14.12.2015

Schriesheim: "Bedürftige nicht gegeneinander ausspielen"

Landtagspräsident Wilfried Klenk besuchte gestern in Schriesheim ein Haus, das wohnungslosen Menschen Hilfe bietet

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. "Wir müssen von der politischen Seite her aufpassen, dass die verschiedenen sozialen Gruppen und Bedürftigen nicht gegeneinander ausgespielt werden", sagt Wilfried Klenk (CDU). Der Landtagspräsident ist zu Besuch im Schriesheimer Talhof. Es ist eine Station seiner Tour, die er auf Einladung seines Landtagskollegen Georg Wacker in dessen Wahlkreis unternimmt und die sich hauptsächlich um sozialpolitische Fragen dreht. Klenk hofft jedenfalls, dass aufgrund des Flüchtlings-Zustroms nicht der Eindruck entsteht, dass anderswo soziale Probleme vernachlässigt würden.

Günther Förster weiß aber, dass dieser Eindruck durchaus entsteht. Der Talhof-Leiter berichtet von einem wohnungssuchenden Bewohner, der in den Zeitungen immer wieder lese, dass Wohnungen für Flüchtlinge gesucht würden: "Er hat zu mir gesagt, ,ich bin deshalb noch nie in der Zeitung gestanden’." Und Klenk hat noch die Klagen einer jungen, berufstätigen Mutter im Ohr, die keine Hilfe bekam und fürchtete, zu kurz zu kommen. Trotzdem, sagt Heinz Waegner: "Die Flüchtlingswelle hat uns noch nicht erreicht."

Es ist ein Aspekt in der Diskussion um wohnungslose Menschen, ihre Probleme, ihre Zukunftsaussichten und die Finanzierung von Einrichtungen. Der Talhof mit seinen 48 Bewohnern gehört zur Wiedereingliederungshilfe der Evangelischen Stadtmission, wie auch der benachbarte Mühlenhof, dessen Leiter Waegner auf geänderte Ausgangssituationen in der Wohnsitzlosenhilfe eingeht: "Früher gab es den typischen ,Durchwanderer’, heute haben wir mehr zu tun mit psychiatrischen Erkrankungen, etwa Borderline-Patienten. Für die sind wir eigentlich nicht die richtige Einrichtung." Die Verweildauern in psychiatrischen Kliniken und Krankenhäusern seien verkürzt worden, erklärt Förster: "Die Leute kommen immer noch mit einem Hilfebedarf aus der Klinik." Und dann eben auch in den Talhof, wo er sich nun wünscht, dass Geld da wäre für eine psychiatrische Sprechstunde, für Ärzte und Personal, das man für diese Fälle "von außen einkaufen" müsse.

Ein Problem mit dem Personal gibt es in beiden Einrichtungen nicht, das können die Politiker und Kreisrätin Julia Philippi jedenfalls mitnehmen. Waegner berichtet von sehr geringer Fluktuation, von einer abwechslungsreichen Arbeit mit interessanten Menschen, und Förster lobt den Einsatz vieler Ehrenamtlicher vor Ort. Er sieht die Probleme eher darin, bezahlbaren Wohnraum für diejenigen zu finden, die ausziehen wollen.

An der Peripherie gebe es den noch, aber da fehlten soziale Anknüpfungspunkte, Arbeitsstellen und Einkaufsmöglichkeiten: "Also konzentriert sich alles auf die Ballungszentren. Da gibt es kaum eine finanzierbare Wohnung für jemanden, der noch Arbeitslosengeld II bezieht." Während es früher noch möglich gewesen sei, über die Wohlfahrtsverbände eine Ausbildung in den Werkstätten anzubieten, sei dafür heute die Agentur für Arbeit zuständig, und die wälze die Kosten auf den Arbeitgeber ab: "Wir suchen also ständig nach Nischen und speziell auf uns zugeschnittenen Lösungen." Finanzierungs- und Schlichtungsmöglichkeiten wünscht er sich noch, während Waegner sich über einen Ombudsmann freuen würde, der sich der Belange etwa der Wiedereingliederungshilfe annehmen könne.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung