06.06.2016

Wenn Fahrzeuge im Branichtunnel brennen

Von Carsten Blaue

Schriesheim/Bergstraße. Am Samstag, um 15.12 Uhr, dröhnt eine Durchsage durch alle Lautsprecher des Branichtunnels und an den Portalen. Die feste Männerstimme informiert über eine "größere Verkehrsstörung" in der Röhre und fordert dazu auf, den Tunnel über die Rettungswege zu verlassen, Ruhe zu bewahren und anderen zu helfen. Die "größere Verkehrsstörung" ist der Brand zweier Lastwagen und eines Transporters im Tunnel, gut 600 Meter nach der Einfahrt ins Westportal. Auch andere Autos sind noch drin. Anhand dieses Szenarios üben die Rettungs- und Sicherheitskräfte den Ernstfall und prüfen den Alarm- und Gefahrenabwehrplan im Praxistest.

Viele Bürger beobachten von der Leutershäuser Brücke aus, wie das ganz große Aufgebot anrückt, das man nur im schlimmsten Fall braucht. Von der Feuerwehr sind Schriesheim und die Ortsteile sowie Dossenheim, Ladenburg, Hirschberg, Heddesheim, Wilhelmsfeld, Weinheim, Ilvesheim und Edingen-Neckarhausen dabei - insgesamt 130 Kameradinnen und Kameraden mit 25 Fahrzeugen und einem Quad, das Ausrüstung über den Fluchtstollen ins Tunnelinnere bringen kann. Das Rote Kreuz schickt 27 Retter mit sechs Fahrzeugen und baut auf dem Friedhofsparkplatz ein Zelt für die "Patientenablage" auf. Auch hier bleiben viele Passanten interessiert stehen. Die Polizei kommt zu fünft in drei Autos und sperrt am Ost- und Westportal ab.

Die Einsatzkräfte verteilen sich an die Tunnelausgänge. "Löschen, um zu retten", ist ihre Devise. Zwar ist der Tunnel mit seinen Rettungsstollen auf Selbstrettung ausgelegt. Dennoch dürfen sie keine Zeit verlieren. Wichtig ist, wie der Wind im Tunnel weht. Den Luftzug im Rücken, dringen die Feuerwehrleute vor, die Entrauchungsanlage funktioniert, hat bei Lastwagenunfällen aber laut Schriesheims Feuerwehrkommandant Oliver Scherer ihre Kapazitätsgrenzen. Funkprobleme gibt es erneut am Ostportal. Ansonsten funktioniert alles. Tunnelwärter Benjamin May vom Rhein-Neckar-Kreis, der nach der Inbetriebnahme am Wochenende vom 18. und 19. Juni für den Tunnel zuständig ist, kann sich nach der Alarmierung sofort einwählen und ein Bild von der Lage machen. Auch die Leitstelle in Ladenburg verfügt über Live-Bilder aus dem Tunnel. Die Kameraaufzeichnungen werden später einen wichtigen Beitrag zur Ermittlung der Brandursache leisten können. Doch zunächst geht es um die Menschen in der Röhre und das Feuer.

Fünfertrupps der Feuerwehr dringen über die Fluchtstollen an die Querschläge zum Tunnel vor. Jede Gruppe hat 300 Meter Tunnelstrecke zu sichern und zu kontrollieren - nach Personen in Fahrzeugen. Und das in 45 Minuten. Sie bergen insgesamt neun Verletzte, schaffen sie aus dem Tunnel und übergeben sie dem Rettungsdienst. Die Schwerverletzten würden direkt ins Krankenhaus gefahren, so der Leitende Notarzt, Dr. Marcus Rudolph. Er spricht von einer komplexen Rettungssituation, weil es mit den Portalen und den Fluchtstollen gleich vier mögliche Punkte gibt, an denen Patienten ans Tageslicht gebracht werden.

Andere Feuerwehrleute dringen derweil vor bis zur Unfallstelle. Hier hätten sie im Ernstfall gegen die Verrauchung zu kämpfen. Um die Sichttrübung zu simulieren, tragen sie doppelte Klebefolien vor ihren Atemschutzmasken.

An den Hydranten im Tunnel können sie ihre C-Schläuche anschließen und unter Atemschutz löschen - auch das Gewölbe, damit der Beton unter der Hitze nicht platzt, wie Schriesheims Pressewart der Feuerwehr, Bernhard Liebetrau, erläutert. Für alle Floriansjünger ist der Einsatz harte körperliche Arbeit. Die Kühle im Berg spüren sie nicht und kommen völlig verschwitzt ins Freie.

Hier, vor dem Betriebsgebäude, hat die Einsatzleitung Stellung bezogen. Bei Schriesheims stellvertretendem Kommandanten, Andreas Baar, läuft alles zusammen. Auch er kann für die Einsatztaktik auf die Kamerabilder im Betriebsgebäude zurückgreifen. Was jedem Laien sofort auffällt, ist die enorme logistische und koordinative Leistung dieser Übung. "Wir werden alles dokumentieren und auswerten", sagt Schriesheims Kommandant, Oliver Scherer: "Damit wir nachjustieren können, wenn nötig." Also wird diese Dokumentation in der Alarm- und Gefahrenabwehrplanung berücksichtigt: "Auch wenn die Realität natürlich immer etwas anders aussieht", so Scherer. So wäre ein Stromausfall beispielsweise der "Super-GAU", sagt er. 20 Minuten Notstromversorgung, und dann funktioniere auch die Entrauchung nicht mehr.

Die Schriesheimer würden schon ihre Erfahrungen sammeln, sagt Weinheims Stadtbrandmeister Reinhold Albrecht. Er ist als Übungsbeobachter am Ostportal beauftragt und weiß, wovon er spricht - er hat den Saukopftunnel vor der Haustür: "Das wird mit der Zeit Tagesgeschäft." Und dann werde man auch erkennen, an welchen Stellen man die Alarmierung optimieren kann. Den Kameraden der Weinstadt zollt er ein großes Lob: "Die Schriesheimer haben sich wirklich optimal auf den Branichtunnel vorbereitet." Mit zeitlich enormem Aufwand hätten sie viele Vorgaben zu bewältigen gehabt und die Ausbildung zur Tunnelbrandbekämpfung in der Schweiz absolviert. "Wir haben gesehen, wie gut die Rettungskräfte zusammenarbeiten, das ist ganz wichtig und hat mich beeindruckt", so Bürgermeister Hansjörg Höfer: "Hoffentlich wird das heutige Szenario immer nur Übung bleiben."

Mit dieser Hoffnung soll der Branichtunnel auch am Samstag, 18. Juni, um 11 Uhr offiziell seiner Bestimmung übergeben werden. Für Verwirrung sorgt am Wochenende eine Äußerung des Regierungspräsidiums, die Stadt Schriesheim habe das für den Eröffnungstag geplante Bürgerfest um 17 Uhr auf dem Festplatz abgesagt. Höfer dementiert das auf RNZ-Anfrage umgehend: "Die Stadt bereitet derzeit das Programm vor, das in Kürze vorgestellt wird."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung