05.10.2022

Als es noch drei Kinos in Schriesheim gab

Robert Sandel, der Vater von Ursula N. Davis, gründete gleich zwei davon, den "Filmpalast" und das "Astoria". Sie wurden Opfer der "Fernsehwelle".

Schriesheim. (hö) An der Bergstraße sind Kinos selten geworden, wenn man mal absieht vom großen "Modernen Theater" in Weinheim, der "Brennnessel" in Hemsbach (beide geführt von Alfred Speiser) und vor allem dem "Olympia"-Kino in Leutershausen – es feierte gerade seinen 70. Geburtstag. Aber auch in Schriesheim gab es etliche und heute weitgehend vergessene Kinos, von denen wenig im RNZ-Archiv überliefert ist. Die älteste Geschichte hat das "Astoria", das ab 1919 im "Deutschen Hof" untergebracht war. Wenig bekannt ist auch über die "Burglichtspiele", die noch zur Zeit des "Filmpalastes" bestanden haben. Der existierte seit 1951 an der Ecke Römer-/Schönauer Straße.

Die RNZ-Lokalnachrichten der 50er- Jahre bestanden oft aus wenigen Zeilen, am 23. Dezember 1953 ausschließlich aus dem Programm der drei Schriesheimer Kinos über die Weihnachtstage: "Astoria-Lichtspiele: am ersten und zweiten Feiertag, 20 Uhr, ,Der Sieger’, Samstag bis Montag 13.15, 16 und 20 Uhr ,Gegen alle Flaggen’, an beiden Feiertagen in den Spätvorstellungen um 22 Uhr ,Todesranch’. Burglichtspiele: Freitag bis Sonntag, 20 Uhr; Freitag und Samstag, 16 Uhr, ,Die Rose von Stambul’, Montag und Dienstag, 20 Uhr, ,Die Frauen vom Tannhof’, in den Spätvorstellungen Freitag und Samstag, 22 Uhr, ,Weiße Frau im Dschungel’. Filmpalast: Freitag bis Montag, 20 Uhr, Freitag und Samstag, 16 Uhr, ,Opfergang’, in den Spätvorstellungen, 22 Uhr, an beiden Feiertagen und am zweiten Feiertag, 14 Uhr, ,Sein großer Kampf’. Am ersten Feiertag, 14 Uhr, und am Sonntag, 14 Uhr, ,Bambi’".

In der Festschrift zum 75-jährigen Bestehen des Turnvereins von 1958 (RNZ vom 25. August) steht im Inseratenteil eine Anzeige der beiden Häuser "Filmpalast" und "Astoria", die damals im Besitz Robert Sandels waren: Im "Filmpalast" lief der Liselotte-Pulver-Klassiker "Das Wirtshaus im Spessart", der heute noch ab und an im Fernsehen zu sehen ist. Ungewöhnlich hingegen ist im "Astoria" "Anders als du und ich" mit dem Untertitel "§ 175": Er ist einer der wenigen Filme der jungen Bundesrepublik, der Homosexualität thematisierte, allerdings wird darin der schwule Gymnasiast durch ein hübsches Mädchen "bekehrt". Die Regie führte einer der prominentsten NS-Regisseure, Veit Harlan, der 1940 den heute noch verbotenen Hetzfilm "Jud Süß" inszeniert hatte.

Ein bisschen was kann Ursula N. Davis über den "Filmpalast" und das "Astoria" erzählen. Ihr Vater Robert Sandel gründete nach dem Zweiten Weltkrieg den "Filmpalast", ganz zu Anfang noch ganz oben im "Kaiser", erst dann folgte das neue Gebäude. Damals war er noch beim Zoll in Weinheim, er saß, so erinnert sich Davis, mit Heinrich Bernhard, dem Vater des späteren Weinheimer Oberbürgermeisters Heiner Bernhard, in einem Büro, allerdings war er "kein Büromensch" (Davis), sondern ein Kaufmann. Und so machte er bald "in Filmen" – mit gleich mit zwei Häusern: dem "Filmpalast" mit seinen 400 Plätzen und dem "Astoria" in einer Scheune in der Bismarckstraße an der Sonnen-Apotheke.

Davis erinnert sich noch genau, wie sie "Vom Winde verweht" im "Filmpalast" schaute, im kleineren "Astoria", in dem eher die "Reißer" liefen, sorgte sie ab und an für den Nebel bei den gruseligen Edgar-Wallace-Filmen. Da war der "Filmpalast" gediegener, es gab sogar richtige Akrobaten-Shows zu Weihnachten. Die junge Ursula war damals ziemlich in die Geschäfte ihres Vaters eingebunden, sie machte sogar die Filmabrechnungen mit den Verleihern (wofür sie eine Mark bekam), denn Schreibtischarbeit lag ihrem Vater so gar nicht: "Er war eher der Macher." Und seit dieser Zeit beherrscht Davis auch die Kunst der Plakatschrift.

Der Siegeszug des Fernsehens machte den beiden Kinos den Garaus: "Oft waren die Einnahmen geringer als die Heizkosten." Als zweites Standbein hatte sich Sandel mit seinem älteren Bruder Martin einen Obstgroßhandel in der Römerstraße aufgebaut. Wann genau die Kinos schlossen, weiß Davis nicht mehr, es muss wohl Ende der 1960er-Jahre gewesen sein – auf jeden Fall noch vor 1976, als ihr Vater mit nur 54 Jahren plötzlich an einer Lungenembolie starb. Zu dieser Zeit lebte sie allerdings mit ihrem damaligen Mann in den USA.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung