17.01.2016

Schriesheim: Nach langer Reise kamen 50 Flüchtlinge an

Gestern bezogen 50 Flüchtlinge die ehemalige Gewerbeimmobilie in der Carl-Benz-Straße 23

Erst mal ankommen: Die Flüchtlinge stammen aus Syrien, Afghanistan und Pakistan. Foto: Dorn

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. Die Eingangstür steht sperrangelweit offen, und ein kalter Lufthauch zieht durchs Erdgeschoss in der Carl-Benz-Straße 23. Gerade sind 50 Flüchtlinge in das dreistöckige Gebäude mit den 22 Zimmern eingezogen, und auf dem breiten, noch kahlen Flur herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. 50 sind es, nicht 60, wie kürzlich angekündigt, und sie kommen aus Syrien, Pakistan oder Afghanistan. "Acht Familien sind da, fünf Frauen, davon eine mit Kind, außerdem 16 alleinstehende Männer", sagt Fadime Tuncer von der Schriesheimer Flüchtlingshilfe. Ein Säugling, ein vier- und ein zweijähriges Kind seien dabei, außerdem elf Jugendliche von zehn bis 17 Jahren und auch ältere Menschen.

Sechs Sozialarbeiter sind ebenfalls vor Ort, doch die sind weniger auskunftsbereit. Der Besuch der RNZ sei nicht mit dem Landratsamt abgesprochen, man werde keine Auskünfte geben. Aus Datenschutzgründen. Nur so viel: Offiziell zuständig für die Betreuung der Neuankömmlinge sind die Sozialarbeiter Karen Maas und Marco Sagheddo.

Ebenfalls aus Datenschutzgründen gibt es für die Schriesheimer Helfer keine Liste mit Namen und Zimmernummern, so dass Tuncer gezwungen ist, nun selbst eine zu erstellen: "Zusammenarbeit stelle ich mir anders vor." Dabei ist es das, was sie will, denn sie hat bereits eine Liste mit 15 potenziellen Paten an der Hand. Ein Pate soll jeweils einer Familie zugeteilt werden, so Tuncers Vorstellung. Gemeinsam würden Arztbesuche und Behördengänge erledigt sowie alles, was so zum Ankommen gehört.

Eine Weinheimer Patin gibt es bereits: Marta Kurz betreut seit mehreren Monaten eine siebenköpfige syrische Familie, von der die Mutter und vier der Kinder bis gestern im Weinheimer Ebert-Hotel untergebracht waren. Der Vater und der siebenjährige Sohn leben in den "Sullivan-Barracks" in Mannheim und durften den Rest der Familie nicht besuchen. Dort sei es nicht gut, keiner habe dort geholfen, sagt die Mutter auf Englisch. Immerhin durfte sie zu Besuch kommen, und nun hofft sie, dass die Familie in ein bis zwei Wochen in Schriesheim wieder zusammenkommt. Dann könnten alle in der kleinen Wohnung unterm Dach leben. Dort gibt es eine separate Küche und Waschmaschine, alles strahlt Ruhe und Sauberkeit aus.

Etwas, das an diesem Abend wohl jeder braucht, denn die Fahrt nach Schriesheim war eine Nervenprobe: Ab 6 Uhr früh wurden die Flüchtlinge aus Mannheim, Heidelberg und Weinheim mit dem Bus abgeholt, dann sollte es zur Registrierung weitergehen nach Sinsheim. Weil der Busfahrer aber versehentlich die Gemeinde Sinzheim ins Navi eingab, machten alle eine unfreiwillige Reise in den Kreis Rastatt, bevor sie Schriesheim mit sechs Stunden Verspätung um 18 Uhr erreichten.

Wieder ein kalter Lufthauch: Zwei von Tuncers Mitstreitern schleppen Bleche mit Pizza und große Säcke mit Brötchen herbei - Spenden der beiden Schriesheimer Bäckereien Heiss und Höfer. Als nächstes werden blaue Taschen mit Obst und Toilettenartikeln verteilt, für die Kinder gibt es Spielzeug. Manche stehen etwas verloren im Getümmel, nur die Jüngste lächelt zart. Jadgar ist sechs Monate alt, und geboren wurde die Tochter afghanischer Eltern auf der Flucht. Die Familie Azzizi hat einen in Schriesheim lebenden Landsmann als Dolmetscher gefunden, der ihre Geschichte erzählt. Anderswo im Raum redet man mit Händen und Füßen, zeigt Videos nach einer gelungenen Fahrt übers Mittelmeer, und wieder geht die Tür auf. Ein Schriesheimer zückt einen 20-Euro-Schein, überreicht ihn Tuncer und sagt dazu: "Ich hatte keine Süßigkeiten, aber vielleicht könnt ihr das gebrauchen."

Tuncer lächelt und bedankt sich, doch bald wird sie wieder ernst: Zwei Männer haben herausgefunden, dass die Duschen im Erdgeschoss nicht abschließbar sind. Handtücher gibt es auch nicht. Es scheint so, als würde es noch ein langer Abend, bis alle zur Ruhe kommen dürfen. Heute soll es einen ersten Rundgang durch Schriesheim geben, und eine Helferin hat eine Bitte: "Die Kinder müssen gleich lernen, auf den Verkehr achtzugeben."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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