08.02.2005

"Gelbe Dragoner" und ein Streithammel

Schriesheimer Jahrbuch: Geschichten und Geschichtchen, die nicht in den Akten zu finden sind

Von Nadja Müller

Schriesheim. Neben zahlreichen umfangreicheren Artikeln finden sich im Jahrbuch auch noch einige kürzere Beiträge: beispielsweise zwei illustrierte Rechnungsformulare der Schriesheimermühlenwerke aus dem Jahre 1878 und 1879. Die Dokumente sind vermutlich die ältesten ihrer Gattung, die für Schriesheim existieren. Zusätzlich zu den beiden Urkunden gibt ein kurzer Artikel Informationen zu den Mühlen "Stammberg" und "Oberes Werk". Beide dienten im 19. Jahrhundert unter anderem der Herstellung von Papier.

Einblick in das damalige Kreditwesen gibt ein Kapitalbrief des Schriesheimer Ehepaares Sailer aus dem Jahr 1577. Das Originaldokument aus dem Heidelberger Universitätsarchiv ist ebenso abgebildet wie der Wortlaut - der Text ist zur besseren Lesbarkeit separat aufgeführt, was seinen Inhalt aber nicht unbedingt verständlicher macht. Die alte Sprache und umständliche Formulierung fordern vom Leser Aufmerksamkeit und Konzentration.

Unter der Rubrik "Was nicht in den Akten steht" finden sich einige kurze Artikel, die das Jahrbuch vervollständigen und die einen etwas anderen Einblick in die Schriesheimer Geschichte liefern.

Fritz Hartmann erzählt in seinem Beitrag "Ein guter Brief zur rechten Zeit" von einem Vorfall im Frühjahr 1907, in den sein Vater Wilhelm, sein Onkel und ein Freund verwickelt waren: Wilhelm Hartmann spielte an diesem Abend für seine Freunde im Wirtshaus "Rose" Klavier, verließ sie aber früher, da er sich nicht wohl fühlte.

Wenig später gesellte sich der allgemein als "Streithammel" bekannte Michl dazu, was die Stimmung der Runde nicht nur verschlechterte, sondern schließlich dazu führte, dass der friedfertige Georg Hartmann Michl kurzerhand gewaltsam vor die Tür setzte. Ein Nachbar hatte den Vorfall beobachtet und beschuldigte fälschlicherweise Wilhelm der Tat. Michl konnte die Angelegenheit klären und Wilhelms Unschuld bezeugen. Als eigentlicher Unruhestifter wurde Georg verhaftet.

Wilhelms Bruder Philipp, ein Realschullehrer mit guten Ruf, hatte von dem Vorfall erfahren und schrieb Georg einen Brief ins Gefängnis, in dem er ausführlich den schlechten Charakter des Michl darlegte und seine Verwunderung darüber ausdrückte, dass ausgerechnet der friedliebende Georg eine solche Tat begangen haben sollte: "Mich hat die Sache mit dem Michl nicht nur betroffen gemacht, sondern sie hat mich geradezu aufgeregt". Dieser Brief gelangte in die Hände der Gefängnisleitung und überzeugte sie. So erlangte Georg überraschend seine Freiheit wieder.

Die Schriesheimerin Anna Fath hat gleich zwei Beiträge zum Jahrbuch beigesteuert. Sie berichtet zum einem von einem besonderen Ereignis im dörflichen Leben Anfang des 20. Jahrhunderts. Ihr Vater Georg Bachert war ein "Gelber Dragoner", er gehörte dem Reiterregiment des Großherzogs von Baden an. Jedes Wochenende kam er zusammen mit seinem Rittmeister Graf Wiser aus Leutershausen nach Schriesheim geritten, was im ganzen Ort für Aufregung sorgte. Auf den Grafen wartete dann schon eine Kutsche, die ihn nach Leutershausen brachte. Sonntagabend kehrte er zurück und das Reiterregiment machte sich wieder auf den Weg nach Bruchsal.

Ihn ihrem zweiten Beitrag erzählt Anna Fath von Dreharbeiten für einen "Kurpfalz-Western", bei denen ihr Vater als Statist mitgewirkt hatte: "Erst war mein Vater Indianer, dann war er Soldat".

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung