29.08.2016

Der Iraner Pooria Vartavan will in Schriesheim Schreiner werden

Nach einem Jahr kann Vartavan endlich wieder arbeiten. In Teheran betrieb der studierte Bauingenieur ein Modegeschäft. Jetzt will er Schreiner werden.

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Es ist kalt an der türkischen Küste an diesem Novembertag. In der Dunkelheit springen die Menschen ins Schlauchboot: Frauen und Kinder in die Mitte, die Männer an die Seite. 20 Leute pro Boot wären es, hatten die Schleuser gesagt, in Wirklichkeit sind es etwa 45.

Unter ihnen ist Pooria Vartavan mit seiner Frau Zohre und ihrem Sohn Nico. Sie kommen aus dem Iran, Pooria studierte dort Bauingenieurwesen, betrieb dann aber ein Modegeschäft in Teheran. Sein Vater war Pilot bei der Luftwaffe gewesen, hatte im Krieg gegen den Irak gedient. Eigentlich hatten die Vartavans keinen Grund zum Fliehen.

Doch dann wurde Pooria durch einen Freund seines Vaters Christ. Er begann, heimlich zum Hauskreis zu gehen, musste seinen Glauben geheim halten. Ende 2015 entschied er sich, mit seiner Familie zu fliehen. In der Türkei wäre er fast festgenommen worden, denn Iraner werden durch den Flüchtlingspakt nicht mehr nach Europa gelassen.

Das Boot, in dem er und seine Familie an diesem Novembertag sitzen, ist undicht. Das Wasser steigt und steigt. Gefühlt dauert die Fahrt eine Ewigkeit, dann erreichen sie doch noch die griechische Insel Mytilini. "Das war ein Wunder", sagt Pooria und trinkt am Stadtbrunnen seinen Kaffee.

"Ich fühle mich sehr wohl in Schriesheim", sagt er. Nicht nur die Menschen seien sehr nett, auch die Natur und besonders die Weinberge seien wunderschön. Im Iran gibt es am Kaspischen Meer ähnliche Landschaften, die ein beliebtes Ziel der Teheraner Großstädter ist.

Bei der Schreinerei Volker Grüber hat Pooria zwei Wochen als Praktikant gearbeitet. "Das war für mich sehr gut", findet er: "Stell dir vor, du wachst nach einem Jahr endlich einmal wieder auf und kannst zur Arbeit gehen." Dass Schreinern mit seinem Studium und vorigen Beruf nichts zu tun hat, stört ihn nicht.

"Als Kind habe ich die Schreinerei immer geliebt. Das hat etwas mit Kunst zu tun", sagt er. Sein Chef vertraue ihm, die Kollegen seien auch sehr nett: "Das bedeutet mir viel." Er hofft, dort seine Ausbildung anfangen zu können. Seinen Vorvertrag hat er unterzeichnet. Nun wartet er auf Rückmeldung vom Ausländeramt des Rhein-Neckar-Kreises. Allerdings würde im ersten Jahr vor allen Dingen Berufsschule auf dem Programm stehen: An der Heinrich-Lanz-Schule 2 in Mannheim würde er dabei sowohl im ganz normalen Schulunterricht als auch in praktischen Berufsfächern lernen. Erst nach einem erfolgreichen Abschluss der Prüfungen könnte er für die folgenden zwei Jahre im Betrieb weiterlernen. "Mannheim ist ein bisschen weit", sagt Pooria, "aber wenn es klappt, ist das sehr gut."

Sein Sohn Nico besucht ab dem kommenden Schuljahr die Kurpfalz-Realschule. In einer deutschen Klasse werde er schnell viel Deutsch lernen, hofft sein Vater. Mutter Zohre arbeitet häufig im Begegnungszentrum der Evangelischen Kirchengemeinde, während der Betriebsferien lernt sie vor allem Deutsch.

Als die Vartavans Anfang des Jahres nach Schriesheim kamen, besuchten sie zunächst regelmäßig Poorias Tante in Leimen. Jetzt ist ihnen vor allem daran gelegen, in Schriesheim Kontakte zu knüpfen. "Das ist jetzt unsere Heimat", sagt Pooria. Wenn er seinen Ausbildungsplatz bekommt, wartet bereits die nächste Herausforderung auf ihn: der deutsche Führerschein: "Mein Chef hat gesagt, dass ich das bald machen soll." Verglichen mit der Fahrt über das Mittelmeer sollte das für Pooria kein Problem sein.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung