbeitsmarkt wenig Sorgen: "Ich suche zwar gerade Lehrlinge, aber bei mir melden sich viele Bäcker, weil gerade andere Betriebe schließen. Im Moment sind wir gut besetzt." Die gestiegenen Kosten für Rohstoffe musste Höfer an die Kunden weitergeben, "aber die nehmen die Preise an" – vielleicht weil sie aus den Medien schon davon wussten. Ein Nachfolger ist im Moment noch nicht in Sicht, zumal Höfer ja auch erst 40 ist: "Ewig werde ich wohl auch nicht weitermachen, aber im Moment denke ich noch nicht daran."

Fragt man ein paar Hausnummern weiter Stefan Heiß, könnte der fast eins zu eins die Worte Höfers übernehmen. Denn auch hier läuft es gut, sowohl wirtschaftlich wie auch beim Personal. "Bei den Mitarbeitern, wir haben 35, sind wir gut aufgestellt, uns läuft auch niemand weg, eher im Gegenteil". Das liege daran, dass man das Personal "gut behandelt und bezahlt". Wie Höfer musste auch Heiß die Preissteigerungen an die Kunden weitergeben, worüber es keine Klagen gab – was vielleicht auch daran liegt, dass die Kaufkraft in Schriesheim allgemein recht groß ist. Sein Erfolgsrezept: "Wer sich abhebt von der Masse, hat auch noch heutzutage alle Chancen."

Auch wenn es heute fast luxuriös exotisch klingt, dass es in einer kleinen Stadt zwei eigenständige Bäckereien gibt: Es waren früher mehr: Im Januar 2012 schloss die Talbäckerei Ehrke – das Schild hängt heute noch – nach fast 50 Jahren. In dem Haus in der Talstraße 68 war seit 1883 eine Bäckerei. Bis zur Jahrtausendwende betrieben Martin und Marianne Rufer noch ihre Bäckerei in der Heidelberger Straße 7. Erst zog hier ein Obst- und Gemüseladen ein, 2019 das Pianohaus Mertens. Immerhin: Das alte Eisenschild ist noch das alte.

> Hirschberg: Die Gemeinde hat, wie auch Ladenburg, keine eigenständige Bäckerei mehr, seitdem in Leutershausen der Betrieb von Edgar Muschelknautz zum 30. November 2018 geschlossen hatte. Dafür zog dann die Birkenauer Firma Brehm ein. In Großsachsen gibt es heute noch das Ladengeschäft von Stefan Hundemer, der allerdings keine eigene Produktion mehr hat und sich mit Vorprodukten beliefern lässt. Hundemer hatte bis vor ein paar Jahren noch relativ viele Filialen, aber die hat er nach und nach abgegeben, Großsachsen ist die einzige. Hundemer hat sozusagen seinen Betrieb nach und nach eingedampft – und zwar völlig freiwillig: "Das Personal ist das A & O, wir finden einfach niemanden mehr, der Markt ist leer."

Was den 57-Jährigen aber vor allem antrieb, ist die fehlende Aussicht auf einen Nachfolger: "Das kann man ja seinen Kindern nicht zumuten." Er selbst habe acht Jahre ohne einen Tag Pause in der Backstube geschuftet, er wisse von vielen Kollegen, dass sie einen Burn-out erlitten hätten. Da er noch etwas mit seiner Frau vom Leben haben will, betreibt der Hemsbacher nun die Firma noch ein paar Jahre weiter auf Sparflamme: "Ich bin froh, dass ich das so gemacht habe."

> Ladenburg: Sehr emotional wurde im April 2018 die Schließung der letzten Bäckerei mit eigener Backstube diskutiert. Knapp am Marktplatz war eine Institution und für ihre Laugenbrötchen und die legendären Weincremeschnitten bekannt. Bäcker- und Konditormeister Jürgen Knapp und seine Frau Maria schlossen die Bäckerei und das angeschlossene Café am Markt auch wegen fehlender Übergabeperspektiven. In den 1970er-Jahren gab es noch 13 Bäckereien in der Altstadt, in die dann oft Lokale einzogen: Aus der Bäckerei Bühler wurde beispielsweise das Spitzen-Restaurant "Zur Backmulde" und aus der Bäckerei Kreter, in der erstklassige Wasserweck zu haben waren, bedient nun die Familie Sidiropoulos in "Kreters kleine Rose" die Gäste. Altstadtbäckereien wie die Betriebe Frey, Emmerich, Hartmann, Diemer oder Joachim sind heute nur noch den älteren Ladenburgern ein Begriff.

Natürlich können sich auch die Römerstädter in vier Bäckerei-Filialen und in den beiden Edeka-Märkten mit Backwaren versorgen. Außerdem wurde vor drei Jahren eine Görtz-Filiale in der Weststadt eröffnet. Diese werden mit Teiglingen beliefert, die vor Ort aufgebacken werden.

> Weinheim: Traurige Nachrichten aus der Stadt, die mit der Akademie Deutsches Bäckerhandwerk eine der wichtigsten Ausbildungsstätten für Bäcker und Konditoren beheimatet. Der letzte inhabergeführte Back-Betrieb der Stadt steht vor der Schließung: die Bäckerei Kress in der Weststadt. Dies hat die RNZ aus mehreren Quellen erfahren. Die Gründe für die Einstellung des Betriebs zum kommenden Monatswechsel sind persönlicher Natur – und leider sehr nachvollziehbar.

Die Kunde vom Ende der Qualitätsbäckerei Kapp in Edingen-Neckarhausen hat auch die Zweiburgenstadt erreicht – und wird dort außerordentlich bedauert. "Wir kennen Peter Kapp sehr gut und schätzen ihn und seine Produkte sehr. Er ist nicht nur Absolvent unserer Meisterschule, sondern wurde in den letzten Jahren gelegentlich auch als Dozent eingesetzt", so Bernd Kütscher auf RNZ-Anfrage. Der Direktor der in Weinheim ansässigen Akademie Deutsches Bäckerhandwerk hat Einblicke in den Betrieb in der Neckargemeinde, hält sich über die Gründe von dessen Einstellung aber bedeckt. "Die Schließung bedaure ich sehr, doch nachdem mir die Gründe persönlich erläutert wurden, habe ich dafür volles Verständnis. Wir wünschen Peter Kapp, seiner Familie und dem Team alles Gute!", teilt er im Namen der Akademie mit.

Dass die Aufrechterhaltung von Backtradition mit Qualitätsanspruch nicht leicht ist, kann er indes bestätigen. "Der Mangel an Fachkräften ist groß, beginnend bei der viel zu geringen Zahl an Azubis", erläutert er. Die Branche zähle rund 10.000 Betriebe, die alle von Bäckermeistern geführt werden. Rein rechnerisch würden rund 1500 bis 2000 neue Meister pro Jahr benötigt, schließlich zieht es nur einen Teil der Absolventen in die Selbstständigkeit. "Im letzten Jahr wurden bundesweit aber nur noch 299 Bäckermeisterinnen und Bäckermeister ausgebildet – viel zu wenige!", bedauert er. Aber in jedem Mangel liegt auch eine Möglichkeit: "Für jene, die sich für eine Ausbildung im Bäckerhandwerk entscheiden, tun sich aktuell riesige Chancen auf."

Ein Problem sei auch die Skepsis, die das Berufsbild "Bäcker" unter Laien hervorruft, betont Kütscher: Viele sähen bei der Berufswahl nur das frühe Aufstehen, doch über den frühen Feierabend und die steuerfreien Nachtzuschläge rede niemand: "Fakt ist: Nichts ist bei langjährigen Bäckern unbeliebter als die Tagschicht." Aber auch abseits des Nachwuchsmangels steht das Bäckerhandwerk vor Herausforderungen. Kütscher ist keineswegs der Einzige in der Branche, dem die aktuelle Versorgungslage bei den Rohstoffen und die damit verbundene Steigerung bei den Energiekosten große Sorgen bereitet. Ein Stück weit haben es jedoch auch die Kunden in der Hand. Denn eine weitere Herausforderung stellt die "Flut des billigen Brotes aus anonymer Massenherstellung dar, die bei genauer Betrachtung alles andere als nachhaltig ist".

Die Akademie Deutsches Bäckerhandwerk reagiert, wo es möglich ist: "Was den Arbeitsmarkt betrifft, werden wir in Weinheim in Kürze einen Ausbildungsgipfel veranstalten", kündigt Kütscher an. Die Schirmherrschaft soll keine Geringere als Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger übernehmen. "Letztlich muss es uns gelingen, die Chancen des Bäckerberufs besser zu kommunizieren", so Kütscher.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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