01.03.2005

Ist "Wein und Lied" ein gutes Motto für Kinder?

Strahlenberger Grundschüler sollen es beim Mathaisemarkt-Festzug darstellen - Ein Vater will seinen Sohn nicht teilnehmen lassen

Ist das Thema des 1997er Festzuges, auf dem diese Bilder entstanden, unpassend für Kinder? Polizist Albrecht Flemming, Spezialist für Vorbeugung und Jugendschutz, meint: "Das Motto hebt nicht auf den Wein als Getränk ab, sondern auf die Weinbautradition an sich". Fotos: Kreutzer

Von Carsten Blaue

Schriesheim. Peter Riehl hatte es am vergangenen Freitag schon angedeutet: Bei ihm habe sich jemand beschwert, dass das Motto der Strahlenberger Grundschule für den diesjährigen Mathaisemarkt-Festzug "Wein und Lied" laute. Der Bürgermeister meinte, mit der Tradition der "schönen Gabe Wein" in der Stadt überzeugt zu haben: "Unsere Kinder werden damit groß". Der Jemand, der sich beschwerte, war Peter Weinkötz, Vater eines Zweitklässlers, der im Zug hätte mitlaufen sollen. Und Weinkötz ist gestern alles andere als überzeugt. Er will seinen Sohn nicht am Zug teilnehmen lassen. Wofür weder Riehl, noch die Elternvertreterin der Klasse, Christiane Majer, Verständnis haben. Das Kultusministerium übrigens auch nicht.

Weinkötz fragt sich, warum man dieses Motto gerade den Kindern "aufgedrückt" habe und nicht etwa einem Gesangsverein. Der hätte schließlich auch die Weinlieder singen können, die die Kinder auf keinen Fall anstimmen würden. Weinkötz stört, dass in Zeiten früher Suchtprävention an Schulen zugelassen werde, dass sich die Kinder mitten in einem Festzug bewegen, an dessen Wegstrecke viel getrunken werde. "Und die Kinder sind auch noch im Auftrag der Schule dabei". Mit dem Motto "Winzer und Lied", so Weinkötz, hätte er weniger Probleme gehabt. Die Mottos dieses Jahres folgen aber nun mal den Devisen der vergangenen 31 Festzüge. Der Vater jedenfalls will sich mit seiner Kritik nicht alleine sehen. Viele Eltern würden sich "indifferent" äußern: "Sie sagen: 'Wir machen halt mit'. Die wollen keinen Stress mit dem Rathaus haben".

Sie habe von anderen Eltern in diese Richtung gar nichts gehört, entgegnet gestern Elternvertreterin Christiane Majer, die ja bekanntlich von Berufs wegen eine Menge mit Wein zu tun hat. Sie sagt: "Ein Naturprodukt wie der Wein hat nicht immer gleich was mit Sucht zu tun. Warum sollte man sich mokieren, wenn Kinder als Trauben verkleidet oder mit Weinlaub verziert im Zug mitlaufen? Ich finde das okay". Die Kritik findet sie überzogen: "Dann kann man ja gleich gar nichts mehr zulassen". Zudem sei der Zugang zum Wein in der Tradition Schriesheims auch eine Vermittlungsfrage. Sprich: Da ist Aufklärung und Information gefragt.

"Und ich gehe davon aus, dass sowohl die Schule als auch die Stadt mit diesem Thema verantwortungsvoll umgehen", meint Elmar König, Pressesprecher des Stuttgarter Kultusministeriums. Er wisse, dass Schriesheim in "einer Weinbaugegend" liege und die Tradition des Weines zur Kultur und zum Lebensunterhalt gehöre sowie generell als Bestandteil des Lebens anzusehen sei. Da dürfe man Kindern den Zugang zu dieser Tradition nicht verwehren, die auch die Gemeinschaft stärke. "Dabei gehe ich von einer pädagogischen Vermittlung in der Schule aus". Gegen die Teilnahme der Kinder am Festzug unter dem Motto "Wein und Lied" sei also "nichts zu sagen", meint König: "Man sollte da die Kirche im Dorf lassen".

Man müsse sich der Frage durchaus stellen, ist Bürgermeister Peter Riehl gestern um Gelassenheit bemüht. "Aber wir sind eine Wein- und Sängerstadt. Wir leben in einem Weinbaugebiet, das zu seinen Reben, den Trauben und zum Weinbau steht". Wein sei etwas Gesundes. Nicht dieser sei zu verdammen, sondern der Missbrauch. "Und an diese Thematik führen wir auch die Kinder heran. Sie werden in der Schule vorbereitet, das Thema wird ausführlich aufgearbeitet. Mit der Darstellung aller Vor- und Nachteile".

Auch Kommissar Albrecht Flemming, bei der Weinheimer Polizei Spezialist in Sachen Vorbeugung und Suchtprävention, hat keine Bedenken: "Das Motto hebt ja nicht auf den Wein als Getränk ab, sondern mehr auf die Weinbautradition an sich". Wenn "Wein und Lied" nur das Motto sei, sehe er "keine Gefahr". Ganz unabhängig vom aktuellen Sachverhalt sagt er: "Man sollte den Alkohol nicht verbannen, sondern sich der Thematik stellen - gerade auch im Elternhaus". Die Eltern seien gefragt, wenn es darum gehe, den richtigen Umgang mit Alkohol zu vermitteln.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung