10.03.2015

Oppositionsführer Wolf punktet in Schriesheim mit Reimen

CDU-Fraktionschef umschmeichelt Mittelstand und Weinhoheiten mit einer humorigen Rede vor 1500 Gästen auf dem Schriesheimer Mathaisemarkt

Von Sören S. Sgries

Schriesheim. Es sieht so einfach aus: 1500 gut gelaunte, meist wohlgesonnene Menschen warten auf Guido Wolf im Schriesheimer Festzelt. Der Gastgeber, "Bund der Selbstständigen"-Präsident Günther Hieber, drischt vorab kräftig vor allem auf die SPD-Arbeitsministerin in Berlin ein ("geistiger Dünnpfiff"). Und die Erinnerung an einen - so die verbreitete Meinung - im vergangenen Jahr eher enttäuschenden Auftritt des grünen Ministerpräsidenten ist noch immer bei vielen präsent. Doch was macht der Herausforderer daraus? Nun, er hält zumindest keine Wahlkampfrede.

Dabei wäre das durchaus drin gewesen, ist er doch vor allem deshalb hier: Weil er im Wahlkampf etwas erreichen will, erreichen muss. "Guido Wolf, Ministerpräsident Baden-Württemberg" - das würde auch viel besser in die lange Festredner-Liste der Mittelstandskundgebung auf dem Mathaisemarkt passen, mit Späth, Teufel, Oettinger, Mappus, als das etwas glanzlose "Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion".

Doch Wolf ist vorsichtig. Sympathiepunkte sammeln statt gegen die grün-rote Konkurrenz anrennen, scheint seine oberste Devise zu sein. Freundlich umwirbt er die Weinköniginnen in einem - er traut es sich wieder - kleinen, angeblich spontan zusammengeschriebenen Gedichtchen: "Angesichts der Weinhoheiten, sind alles andere Kleinigkeiten" - so harmlos klingt das dann. Dazu noch ein bisschen Spöttelei auf eigene Kosten: "Wenn Sie einen Schwaben einladen, müssen Sie immer damit rechnen, dass er auch kommt", schmunzelt Wolf. Oder er spielt auf seine überschaubare Körpergröße an, wenn er ansetzt: "Ich bin zwar in Weingarten groß geworden - also, was heißt groß, erwachsen geworden." Da gehört das Publikum ihm.

Politisch konzentriert der CDU-Spitzenkandidat sich publikumsorientiert auf die Wirtschaft. Er wünsche sich, dass "wir wieder eine Wirtschaftspolitik betreiben, die sich nicht als Anhängsel an das Finanzministerium begreift", packt er die Forderung nach der Zerschlagung des "Superministeriums" von Finanz- und Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) wieder aus. "Glasfaser für alle", fordert er, eine neue Gründerkultur, den Mut, mit einem Projekt auch einmal zu scheitern. "Wenn wir aufhören, zu experimentieren, hören wir auf, in die Zukunft Baden-Württembergs zu investieren", so seine Mahnung.

Den Applaus der Mittelständler sichert er sich zudem mit Kritik an Solidaritätszuschlag, Mindestlohn-Bürokratie und Kalter Progression - nicht, ohne auch die CDU-Verantwortung in der Großen Koalition in Berlin anzuerkennen. Bei der Bildungspolitik verweist Wolf auf den Wert des Dualen Ausbildungssystem. Fordert aber auch: "Wir sollten in der Bildungspolitik endlich die Kraft aufbringen, wieder mehr über Qualität, weniger über Strukturen zu sprechen."

Als er nach gut 30-minütiger Rede mit dem Appell schließt, man müsse Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wieder in einen engen Schulterschluss führen, gibt es wohlwollenden Applaus. Und es fällt auf: Konkrete Angriffe auf die Regierung hat sich der Herausforderer erspart.

Eine direkte Folge aus der "Kein frühzeitiger Wahlkampf"-Abmachung mit Winfried Kretschmann aus der vergangenen Woche? Jedenfalls fielen die Spitzen sehr mild aus, auch wenn Wolf vorab noch energisch betont hatte, "wir werden einen Teufel tun, diese Regierung in Frieden zu lassen". Doch offenbar hat er inzwischen die Gefahren des "Hau drauf" erkannt, vermeidet lieber jeden Angriff, der als Bumerang zurückkommen könnte.

Humorvoll, aber harmlos also, diese Mathaisemarkt-Rede. Im kommenden Jahr dürfte das ganz anders aussehen - ganz gleich, wer Redner ist. Dann nämlich steht der Wahlsonntag unmittelbar bevor.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung