13.07.2015

Bei der Schriesheimer "JazZ"-Nacht wurde keiner müde

Über 1500 Gäste, blendend aufgelegte Bands, ideale Verhältnisse: Die zehnte Auflage von "Schriesheim jazZt" war ein voller Erfolg

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. Es war ein Sommerabend, wie er schöner und lauer nicht hätte sein können: 31 Grad, ein tiefblauer Himmel und die Aussicht auf all’ das und noch viel mehr lockten am Samstagabend über 1500 Besucher in die Innenstadt zu "Schriesheim jazZt". Die zehnte Auflage des kleinen, vom Kulturkreis (KKS) veranstalteten und von der RNZ mitpräsentierten Jazzfestivals erlebte damit einen Besucheransturm, den in dieser Art niemand erwartet hätte.

> Um 19 Uhr wird das Fest am Alten Rathaus eröffnet. "Einen tollen, erquicklichen Abend" wünscht KKS-Pressesprecher Dieter Weitz, und Bürgermeister Hansjörg Höfer stellt fest, dass die Veranstaltung längst "einen festen Platz im Schriesheimer Terminkalender" gefunden habe. Eigentlich sollte der evangelische Gospel-Projektchor hier auftreten, doch Pfarrerin Suse Best lotst die Besucher in die nahe gelegene evangelische Kirche: "Denn der Chor ist so groß, dass gar nicht alle auf der Bühne Platz gehabt hätten."

"I will take a little Pause hier"

> In der evangelischen Kirche herrscht ein ziemliches Gedränge. Auf die Empore darf an diesem Abend niemand, weil dort gestrichen wurde. Trotzdem ist die Stimmung blendend: Schon der Anblick des über 70 Personen starken, kunterbunt gekleideten Chors sorgt für gute Laune. Erst recht die Gospels und Spirituals, die mit beeindruckendem Volumen im Kirchenraum nachhallen. "O Lord, I will worship you" ist so ein mehrstimmiges Werk mit Schlagzeug-, Saxofon-, Bass- und Klavierbegleitung; dann gibt es Duke Ellingtons swingendes "I don’t mean a thing", bevor beim letzten Stück alle mitklatschen dürfen. Mit einem Riesen-Applaus, auch für Chorleiter und Arrangeur Christoph Georgii, endet der Jazz-Auftakt, nun gibt es Musik auf allen sieben Bühnen.

> Im evangelischen Kirchgarten trifft man alte Bekannte. "Sidesteps" waren bereits im Vorjahr hier, und auch diesmal sorgt die Band um den barfüßigen Sänger Uli Wehrmann wieder für Stimmung im idyllischen Hinterhof. Von Anfang an sind hier sämtliche Stühle und Biergarnituren besetzt, und am Gastrostand wartet man in einer langen Schlange. Man kann für eine "Jazz-Pizza" anstehen, die das Team der Wirtsleute Fabio und Marco Grillo mit Salami, Schinken und Pilzen belegt. Oder man wartet auf einen mild-fruchtigen "Hugo", eine kühle Mischung aus Holundersirup, Minzeblättern, Wasser und Sekt. Im Licht der schräg stehenden Sonne stimmt die Band derweil ein samtweiches Al-Jarreau-Cover an, dem ein eigenwillig gegen den Strich gebürsteter Bill-Withers-Hit folgt: "Just the two of us." Auf der Suche nach einem Sitzplatz geht es weiter.

> Im Strahlenberger Schulhof schenkt die Winzergenossenschaft frische Sommerweine aus. Aber auch einen 2013er Spätburgunder Rotwein. Am Ausschank wird man von Weinkönigin Stefanie Keller bedient, und tatsächlich: Ein paar letzte Sitzgelegenheiten sind noch da. Die "Heidelberg Jazz COmbO" beglückt einen noch dazu mit einem Weltklasse-Bläser-Solo. Die hochschwangere Trompeterin Hannah Graser strahlt tiefenentspannt und setzt zu Benny Golsons "Blues March" noch einmal ihr Instrument an die Lippen: Das Ungeborene, so berichtet die werdende Mutter, verhält sich dabei völlig ruhig. Wie auch das Publikum, das Klarinettist Wolfram Sutter, Sängerin Tamila Kurmakeva und Rainer Maertens (Posaune) andächtig lauscht.

> Unterwegs ist zu späterer Stunde noch KKS-Vize Jochen Wähling, der einigermaßen abgekämpft von der Lage an den Kassen berichtet. "Wir haben alle grünen Bändchen ausgegeben. Dann haben wir alles zusammengekratzt, was wir noch an Armbändern hatten. Und jetzt schneidet Gunda Kupfer noch welche aus rotem Papier zurecht." Weitz, der den Erfolg auch dem schönen Wetter zuschreibt, ergänzt: "Wir haben 600 Karten im Vorverkauf abgesetzt."

> Der "Diehm-Hof" ist ebenfalls rappelvoll. Aber auch auf dem Vorplatz oder am Stand des Weinguts Jäck lässt es sich aushalten. Auch dort kann man einen Blick auf die "JazzGrooves", erhaschen, deren Chef Dirk Schilgen sich gerade mit geschlossenen Augen einem ausgiebigen, viel bejubelten Schlagzeugsolo hingibt. Ansonsten sind die "Grooves" eher für schnelle, an Bebop erinnernde Arrangements zu haben und Saxofonist Matthias Dörsam für flüssige Soli. Warum der Wirt hier lieber anonym bleiben will, versteht niemand. Denn für den zartrosa Lachs, der auf einem Salatbett angerichtet und mit würziger Dillcreme gekrönt wird, muss er sich wahrlich nicht verstecken.

> Der Weg führt weiter zur Küferei Hauser, wo ein künstlerisches Kleinod auf die Besucher wartet. Auf der winzigen Bühne gibt Jim Kahr, der sich auf verschiedenen Gitarren begleitet, eine bemerkenswerte Einmannshow. Gerade ist es eine zarte, bedächtige Interpretation von Elvis’ "Falling in love with you", mit dem der US-Amerikaner die Herzen und Ohren seiner Fans verzaubert. Für den Gaumen gibt’s nette Kleinigkeiten aus der persischen Küche von der "Perseria Mashti": pikante Mini-Rollos mit Pepperoniwurst und Chilisauce oder mit Hackfleisch gefüllte Teigtaschen. Schade, schade, denkt mancher, als Kahr nun in seiner lustigen Sprach-Melange ankündigt: "I will take a little Pause hier".

> Also legt man die wenigen Schritte zum Alten Rathaus zurück, wo die L.A. Reed Bigband noch mittendrin steckt im vorletzten Set. Längst weht der Talwind durch die Gassen, und es ist endgültig Nacht geworden. Doch hier denkt noch niemand ans Heimgehen: Alle Tische sind voll besetzt, und an der Schmalseite der Bühne hat sich eine große Menschenmenge versammelt. Instrumentales wechselt mit Gesangsnummern, gerade kündigt Bandleader Rainer Heute einen "Knaller" an: Der Sound-Designer der Band "kann" nämlich nicht nur Töne, sondern auch singen. Er legt los mit David Lee Roths "Just a Gigolo", und gleich wird mitgesungen, geklatscht und auch vor der Bühne getanzt. Wer lieber sitzend genießt, kann sich vom Kaffeehaus-Team die großen Teller mit den "Jazz-Tapas", lauter appetitlichen Kleinigkeiten, servieren lassen, dazu gibt es einen spanischen Rotwein.

> Der nächste Abstecher führt zum Strahlenberger Hof, wo gerade die Setpause von "Tango Transit" zu Ende geht. Neugierige strömen in den lauschigen Innenhof, während sich manche eingefleischte Fans den ganzen Abend nicht weg bewegt haben. Als Bassist Hanns Höhn, Drummer Andreas Neubauer und Martin Wagner am Akkordeon loslegen, versteht man, warum: Was die Drei da spielen, ist eine faszinierende Mischung aus Balkan-Folklore, Musik aus Amerikas tiefem Süden und modernem Jazz. Wie gut, dass die Wirtsleute ihrer beim Jazz bewährten Südstaatenküche treu geblieben sind. Ein knuspriges Spanferkel am Stand mag zwar Vegetarier in die Flucht schlagen. Beim Anblick der zart gebräunten Stücke läuft allen anderen aber das Wasser im Mund zusammen, ebenso wie beim fett belegten "Strahlenburger". Zum letzten Set setzt die Band jetzt an mit einem eindringlichen Bass-Solo, das erst mit leise tickenden Drumsticks begleitet wird, bevor das Akkordeon die Melodie übernimmt. Nun setzt Neubauer an zum großartigsten Solo des Abends: Mal blechern, mal dumpf, mal ganz weich und mal bis ins Zwerchfell dröhnend lotet der Schlagzeuger die komplette akustische Bandbreite seines Instruments aus. Lässig, locker, absolut virtuos, zeigt er seinen Fans die ganz hohe Schule.

Alle Bändchen verkauft

> Am Schluss des Rundgangs gibt es noch die Speyer City Stompers, eine achtköpfige Formation, die gleich in zwei Gasthäusern zu hören ist. Ihr Sound dringt nämlich glasklar in den Hof des "Goldenen Hirsch", wo man sich mit knusprig-glänzenden Wildschweinbratwürsten, einer marinierten Lammhüfte oder mit "Ochsenfetzen" im Brot im Innenhof niederlassen kann. Die Pfälzer Gäste stehen derweil auf der Bühne des "Kaisers", wo sich appetitliche Grill-Dünste von brutzelnden Winzersteaks im Hof ausbreiten. Dazu spielen die "Stompers" Dixieland, New-Orleans- und Chicago-Jazz vom Anfang des 20. Jahrhunderts: schöne, zum Teil in Vergessenheit geratene Stücke, unaufgeregt und sehr melodiös gespielt. Der "Bugle Boy March" ist so ein Klassiker mit Banjo und Tuba, und zwischendurch wird man von der Band auch immer wieder überrascht: mal mit einem Marilyn-Monroe-Schlager und mal mit Chris Barbers "Ice Cream". Und, besonders gefeiert, mit "O when the Saints".

Es ist fast Mitternacht, im "Kaiser" ist eine Menge los. Nur einem kleinen, 12 Wochen alten Welpen fallen im Zeitlupentempo die Augen zu, nachdem ihn sein Herrchen auf den Arm genommen hat. Müde ist außer ihm aber jetzt noch niemand.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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