22.10.2015

75 Jahre Deportation nach Gurs: Neun Schriesheimer wurden verschleppt

Auch neun Juden aus Schriesheim wurden am 22. Oktober 1940 nach Gurs in den Westpyrenäen deportiert

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. Der letzte Tag des jüdischen Laubhüttenfests Sukkot heißt Palmfest; an diesem Tag, so glauben viele Juden, kann man das bereits gefällte Urteil für das kommende Jahr noch beeinflussen, indem man symbolisch Zettel in den Himmel schickt. Bittere Ironie, dass genau an diesem Tag vor 75 Jahren die Deportation von 6504 Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saargebiet ins französische Lager Gurs stattfand.

Am 22. Oktober 1940 wurden die Menschen zu Sammelstellen getrieben und mit Bussen abtransportiert; mit Zügen ging es dann weiter durch das besetzte Frankreich. Keiner dieser Busse oder Züge ging von Schriesheim ab, denn 1940 lebte schon kein Jude mehr in der Weinstadt. Trotzdem gehörten neun ehemalige Schriesheimer zu dem Transport; sie hießen Mina und Julius Fuld, Betty und Daniel Marx, Klara, David und Ludwig Oppenheimer, Mathilde Strauss und Max Weinberger. In einer Feierstunde auf dem jüdischen Friedhof heute um 17 Uhr wird ihrer gedacht.

"Kein fester Boden"

Die Fahrt bis zu dem Internierungslager in den Westpyrenäen dauerte drei Tage und vier Nächte. 1939 wurden hier Flüchtlinge aus dem Spanischen Bürgerkrieg untergebracht, danach stand das Lager leer. Als die Deportierten hier ankamen, war niemand auf sie vorbereitet. Die 380 Baracken, so erinnerte der Schriesheimer Professor Joachim Maier in seinem Beitrag für das 2008er Jahrbuch, hatten "keinen festen Boden und weder sanitäre Anlagen noch Trennwände"; sie waren aufgeteilt in 25 Blocks für je 1400 bis 1700 Menschen. 1941 kamen einige Internierte mit Hilfe ausländischer Organisationen frei und konnten Europa verlassen, doch viele starben an Hunger und Krankheiten. Ganz unterschiedlich verliefen auch die Schicksale von drei Schriesheimern, die die RNZ beleuchtet.

Mina Fuld (1872 bis 1959) und ihr Mann Julius (1871 bis 1943) lebten in der Passein 1, wo sie auch einen Viehhandel betrieben. Sie waren die letzten jüdischen Schriesheimer, die ihre Heimatstadt verließen. 1939 zogen sie nach Mannheim-Feudenheim, von wo sie deportiert wurden. Die gemeinsame Tochter Flora und ihr Mann Arno Trautmann lebten damals bereits in den USA, von wo aus sie versuchten, die Eltern frei zu bekommen. Unterstützung kam von einer jüdischen Hilfsorganisation: Reisepapiere und eine Schiffspassage mussten besorgt werden, schließlich gelang es, das betagte Paar im März 1941 erst in das Durchgangslager Camp de Mille und im Dezember 1941 nach Marseille und auf das rettende Schiff zu bringen. Julius Fuld, der auf einem Foto aus dieser Zeit schon schwer gezeichnet wirkt, überlebte die Flucht nur um zwei Jahre. Seine Frau, die in Gurs stürzte, war wegen ihrer Verletzungen und wegen anderer Krankheiten pflegebedürftig und verbrachte ihre letzten Lebensjahre bei Tochter und Schwiegersohn in New York. Ludwig Oppenheimer (1893 bis 1940) lebte bis 1938 in Schriesheim - die Zentrale Datenbank der Holocaust-Opfer von Yad Vashem nennt ein abweichendes Geburtstatum: 4.9.1895; als Todesdatum wird der 21.11.1940 angegeben.

Der Sohn von Beate und Simon Hirsch Oppenheimer wollte gemeinsam mit den Familien Sussmann und Oppenheimer in die USA emigrieren, doch das wurde ihm wegen einer geistigen Behinderung verweigert, so dass er ab August 1938 in einem Israelitischen Altenheim in Gailingen lebte. Von dort wurde er nach Gurs deportiert, wo er als eines der ersten Todesopfer an Typhus verstarb. 3907 Badener waren 1942 noch in Gurs. Über das Sammellager Drancy wurden sie in die Vernichtungslager geschickt; das Leben der allermeisten endete in Auschwitz-Birkenau.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung