26.01.2016

Flüchtlingsfamilie in Schriesheim: In ihrem Land war immer Krieg

Die afghanische Flüchtlingsfamilie Azizi sprach mit der RNZ über ihre persönlichen Fluchtgründe

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. "Fluchtursachen bekämpfen" ist eine Formulierung, die oft in Debatten rund um den Flüchtlingsstrom zu hören ist. Armut, Verfolgung und Krieg sind die Stichworte. Die RNZ besuchte jetzt eine der neu eingetroffenen Flüchtlingsfamilien in der Carl-Benz-Straße 23, begleitet vom Schriesheimer Sherwin Ramzani, der aus dem Afghanischen dolmetschte. Die vierköpfige Familie Azizi berichtete im Gespräch sehr offen über ihre persönlichen Fluchtgründe. Seit gut zwei Monaten sind die Azizis nun in Deutschland, dem Ende einer zweijährigen Reise, die in Kabul begann.

Kein Kontakt zur Außenwelt

Zwei Jahre vor dem russischen Einmarsch geboren, kennt der knapp 40-jährige Blumenverkäufer Idris Azizi nur Krieg und Gefahr. Nie habe man gewusst, ob man unverletzt wieder nach Hause komme. Einmal schlug eine Rakete auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein, der Familienvater wurde durch einen Splitter im Bein verletzt. Dem Mann, der neben ihm stand, riss die Wucht der Explosion einen Arm ab, er verblutete vor seinen Augen.

Azizis Frau Mezhgan erlebte Kabul als ein Gefängnis. Nie konnte die heute 29-Jährige das Haus verlassen, auf den Straßen wurden Frauen ohne Kopftücher belästigt, und ab 20 Uhr abends, sagt sie, "gab es keine Gesetze mehr." Ansonsten machten der schwache afghanische Staatsapparat, der IS oder die Taliban die Gesetze. Mit unbewegter Miene berichten die Eheleute über brutale öffentliche Bestrafungen Andersdenkender: Arme seien öffentlich abgehackt worden, Menschen geköpft oder entlang der Straßen gehängt worden. Kinder kamen nicht immer aus der Schulen nach Hause. Manche wurden von Lösegeld-Erpressern verschleppt; oft ließen die Eltern ihre Kinder nicht vor die Tür. "Man hatte keinen Kontakt zur Außenwelt, wusste nie, was am nächsten Tag passierte", sagt Idris Azizi, und: "Wir haben nichts gesehen, konnten nie ausgehen."

Seine Frau kämpft mit den Tränen: "In unserem Land war immer Krieg, deshalb sind wir so ungebildet. Wir wollen dieses Leid nicht auch für unsere Kinder." Deshalb floh die Familie in den Iran, doch hier wurden Afghanen von den Behörden gegängelt, und der Entschluss reifte, nach Europa zu gehen, irgendwo in Sicherheit zu sein. In einer Gruppe von etwa 300 Personen traten sie einen 18-tägigen Fußmarsch in Richtung Türkei an, schliefen wenig, gingen Tag und Nacht.

Nachts war es bitterkalt, und eine Bauernfamilie gewährte ihnen Unterschlupf; am Feuer wurde ein Säugling gerettet, den man schon für erfroren hielt. Ein anderes Baby schaffte es nicht. "Geht ruhig weiter", sagten die Bauern zu den Eltern, "wir beerdigen euer Kind für euch." Die konnten ihren Schmerz nicht einmal hinausschreien, denn ständig drohte Gefahr. An der Grenze wurde auf die Flüchtenden geschossen, überall lagen Leichen. Von der Türkei aus überquerten Azizis gemeinsam mit über 40 anderen im Schlauchboot das Meer. Eltern mit einem Zwillingspaar fuhren mit; das eine Baby starb unterwegs. "Die Eltern haben beschlossen, das tote Kind ins Wasser zu geben", erzählt Mezhgan Azizi. Dem Vater unterlief in der Dunkelheit ein schrecklicher Fehler: Er legte das lebendige Kind ins Wasser. Seinen Irrtum bemerkte er erst, als die Gruppe auf der trostlosen griechischen Insel ankam, die sie bald wieder verließ. Mit Bussen ging es für die Familie weiter, quer durch Europa; für die Fahrkarten ging das restliche Geld drauf, so dass sie mit nur noch 20 Euro in Deutschland ankam.

"Erwachsene" Wünsche

Die Kinder, sagt ihre Mutter, erinnern sich nach über zwei Jahren nicht mehr gut an ihre Heimat. Der zehnjährige Rameen sagt, er habe nicht oft zur Schule gehen können, keine Freunde gehabt. Der Junge mit dem ernsten, blassen Gesicht will Deutsch lernen und später Polizist werden; seine neunjährige Schwester Kreshma will Ärztin werden, zur Schule gehen.

Es sind merkwürdig "erwachsene" Wünsche für zwei Kinder, deren Altersgenossen hier vielleicht von Fahrrädern oder Legofiguren träumen. Vielleicht, vermuten ihre Eltern, haben sie das Spielen auf der Flucht verlernt. Gespendete Bücher und Spielzeug stehen ordentlich auf dem Fensterbrett. Als ob die Kinder nicht so recht wüssten, was sie damit anfangen sollen.

Idris und Mezhgan Azizi (v. r.) mit ihren Kindern, dem zehnjährigen Rameen und der neun Jahre alten Kreshma. Foto: Dorn

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung