30.03.2005

Der Wein wächst auf den Zeugnissen der Eiszeit

Serie "Schriesheims Umwelt", Teil I: Schriesheim wuchs in den letzten 115 Jahren um das Dreifache - Landschaftliche Gliederung dreigeteilt


Schriesheim und seine Umgebung sei "eine der interessantesten, manichfaltigsten und von der Natur meistbegünstigsten Gemarkungen des Landes", wusste Rüth von Collenberg schon 1892. Heute hat Schriesheim rund 14300 Einwohner und eine Gesamtgemarkungsfläche von etwa 3200 Hektar. Die Kernstadt am Rande der Rheinebene und mit Anschluss an die Ballungsräume der großen Nachbarstädte weist völlig andere Ausgangsbedingungen für eine Bewertung unter Umweltaspekten auf als die Eingemeindungen im Odenwald Altenbach (im Bild) und Ursenbach. Fotos: Bormuth/Dorn

Von Stefan Zeeh

Schriesheim. Schriesheim und seine Umwelt. Bereits 1892 wurde sie von Rüth von Collenberg derart stimmungsvoll charakterisiert: " ... eine der interessantesten, manichfaltigsten und von der Natur meistbegünstigsten Gemarkungen des Landes. Noch gehört zu derselben ein sehr beträchtlicher Strich der Rheinebene mit sehr fruchtbarem Boden, mit Obstbäumen reich besetzt, anschließend hieran eine buchtenreiches theilweise steil ansteigendes Hügelland mit warmen Hängen, an welchen im Wandel zahme Kastanie, Pfirsiche, Aprikosen und Wein gut gedeihen, endlich das Waldland, das sich auf eine Strecke von zwei Stunden in den Odenwald hinein erstreckt". Was hat sich in den vergangenen mehr als 110 Jahren seit dieser Text geschrieben wurde in Schriesheim und seiner Umgebung verändert? Hierüber gibt der kürzlich im Auftrag des Gemeinderates von Dr. Sonja Burst erstellte Umweltbericht detailiert Auskunft. Der etwa 320 Seiten starke Bericht stellt ein Nachschlagewerk dar, in dem von den natürlichen Grundlagen über Emissionen, Wasserversorgung bis hin zum Fremdenverkehr alles erfasst wird. Zudem gibt er Handlungsanweisungen für künftige Maßnahmen zur weiteren Verbesserung der Umweltsituation. Schließlich gilt der Bericht als Diskussionsgrundlage für weitere Entscheidungen des Gemeinderats.

451 Einwohner pro Quadratkilometer

Seit 1892, als Rüth von Collenberg Schriesheim besichtigte, ist die Gemarkung wesentlich gewachsen. 1972 wurde Altenbach und 1973 Ursenbach eingemeindet. Heute hat die Stadt Schriesheim etwa 14300 Einwohner. Damit ist die Einwohnerzahl um mehr als das Dreifache gegenüber dem Jahr 1890 angewachsen. Durch die Gemeindereform ist natürlich auch die Gesamtfläche angestiegen und umfasst heute etwa 3200 Hektar, von denen 60 Prozent bewaldet sind. Somit leben durchschnittlich 451 Einwohner auf einem Quadratkilometer Schriesheimer Land. Das ist einiges mehr als der baden-württembergische Durchschnitt, der bei etwa 300 Einwohnern pro Quadratkilometer liegt.

Verändert hat sich in den letzten Jahrhunderten natürlich nicht die Großgliederung der Landschaft. Die Gemarkung Schriesheim zeigt immer noch die klare Dreiteilung in Rheinebene, Bergstraße und Odenwald. Geologisch ergibt sich zwar auch eine Dreiteilung, jedoch stimmt diese nur teilweise mit der landschaftlichen Gliederung überein. Im Kristallin des Odenwaldes, das vor allem nördlich des Schriesheimer Tales auftritt, überwiegen Granite. Eine Besonderheit in den kristallinen Gesteinen ist der so genannte Schriesheimit, der nur in einem kleinen Bereich nordöstlich Schriesheims vorkommt. Es handelt sich dabei um ein spezielles magmatisches Gestein. Erwähnenswert sind natürlich auch die ehemaligen Lagerstätten. Im heutigen Schaubergwerk der Grube Anna-Elisabeth wurde im Mittelalter Silber gewonnen und im 18. und 19. Jahrhundert Eisen-Vitriol. Die Erze sind an ein gangartiges Pyrit-Kupfer-Bleiglanz Vorkommen gebunden, das den Biotit-Granit des Branichs durchschlägt. Schwerspat tritt in einem über etwa 1,5 Kilometer zu verfolgenden Gang im Weiten Tal auf, wo er auch abgebaut wurde.

Um Altenbach und vor allem südlich des Schriesheimer Tales treten die Produkte eines Vulkanismus zu Tage, der vor 270 bis 250 Millionen Jahren stattfand. Es sind einerseits lockere Auswurfprodukte eines Vulkans, wie etwa Lapilli- und Sandtuffe, andererseits erstarrte Lava, die als Rhyolith bezeichnet wird und am Ölberg abgebaut wurde. Südlich der vulkanischen Produkte schließen sich die Vorkommen des Buntsandsteins an. Die meist rötlichen Sandsteine sind durch ihre Wasserführung von großer Bedeutung. Auf eingelagerten Ton- oder Schluffschichten sammelt sich das vor allem an Spalten eingesickerte Wasser und tritt in Quellen hervor.
Flugsand-Decken und Sanddünen

In der Rheinebene treten wesentlich jüngere Gesteine auf, die im Schriesheimer Gebiet vor allem durch die Flüsse Rhein und Neckar sowie durch den Kanzelbach abgelagert wurden. Es handelt sich vorwiegend um Sande, Kiese und Tone. Auf den ausgedehnten Schotterflächen kam es am Ende der letzten Eiszeit, also vor etwa mehr als 10000 Jahren, zur Bildung von Flugsand-Decken und Sanddünen. Auch die Bildung der sehr fruchtbaren Lössdecken fällt in die Kaltzeiten.

Löss weist eine Korngröße von 0,02 bis 0,06 Millimeter auf. Dieses Feinmaterial wurde bei vorherrschenden Westwinden aus den Gesteinen in der Rheinebene ausgeblasen und an den Hängen der Bergstraße wieder abgelagert. Die Lössdecken können eine Mächtigkeit von bis zu zwölf Metern aufweisen. Durch die südwestliche Exposition der Hänge eignen sich die Lössbereiche bestens für die landwirtschaftliche Nutzung, vor allem für den Weinbau.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung